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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Festakt anlässlich des Treffens der Nobelpreisträger im Rahmen des Einsteinjahres

Gruppenbild: Bundespräsident Köhler mit den Nobelpreisträgern Potsdam, 25. Juni 2005 Foto: Guido Bergmann, bpa © Foto: Guido Bergmann, bpa

"nobelpreis fuer physik ihnen zuerkannt naeheres brieflich" - am 10. November 1922 wird dieses Telegramm in Stockholm aufgegeben. Es erreicht den Adressaten nie: Albert Einstein erfährt während einer Schiffsreise von der ihm zugedachten Ehrung. Heute sind unter uns fast dreißig Menschen, die eine solche Nachricht auch einmal erhalten haben. Nobelpreisträger der Physik, der Chemie, der Medizin oder Physiologie geben uns die Ehre, damit wir gemeinsam einen der Ihren ehren. Liebe Nobelpreisträgerinnen und liebe Nobelpreisträger: Wir freuen uns in Deutschland sehr, dass Sie heute alle bei uns sind.

In der ganzen Welt wird in diesem Jahr an Albert Einstein erinnert - wobei "erinnern" eigentlich das falsche Wort ist, denn auch 50 Jahre nach seinem Tod ist er immer noch der bekannteste Wissenschaftler der Welt.

Vor 100 Jahren formulierte Einstein die Spezielle Relativitätstheorie und revolutionierte mit einer Handvoll Studien die Physik: Sein "annus mirabilis" markiert Deutschland durch das "Einsteinjahr". Ihr Besuch in Deutschland, liebe Nobelpreisträger, ist einer der Höhepunkte des Einsteinjahres.

Ich danke Ihnen, dass Sie der Einladung der Max-Planck-Gesellschaft und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften nach Berlin und Potsdam gefolgt sind. Wir fühlen uns durch Ihren Besuch geehrt.

Einstein hat hier 18 Jahre lang gelebt und gearbeitet. Feuerrote "E"s dokumentieren derzeit seine Spuren in Berlin. Aber es muss auch gesagt werden: Er hat sich hier nicht nur wohl gefühlt - nach seiner erzwungenen Emigration ist er nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Wie er wurden auch andere große Denker im Dritten Reich aus unserem Land gedrängt; viele, die blieben, mussten nicht nur um Freiheit, Besitz und Gesundheit, sondern auch um ihr Leben fürchten. Umso wichtiger ist uns heute, unser freiheitliches Land und unseren lebendigen Wissenschaftsstandort attraktiv für Menschen aus aller Welt zu machen.

Von allen Seiten wird Einstein in diesem Jahr be- und durchleuchtet: Vorlesungen, Fernsehsendungen, Bücher und Internetseiten versuchen, sein Denken einem breiten Publikum in Deutschland nahe zu bringen; Podiumsdiskussionen untersuchen sein schwieriges Verhältnis zu Deutschland; sein Judentum wird ebenso diskutiert wie sein Engagement für Frieden und Menschenrechte. Eine große Ausstellung in Berlin zeigt uns den "Ingenieur des Universums", das gerade wiedereröffnete Sommerhaus in Caputh bringt uns den Menschen Einstein - denkend, segelnd, musizierend - nahe. Durch Hannover fährt eine Einstein-Straßenbahn, es gibt Einstein-Poster, Einstein-Kalender, Einstein-Kaffeebohnen. Und ich bin sicher: Wäre der große Physiker nicht Abstinenzler gewesen - irgendwo in Deutschland würde heute auch ein Einstein-Bier gebraut.

Überall wird der "Mythos Albert Einstein" beschworen. Einstein wird zur sagenhaften Lichtgestalt erhoben, fast schon zum Popstar der Wissenschaft. Was bleibt davon - über dieses Einsteinjahr hinaus? Was ist Einsteins Vermächtnis für uns - unabhängig davon, ob wir seine Theorien verstehen? In seinem Vortrag zur Eröffnung des Einstein-Jahres hat der Wissenschaftshistoriker Yehuda Elkana diese Frage so beantwortet: "Einstein wollte befreien von allen Konventionen, Zwängen und Beschränkungen - von allem, was dem freien Lauf der Phantasie im Wege stehen könnte". Ja, Freiheit - das ist die Lebensbotschaft Albert Einsteins. Einsteins Vorbild zeigt uns, worauf es ankommt: auf das Überwinden von Denkblockaden, das Auflösen von künstlichen Trennungen, das Zusammenbringen von scheinbar Unverbundenem - nicht nur in der Physik!

Als Einstein mit seinen Arbeiten begann, steckte seine Wissenschaft in einer Sackgasse: Mitte des 19. Jahrhunderts verkündeten viele das "Ende der Physik", weil die Welt im Wesentlichen erklärt schien. Selbst Max Planck soll von einem Studium der Physik abgeraten worden sein, weil es zu wenig Neues zu entdecken gäbe.

Doch Einstein befriedigten die Erklärungen, die Newtons Mechanik und Maxwell´sche Elektrodynamik lieferten, nicht. Zu groß waren die Widersprüche, zu wenig aussagekräftig waren die immer neuen Hilfshypothesen, mit denen diese Diskrepanzen überbrückt werden sollten. Einstein wollte den Dingen neu auf den Grund gehen - und revolutionierte dabei unsere Vorstellung von Zeit und Raum. "Ich habe keine außergewöhnliche Begabung, bin nur etwas skeptischer und neugieriger als andere Leute" - so brachte Einstein selbst einmal das Geheimnis seines Erfolges auf einen Nenner. Diese Neugier, die Bereitschaft, Dinge grundsätzlich zu hinterfragen, nichts als gegeben hinzunehmen, trieb ihn an.

Ich bin sicher: Die anwesenden Nobelpreisträger kennen diesen Motor. Wir brauchen Neugier überall - nicht nur in der Wissenschaft. Denn nur wenn wir Fragen stellen, werden wir auf die drängenden Herausforderungen unserer Zeit Antworten finden.

Neugier kann indes nicht verordnet werden. Aber sie kann geweckt und in bestimmten Grenzen auch geschult werden. Deswegen ist es wichtig, dass sich gerade junge Menschen von Einstein zu aufgeschlossenem Denken und gesunder Skepsis inspirieren lassen. Aber sie brauchen auch lebende und erlebbare Vorbilder. Sie, liebe Nobelpreisträger, werden in den kommenden Tagen in Lindau mit Studierenden zusammentreffen, mit ihnen diskutieren, Ideen und Erfahrungen austauschen. Die Insel Mainau wird für einige Tage ein Gravitationszentrum der Neugier werden. Ich bin sicher, das würde Einstein gefallen.

Gefallen hätte ihm sicher auch die disziplinenübergreifende Zusammensetzung des diesjährigen Nobelpreisträgertreffens. Einstein suchte den Austausch mit Vertretern anderer Fächer, sein breites Orientierungswissen ermöglichte ihm den Wechsel der Perspektiven und half ihm bei der Verknüpfung scheinbar weit auseinander liegender Probleme.

Die Freiheit seines Denkens zeigt sich auch darin, dass die Trennung von Grundlagenforschung und Anwendungsforschung für ihn keine Bedeutung hatte. Einstein ließ sich von technischen Fragen inspirieren, um Phänomenen grundsätzlich auf den Grund zu gehen. "Ich habe nie aufgehört, mich mit technischen Dingen zu beschäftigen... dies war auch für das wissenschaftliche Forschen vorteilhaft", schrieb Einstein 1930 an einen Freund. Dass Einstein auch Kühlschränke konstruierte, passt nur scheinbar nicht ins Bild des großen Theoretikers.

Ein übergreifendes Verständnis von Wissenschaft wird immer bedeutender: Je komplexer die Gegenstände werden, desto wichtiger ist ein Perspektivenwechsel bei ihrer Untersuchung, desto notwendiger ist Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen. Innovation entsteht heute vor allem an den Rändern der Fachgebiete - an den Schnittstellen der Disziplinen.

Ich will Ihnen ein Beispiel dafür nennen, das ich aus eigener Anschauung kenne: Im vergangenen Jahr habe ich ein Projekt mit dem Deutschen Zukunftspreis - dem Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation - ausgezeichnet, das Biochiptechnologie und Elektrotechnik miteinander verbindet. An diesem "Labor auf dem Chip" haben Wissenschaftler aus einer staatlich geförderten Forschungseinrichtung zusammen mit Entwicklern aus der Industrie gearbeitet. In doppelter Weise wurden hier Grenzen überschritten - zwischen Fächern, aber auch zwischen der Wirtschaft, der Wissenschaft und dem Staat.

Einsteins Vorbild zeigt uns gewissermaßen die "inneren" Bedingungen für freies, schöpferisches Denken. Aber damit allein ist es nicht getan - heute noch weniger als zu Einsteins Zeiten. Wir müssen auch nach den äußeren Rahmenbedingungen fragen, die erfolgreiche Wissenschaft möglich machen.

Einstein hilft uns da nur bedingt weiter: Bevor er nach Berlin kam, war er ein "Genie nach Feierabend". Seine Stelle als Experte 3. Klasse im Berner Patentamt hat ihm sicher praxisnahe Einblicke in die angewandte Physik seiner Zeit gegeben und ihn wirtschaftlich abgesichert. Freiräume für seine eigene Arbeit musste er vor allem jenseits seines 48-Stunden-Jobs suchen. Wohl auch deshalb hat Einstein später einmal Nachwuchswissenschaftlern empfohlen, eine Stelle als Leuchtturmwärter anzustreben. Unabhängigkeit und Zeit: Die anwesenden Nobelpreisträger wissen, wie wichtig diese Faktoren für erfolgreiches Forschen sind.

Wenn wir herausragende Wissenschaft wollen, müssen wir die Voraussetzungen dafür sichern. Von Wissenschaft und Forschung hängt nicht nur die Zukunftsfähigkeit Deutschlands ab. Die Herausforderungen der Globalisierung werden wir nur meistern, wenn wir konsequent darauf setzen, neue Ideen zu entwickeln und daraus innovative Produkte und Projekte zu machen.

Der Wettbewerb der Ideen ist längst ein globaler - die Biografien der anwesenden Nobelpreisträger machen dies deutlich. Mit großer Dynamik entstehen in der Welt neue Wissenschaftsregionen, aus denen wir immer öfter spannende Innovationsnachrichten hören.

Die Europäer haben sich vor fünf Jahren in Lissabon das Ziel gesteckt, die EU bis zum Jahr 2010 zum wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Bisher ist nicht allzu viel dabei herausgekommen. Zu viel Papier, zu wenig Taten. Ich glaube, die aktuelle europäische Diskussion wird nur dann zu wirklich guten Ergebnissen führen können, wenn sie auch Wissenschaft und Forschung in Europa stärker als bisher, konzentrierter als bisher fördert und unterstützt. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Wir Europäer müssen jetzt die Weichen stellen, wenn wir uns diesem Ziel zumindest annähern wollen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass gerade vorgestern endlich die Exzellenzinitiative für die deutschen Hochschulen und der Pakt für Forschung und Innovation für die außeruniversitäre Forschung verabschiedet wurden.

Beide Programme wollen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft stärken - mit Geld ebenso wie mit neuen Möglichkeiten der Kooperation. Frau Ministerin Bulmahn: Ich möchte Sie beglückwünschen, dass diese lange Geschichte doch gut geendet ist und wir alle danken Ihnen dafür, dass Sie die Ausdauer hatten, das durchzustehen! Mit diesen beiden Programmen sollen die Leuchttürme der deutschen Wissenschaft sichtbar werden - wir müssen aber auch dafür sorgen, dass die verstärkte Unterstützung zur Selbstverständlichkeit wird.

Das setzt voraus, dass es ein öffentliches Bewusstsein für die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung in der Gesellschaft gibt. Die Menschen müssen wissen: Es lohnt sich - ja, es ist notwendig, für unsere Zukunft in Forschung zu investieren. Ein innovationsfreundliches Klima braucht den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Wissenschaft muss sich erklären, muss sich stärker öffnen und die Öffentlichkeit auch suchen. Nur dann kann es auch gelingen, Ängste und Vorbehalte vor wissenschaftlichem Fortschritt zu entschärfen. Nur so werden die Chancen - nicht nur die Risiken - von Wissenschaft sichtbar.

Einstein war sich der Bedeutung dieses Dialogs bewusst. Das kleine Bändchen "Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie - Gemeinverständlich" hielt er für eine seiner wichtigsten Veröffentlichungen. "Public Understanding of Science" - Einstein hat auch auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet. Dass er den Ausflug ins Populärwissenschaftliche nicht scheute, den öffentlichen Diskurs über seine Wissenschaft suchte - einmal mehr zeigt sich darin die Freiheit seines Denkens, seine Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten.

In späteren Jahren hat Einstein einmal über sich gesagt: "Zur Strafe für meine Autoritätsverachtung hat mich das Schicksal selbst zu einer Autorität gemacht." Und genau das ist Einstein heute noch, für mich, und ich denke, für viele: eine Autorität der Freiheit.

Feiern wollen wir ihn heute mit einer Grenzüberschreitung besonderer Art: Einstein meets Art - Tanz trifft Gesang - Potsdam begegnet New York. Ich bin gespannt auf das Singballet und die Künstler aus zwei Einsteinländern!