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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Einweihung der Johanniskirche

Der Erzbischof von Estland und der Bundespräsident reichen sich die Hand Tartu/Estland, 29. Juni 2005 Foto: Andrea Bienert, bpa © Foto: Andrea Bienert, bpa

Meine Frau und ich freuen uns sehr, dass wir zur Einweihung der Johanniskirche in Tartu zu Ihnen kommen konnten. Es war eine sehr stimmungsvolle, aber auch sehr strahlende Feier, an der wir teilgenommen haben. Sie hat mir den Eindruck von Kraft vermittelt und von Entschlossenheit, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Die Narben der Kirche lassen dabei noch erahnen, welchen Weg das estnische Volk in seiner jüngeren Geschichte bewältigt hat.

Wir kommen gerade von einem kleinen Spaziergang durch Ihre schöne Stadt. Die wiedererstandene Kirche hat im Stadtbild einen unverwechselbaren Platz. Sie ist eine der herausragenden Schönheiten Tartus. Die berühmten Portraitbüsten, der größte Schmuck der Kirche, grüßen den Vorbeigehenden und wachen über die Stadt.

Ich beglückwünsche die Bürger dieser Stadt und Estland insgesamt zu dieser großen Wiederaufbauleistung. Und ich freue mich darüber und bin auch ein klein wenig stolz, dass Hilfe dafür auch aus Deutschland gekommen ist. Die nordelbische Landeskirche vor allem, heute hier vertreten durch Bischöfin Wartenberg-Potter, aber auch die Partnerstadt Lüneburg, vertreten durch ihren Oberbürgermeister, und ihre Bürger und die Bundesregierung haben sich engagiert. Dafür möchte ich Ihnen allen herzlich Dank sagen.

Es hat unsere Länder näher zusammengeführt, dass wir am Wiederaufbau eines Wahrzeichens dieser Stadt mitwirken konnten. Dies ist auch ein Bekenntnis zur gemeinsamen Geschichte. Die Johanniskirche ist ein Denkmal der engen historischen Verbindungen zwischen Deutschland und Estland. Wir können uns auch an Gutes in Jahrhunderten deutsch-estnischen Zusammenlebens erinnern.

Die Ostsee hat ihre Anrainer immer miteinander verbunden. Seit Ende der Konfrontation der Blöcke kommt diese natürliche Gegebenheit wieder zum Tragen und schließt alle Anrainerstaaten ein. Unsere Länder sind wirtschaftlich, aber auch politisch eng miteinander verbunden. Wir arbeiten im Ostseerat eng zusammen, besonders auch zum Schutz der Ostsee, um sie sauber zu erhalten.

Estland ist seit einem Jahr Mitglied der Europäischen Union. Wir freuen uns immer noch darüber. Und wir sind auch gemeinsam Mitglieder der NATO. Das souveräne Estland ist heute wieder auf dem Platz, auf den es in Europa gehört.

Ich habe auch großen Respekt vor den Leistungen, die Estland beim Aufbau seiner Demokratie und einer modernen Wirtschafts- und Sozialordnung schon jetzt erbracht hat. Ihr Land ist auf einem guten Weg.

Ich besuche Estland bereits zum zweiten Mal in meinem ersten Jahr als Bundespräsident. Damit will ich auch zum Ausdruck bringen, dass Deutschland die Beziehungen zu Ihrem Land wichtig sind. Es zählt von seiner Ausdehnung und Bevölkerungszahl her sicherlich nicht zu den großen Ländern in der Europäischen Union. Aber die Europäische Union kann nur eine gute Zukunft haben, wenn sich alle Mitglieder, groß wie klein, alt wie neu, in ihr gut aufgehoben fühlen. Mein Land will gerade auch den kleineren Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein guter Partner und Freund sein.

Die Europäische Union ist zurzeit sicherlich nicht in bester Verfassung. Aber wir müssen uns doch bewusst bleiben, dass wir etwas Großartiges geschaffen haben. Niemand will und wird das Erreichte verspielen. Wir wissen, was es heißt, in Frieden und Freiheit zu leben. Sie in Estland wissen es vielleicht noch besser als wir in Deutschland. Wir müssen an dem politischen Projekt Europa weiterarbeiten. Das ist auch nötig, um uns in einer globalisierten Welt im Interesse der Menschen zu behaupten und die Entwicklungen mitbestimmen zu können.

Estland ist sich seiner europäischen Geschichte bewusst. Der entschlossene Wiederaufbau der geschichtsträchtigen Johanniskirche ist dafür ein Zeichen. Aus der heutigen Predigt von Erzbischof Kiivit möchte ich zwei Sätze zitieren: "Wenn wir heute die Wiedergeburt der Johanniskirche zelebrieren, dann ist das ein Zeugnis vom Willen vieler Menschen, sichtbar mit dem verbunden zu sein, was heilig und ewig ist. Dem Vernichtungswerk des Krieges und den Ruinen wurde das letzte Wort nicht überlassen."

So soll auch mein Besuch dem Brückenschlag in Europa dienen. Ich wünsche der Johanniskirche, der Stadt Tartu und ganz Estland alles Gute.