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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Empfang für Teilnehmer der Stiftungsinitiative Johann Gottfried Herder

Bundespräsident Köhler am Rednerpult im Foyer des Bundespräsidialamts Berlin, 1. Juli 2005 Foto: Jürgen Gebhardt © Foto: Jürgen Gebhardt

Herzlich willkommen! Es ist ja heute ein besonderer Tag: 1. Juli, Abstimmung im Deutschen Bundestag über die Vertrauensfrage. Wir haben immer gedacht: Hoffentlich können wir unsere Termine halten. Heute Morgen konnte ich es nicht, heute Nachmittag kann ich es und tue es gern. Es war mir wichtig und ich freue mich, dass wir heute hier zusammen sind, zum ersten Mal. Ich habe mich auf die Begegnung mit Ihnen wirklich gefreut, denn die "Herder-Initiative" verbindet Anliegen, die mir selber schon seit langem und jetzt als Bundespräsident besonders am Herzen liegen.

Als Gastdozenten tragen Sie, meine Damen und Herren, ehrenamtlich Ihren großen Sachverstand und Ihre langjährigen Erfahrungen in ganz verschiedenen Gebieten der Wissenschaft in die Länder Osteuropas. Ich bin sicher: Keiner von Ihnen möchte diese Erfahrungen als Gastdozent missen, und ich bin daran interessiert, dass wir diese Erfahrungen auch kennen und nutzen können. Mir ist es wichtig, in Polen, in den anderen osteuropäischen Ländern präsent zu sein mit deutscher Sprache und deutscher Kultur. Dazu tragen Sie maßgeblich bei. Mit Ihrem Einsatz helfen Sie unmittelbar und ganz persönlich dabei, unseren östlichen Nachbarn deutsche Sprache und deutsche Wissenschaftskultur nahe zu bringen. Sie wecken bei jungen Menschen Interesse für Deutschland, seine Bewohner, seine Kultur. Sie tun das aus der wichtigen Erkenntnis heraus, dass wir europäischen Nachbarn alle voneinander lernen sollten. Der Namenspatron Ihrer Initiative, Johann Gottfried Herder, schrieb in seinen "Briefen zur Förderung der Humanität":

"Den Deutschen ist's also keine Schande, dass sie von andern Nationen, alten und neuen, lernen. (...) So darf sich auch kein Volk Europas vom andern abschließen und töricht sagen: "bei mir allein, bei mir wohnt alle Weisheit."

Sie, liebe Gäste, haben als "Senior Experts" Hochschulen in Osteuropa beraten und Studierende unterrichtet. Der "Wissenstransfer" durch Sie ist indes keine Einbahnstraße: Sie sind zum Mittler geworden zwischen den "Wissenschaftsszenen" im zusammenwachsenden Europa. Und wir haben ein Interesse, dass dieses Europa zusammenwächst.

Johann Gottfried Herder sah im "Gemälde der Völkerschaften Europas" "die Anlage zu einem großen Nationenverein". Wir sollten Herder nicht unterstellen, dass hinter dem Wort "großer Nationenverein" ein politisch-institutioneller Begriff steckte, eine Vorstellung von Europa, die mit viel ehrgeizigeren Ideen über die Finalität der europäischen Integration nicht vereinbar wäre. Unabhängig davon, welchen Namen wir am Ende für das Europa der Zukunft finden: Das Ziel der Einheit Europas, eines Europas, das jedenfalls in bestimmten Bereichen wie der Außen- und Sicherheitspolitik mehr mit einer Stimme spricht als jetzt, ist nicht nur ein sehr vernünftiges Ziel, es liegt auch in unserem ureigensten Interesse als Deutsche. Ich glaube, dass wir Deutschen mit am meisten davon profitieren. Ich bin fest davon überzeugt: Die Einheit Europas, diese große Idee des guten Zusammenlebens auf unserem Kontinent, können wir nur verwirklichen, wenn wir Europa nicht allein der Politik und der Wirtschaft überlassen. Wissenschaft und Kultur haben für das Zusammenwachsen Europas enorme Bedeutung. Grenzen in den Köpfen zu überwinden - das gelingt, wenn alte Wissenschaftsverbindungen wieder belebt und neue geknüpft werden. Austausch in der Wissenschaft zu pflegen und Ressourcen zu bündeln, liegt in unser aller Interesse. Europa kann als Gemeinschaft moderner, wissensorientierter Länder eine gute Zukunft haben. Dazu muss jedes einzelne Land intern die Weichen Richtung Wissensgesellschaft stellen.

Auch in Deutschland müssen wir mehr für Bildung und Wissenschaft tun. Wir müssen dafür auch mehr ausgeben. Ich mache mich sehr stark dafür, dass die notwendige Konsolidierung der öffentlichen Haushalte - sie ist unerlässlich, eine Zukunftsaufgabe - nicht einher geht mit Kürzungen bei Bildung und Wissenschaft. Das können wir uns nicht erlauben. Nur wenn wir jetzt in Köpfe investieren - in gute Schulbildung ebenso wie in exzellente Wissenschaft - gehört uns die Zukunft. Ich hoffe sehr, dass wir in Deutschland unsere Prioritäten noch stärker überprüfen und dazu kommen, weniger in Stahl und Beton und stattdessen in die Köpfe der Menschen zu investieren. Und das bedeutet, Bildung und Wissenschaft zu fördern.

Ich habe oft den Eindruck, einige unserer östlichen Nachbarn in Europa haben diese Lektion schon beherzigt oder sind dabei, sie zu beherzigen, und gehen mutig und konsequent den Weg in die Wissensgesellschaft. Auch deswegen ist es wichtig, dass wir die Zusammenarbeit und den Austausch in Europa pflegen - wir können alle nur davon profitieren.

Die Stiftungsinitiative Johann Gottfried Herder ist dazu ein wichtiger Beitrag. Dafür möchte ich Ihnen allen herzlich danken. Und das kommt wirklich von Herzen. Ich habe in meinem Leben immer wieder festgestellt, dass gerade bei den Engagements, die nicht in offizieller Funktion geschahen und nicht auf berufliche Ziele und Erfolge ausgerichtet waren, sondern die auf starken persönlichen Motiven und Anliegen beruhten, besonders viel Positives heraus kam. Und mir scheint, dass Ihre Initiative eines dieser guten Beispiele ist, und dafür möchte ich Ihnen danken. Noch einmal herzlich willkommen: Ich bin gern mit Ihnen heute hier zusammen.