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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Festveranstaltung zum fünfzigsten Todestag von Thomas Mann in Lübeck

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und Bundespräsident Horst Köhler Lübeck, 13. August 2005 Foto: bpa © Foto: bpa

Das Bild, das Sie alle auf der Einladungskarte gesehen haben, ist noch immer anrührend: Thomas Mann, der exilierte Sohn dieser Stadt, ist zum Besuch nach Lübeck zurückgekehrt und steht vor den zerstörten Glocken der Marienkirche. Diese Glocken liegen noch heute hinten in dieser Kirche. Hier, wo Thomas Mann einst getauft wurde, hier in jener Kirche, die nur wenige Meter neben dem Haus seiner Großeltern liegt, dem sogenannten Buddenbrookhaus, gedenken wir heute seines 50. Todestages.

Wir wissen nicht, welche Gedanken Thomas Mann durch den Kopf gingen, als er die zerstörten Glocken betrachtete. Vielleicht dachte er zurück an die Ansprache, die er im April 1942, nach der Zerstörung Lübecks, über die BBC an die Deutschen gerichtet hatte.

Schon mehrere Male hatte er das Wort an seine Landsleute gerichtet, um sie zu informieren über das, was in der Welt vorging - vor allem aber, um die moralischen Maßstäbe aufrechtzuerhalten, die Unterscheidung von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, die im "Blendwerk der Nazis", wie er es nannte, unterzugehen drohte.

Nun also, im April 1942, sprach er über das Unglück seiner Vaterstadt. Er begann mit der berühmten Einleitung "Deutsche Hörer!" und fuhr dann fort: "Beim jüngsten britischen raid über Hitler-Land hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt [...]. Lieb ist es mir nicht, zu denken, dass die Marienkirche [...] und das herrliche Renaissance-Rathaus sollten Schaden gelitten haben. Aber ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss. Hitlerdeutschland hat weder Tradition noch Zukunft. Es kann nur zerstören und Zerstörung wird es erleiden."

Das hört sich fast mitleidslos an. Aber Thomas Mann formuliert nichts weiter als die glasklare Erkenntnis, dass das Volk, von dem so großes Unrecht ausgegangen ist, nicht straflos davonkommt - wie unterschiedlich die Schuld eines jeden Einzelnen auch ist.

Thomas Mann, dessen Romane - angefangen mit den "Buddenbrooks" - so unauflöslich mit Deutschland zu tun haben wie kaum die eines anderen Schriftstellers, die sich mit deutscher Kultur, deutscher Kunst, deutscher Musik, deutschem Bürgertum, deutscher Innerlichkeit und spezifisch deutschem Versagen auseinandersetzen - dieser Thomas Mann muss aus dem Exil in Kalifornien ohnmächtig die Zerstörung seiner Heimat kommentieren.

Deutschland ist nicht gut umgegangen mit einem seiner größten Söhne. Viele haben ihm sogar nach dem Krieg sein Exil übel genommen. Er und mit ihm andere Schriftsteller, Gelehrte, Intellektuelle, die ins Exil gezwungen wurden, mussten manchmal mit dem Vorwurf leben, sie hätten Deutschland den Rücken gekehrt. Dabei hatte man sie vertrieben, ausgebürgert, ihre Bücher verboten oder verbrannt. Thomas Mann selber bestand darauf, dass alles, was er im Exil geschrieben habe, "unverwechselbar, unübersetzbar deutsch" geschrieben sei, "niedergelegt zu den Füßen des Volkes, in dessen Sprache es geschrieben war".

Konsequenterweise akzeptierte er nach dem Kriege die Teilung Deutschlands nicht. "Ich kenne keine Zonen, mein Besuch gilt Deutschland als Ganzem." Das erklärte er 1949, als er, zum ersten Mal seit 16 Jahren, wieder in sein Vaterland zurückkehrte und die Goethefeiern in Frankfurt und in Weimar besuchte - für viele damals ein Skandal. Genauso hält der Schriftsteller es 1955 bei den Schillerfeiern, als er in Stuttgart und Weimar spricht, übrigens ausdrücklich dazu ermuntert von Bundespräsident Heuss.

Hier sprach sich das Selbstbewusstsein aus, die deutsche Kultur zu repräsentieren, das Thomas Mann bereits in einem Interview mit der New York Times 1938 im Exil so trotzig und so souverän zugleich formuliert hatte: "Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage die deutsche Kultur in mir."

Wahrscheinlich konnte kein anderer deutscher Schriftsteller, kein anderer deutscher Künstler im vergangenen Jahrhundert mit größerem Recht eine derartige Behauptung aufstellen.

Wenn wir ihn heute feiern, wenn wir seiner heute gedenken, dann scheint mir dieser Satz ein guter Ausgangspunkt für die Frage zu sein, was Thomas Mann, was sein Erbe für uns heute bedeuten kann.

Es ist zunächst der ungeheure Reichtum, den uns dieses Werk schenkt. Der Reichtum an Themen und Figuren, an Stoffen und Gedanken, an Wahrheit und Irrtümern. Wie weit spannt sich der Bogen - von der eigenen Familiengeschichte in der engen Stadt Lübeck des späten 19. Jahrhunderts in den "Buddenbrooks" bis hin zu dem alttestamentlichen Stoff in den Josephsromanen, die weit in der Vergangenheit Israels und Ägyptens spielen. Der Schriftsteller hat uns ein Universum hinterlassen, das seinesgleichen sucht.

Aber ein solches Werk muss erschlossen werden. Es muss gelesen werden. Immer neue Generationen müssen herangeführt werden an diese geistigen und kulturellen Schätze. Kulturvermittlung - zugegeben kein schönes Wort - ist die Verpflichtung, die sich uns heute dringend stellt. "Ich trage die deutsche Kultur in mir" - das wird wohl so umfassend keiner mehr von sich sagen können. Aber es muss doch zu den Zielsetzungen aller kulturpolitischen Bemühungen gehören, dass die deutsche Kultur in ihrem so großen Reichtum in den Herzen und Köpfen der Menschen, und besonders der jungen Menschen, lebendig ist.

Um es pointiert zu sagen: Kultur lebt nicht in den Büchern oder den Partituren, Kultur ist dann lebendig, wenn die Bücher gelesen, die Theaterstücke gespielt und die Musik aufgeführt und gehört wird.

Von deutscher Kultur zu sprechen ist weder provinziell noch nationalistisch. Ich habe lange genug im Ausland gelebt und bin weit genug in der Welt unterwegs gewesen, um zu wissen, wie reich andere Kulturen sind - nicht nur Europas, sondern zum Beispiel auch Afrikas. Und ich weiß und finde es richtig, dass insbesondere viele junge Menschen heute sich mit diesen anderen Kulturen beschäftigen, ja dass Kulturen voneinander lernen und sich so weiterentwickeln. So ist es in der Geschichte immer gewesen.

Aber Kultur gehört auch zur Identitätsfindung. Wer wir sind, wissen wir nur dann, wenn wir wissen, woher wir kommen. Gerade bei Thomas Mann ist so unendlich viel darüber zu lernen, was eigentlich deutsche Kultur bedeutet - aber auch welche fatalen Irrwege möglich waren und sind.

Wir werden selber ärmer, wenn wir dieses Erbe durch Nicht-Benutzen verschleudern.

Umso mehr ist allen zu danken, die sich darum bemühen, das Erbe lebendig zu halten, und die so immer neu den Menschen Zugangswege dazu ermöglichen.

Ich spreche heute einmal nicht von den Schulen. Ich spreche von den Medien - den privaten und den öffentlich-rechtlichen. Gerade im Fall Thomas Manns und seiner Familie hat sich gezeigt, dass man auch durch anspruchsvolles Fernsehen Millionen Menschen erreicht und sie zutiefst berühren kann. Der dreiteilige Film von Heinrich Breloer über "Die Manns" hat gezeigt, dass schwierige Stoffe und anspruchsvolle Kultur durchaus im Fernsehen produziert und mit großem Erfolg gesendet werden können. Ich kann nur sagen: Mehr davon! Es ist möglich und es lohnt sich!

Zunächst muss ja immer wieder die Neugier geweckt werden, sich mit einem scheinbar schwierigen Werk zu beschäftigen. Es ist so wichtig, sozusagen Schatzkarten zu zeigen und den Menschen Wege zu weisen zu den wunderbaren Reichtümern, die unsere Kultur zu geben hat. Erst dann können auch Respekt und Bewunderung wachsen, die großen Werken gebühren.

Auch die Buchverlage, die ihre Klassiker pflegen und sie immer wieder mit neuen Ideen unter die Leute bringen, sind in diesem Zusammenhang zu loben, genauso wie die literarischen Vereine, Stiftungen und Museen, die mit so viel Hingabe und Einfallsreichtum das Publikum für das reiche Erbe der deutschen Literatur interessieren.

Es muss aber auch überzeugte Einzelne geben, die wiederum andere überzeugen können. Hier spreche ich von keinem anderen als von Marcel Reich-Ranicki, der gerade in Sachen Thomas Mann ein überzeugter und überzeugender Trommler gewesen ist. Wer weiß, wie es um die Kenntnis und die Wertschätzung Thomas Manns bestellt wäre, wenn nicht er, Marcel Reich-Ranicki, der - wie Heinrich Heine - von sich sagen kann, er trage die deutsche Literatur als portatives Vaterland immer mit sich, unermüdlich für Thomas Mann geworben hätte. Ich freue mich, dass gerade er heute den Festvortrag halten wird - und dass ich ihn, der in den letzten Jahrzehnten so viel wie kein anderer für die deutsche Literatur getan hat, hier in Lübeck, der Stadt Thomas Manns, ehren kann.

Thomas Mann ist nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Als er vor 50 Jahren starb, haben ihn zwar beide deutsche Staaten groß geehrt - aber begraben sein wollte er in der Schweiz, wo er zuletzt gewohnt hatte.

Vielleicht ist das gut und richtig so. Er wollte sich nicht vereinnahmen lassen und wir können und sollen das auch nicht tun. Er hat uns Deutschen so viel geschenkt, er hat in der Welt die deutsche Kultur auf so einzigartige Weise verkörpert - aber er gehört uns nicht. Sein Werk ist Weltliteratur in jedem Sinne - auch im Sinne der universalen Humanität.

Thomas Mann selber hat davon in seiner letzten großen Rede, zu Schillers Todestag 1955, gesprochen. Er betonte, "dass von der nationalen Idee kein Problem, kein politisches, ökonomisches, geistiges mehr zu lösen" sei. "Der universelle Aspekt ist die Forderung der Lebensstunde [...]. Gerade dies umfassende Gefühl der Humanität ist es, was not-, nur allzu nottut, und ohne dass die Menschheit als Ganzes sich auf sich selbst, auf ihre Ehre, das Geheimnis ihrer Würde besinnt, ist sie nicht moralisch nur, nein physisch verloren."

Und am Ende dieser Schiller-Rede ruft Thomas Mann auf "zur Gesittung, zur inneren Freiheit [...] und zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst."

Auch für diese universelle Humanität steht das Werk Thomas Manns. Wir verneigen uns in Dankbarkeit.