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Begrüßung Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. durch Bundespräsident Horst Köhler auf dem Konrad-Adenauer-Flughafen Köln/Bonn

Papst Benedikt XVI. und Bundespräsident Horst Köhler Köln/Bonn, 18. August 2005 Foto: Andrea Bienert, bpa © Foto: Andrea Bienert, bpa

Heiliger Vater,

Willkommen in der Heimat, willkommen in Deutschland! Wir alle hier begrüßen Sie ganz herzlich.

Wir freuen uns, dass Sie da sind. Wir freuen uns, dass Sie Ihre erste Reise hierher nach Deutschland unternehmen. Das ist ein großer und schöner Tag für uns alle.

Der Weltjugendtag, zu dem Sie eingeladen haben, ist ein ganz wunderbarer Anlass. Ich finde es großartig, dass so viele junge Menschen aus der ganzen Welt bei uns zu Gast sind.

Es bewegt uns besonders, und das kann ich auch als protestantischer Christ sagen, dass ein Deutscher, also einer von uns, Papst geworden ist. Ich sage es Ihnen heute noch einmal, hier in der Heimat: Wir wünschen Ihnen für Ihr hohes Amt alles Gute und Gottes Segen.

Ihre Wahl zum Papst ist von historischer Bedeutung: Nach dem Papst aus Polen, das als erstes Land im Zweiten Weltkrieg von Deutschland überfallen wurde, ist nun jemand aus der sogenannten Flakhelfergeneration zum Nachfolger des Heiligen Petrus gewählt worden. Dass es so gekommen ist, das gibt mir Zuversicht - sechzig Jahre nach dem Ende der menschen- und gottfeindlichen Ideologie, die in Deutschland herrschte.

Das ist auch weltweit als ein Zeichen der Versöhnung begriffen worden - und ich darf verraten, dass mich nur wenige Minuten nach Ihrer Wahl als erster der polnische Staatspräsident Kwasniewski angerufen hat, um uns, den Deutschen, zu gratulieren.

Heiliger Vater, vor bald fünfzig Jahren haben Sie hier ganz in der Nähe, an der Universität Bonn, als junger Theologieprofessor Ihre akademische Karriere begonnen. Ihre Weise der Auslegung des Glaubens hat Ihre Hörer damals begeistert - und seitdem ist Ihr Ruf in der Wissenschaft ständig gewachsen. Der Glaube und die Theologie sind für Sie nie eine weltfremde Sache der akademischen Zirkel gewesen. Immer haben Sie dafür Sorge getragen, dass die zentralen Aussagen des Glaubensbekenntnisses auch für die säkulare Kultur und die Politik relevant werden.

Das konnte nicht ohne Widerspruch bleiben. Aber Widerspruch ist Ihnen mit Recht lieber als Gleichgültigkeit oder Relativismus. Auch die Sätze des Glaubens sollen ja Salz der Erde sein. So haben auch Gelehrte aus aller Welt das Gespräch gerade mit Ihnen gesucht, vor nicht langer Zeit erst Ihr Generationengenosse Jürgen Habermas.

Als Sie 1992 in die berühmteAkademie des Institut de Franceaufgenommen wurden, als Nachfolger des großen Andrej Sacharow, sagten Sie über ihn: Er war mehr als ein bedeutender Gelehrter, er war ein großer Mensch. Auch bei Ihnen verbinden sich Gelehrsamkeit und Weisheit. Und so suchen und finden die Menschen - weit über die katholische Kirche hinaus - in Ihnen eine moralische Autorität.

Heiliger Vater, Sie kommen in ein Land, in dem die christlichen Kirchen eine lebendige Rolle spielen, und ich bin froh darüber.

Ich denke zum Beispiel an die katholischen und evangelischen Jugendverbände. Viele werfen ja Jugendlichen heute mangelndes Engagement oder Fixierung aufs eigene Ego vor. Damit können aber die vielen tausend ehrenamtlichen Jugendgruppenleiter nicht gemeint sein, die bei den Pfadfindern, bei der Katholischen Jungen Gemeinde, beim CVJM oder anderswo Verantwortung für Kinder oder gleichaltrige Jugendliche übernehmen. Viele junge Menschen erfahren dort, wie wertvoll es ist, sich für andere einzusetzen.

Gerade in der kirchlichen Jugendarbeit erfahren junge Menschen, wie wichtig gemeinsame Werte für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sind und sie lernen viel über Verantwortung. Orientierung, nach der heute mit Recht gefragt wird, kann nur von Orientierten kommen. Ich habe den Eindruck, dass in der Jugendarbeit der Kirchen hier sehr viel Gutes, ja Unverzichtbares geschieht.

In ihrem sozialen Engagement lassen sich die Kirchen von einem bestimmten Menschenbild leiten. Es ist das Bild vom Menschen, das nicht vom Pragmatismus und nicht vom Materialismus geprägt wird. Es sagt uns: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und der Mensch kommt nur am anderen, nur durch den anderen zu sich selber. Freiheit, Personalität und Solidarität gehören zusammen. So sagt es auch die Katholische Soziallehre. Deswegen ist die karitative und diakonische Arbeit der Kirchen weit mehr als ein gesellschaftliches Reparaturunternehmen.

In diesem Engagement wird immer auch eine politische Aufforderung sichtbar: Nämlich die Schwachen, die Kranken, die Sterbenden, die Wettbewerbsverlierer nicht aus den Augen zu verlieren. Alle Appelle an Solidarität gewinnen Überzeugungskraft erst durch das tatkräftige Engagement, die tatkräftige Nächstenliebe.

Diese tatkräftige Nächstenliebe und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft sind in den Kirchen hierzulande, wie ich immer wieder erlebe, sehr groß. Die ehrenamtlichen Laien, die hingebungsvoll ihren freiwilligen Dienst tun, haben deswegen gerade den Zuspruch ihrer Kirchenleitungen verdient - und den Dank von uns allen.

Heiliger Vater, Sie kommen zum Weltjugendtag, zu dem noch Ihr Vorgänger, der unvergessene Johannes Paul II., die Jugend der Welt eingeladen hatte. Der Weltjugendtag ist für mich schon jetzt ein Zeichen der Hoffnung und der Ermutigung. Vor allem der Ermutigung, dass es möglich ist, eine bessere Welt zu schaffen. Die weltweite Solidarität der jungen Menschen kann vieles Gute möglich machen. Sie macht uns die Verantwortung bewusst für die Eine Welt, in der wir leben.

Aber beim Weltjugendtag geht es, wie ich weiß, nicht zuerst um Aktionsprogramme oder Theoriediskussionen. Es geht um Spiritualität, um geistliche Erfahrung, um Gebet und um die Feier des Glaubens. Veränderung, wirkliche Veränderung, setzt immer die Umkehr der Herzen voraus. Mit ihrer Offenheit und ihrer Suche nach Orientierung geben die vielen hunderttausend Jugendlichen gerade auch uns Älteren ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht.

Gerade in diesen Zeiten, in denen viele Menschen Angst haben vor Terror und vor Gewalt, die aus angeblich religiösen Motiven verübt wird, ist es gut, Glaube und Religion als Wege zu Frieden und Menschlichkeit zu erfahren. Sie, Heiliger Vater, haben selber mehrfach davon gesprochen, dass es "Pathologien", dass es Irrwege der Religion gibt - auch im Christentum -, so wie es Irrwege der aufgeklärten Vernunft gibt. Beide, Religion und Vernunft, müssen sich gegenseitig immer wieder korrigieren und reinigen, wie Sie sagen.

Ich hoffe, dass dieser Weltjugendtag, zu dem Sie eingeladen haben, ein unübersehbares Zeichen für einen menschlichen, einen menschenfreundlichen Glauben gibt. Für einen Glauben, dem die Welt und die Menschen nicht gleichgültig sind, für einen Glauben, der davon zeugt, dass wir alle Gottes Kinder sind in dieser Einen Welt.

Noch einmal: Herzlich Willkommen, Papst Benedikt!