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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Staatsbanketts zu seinen Ehren, gegeben vom Präsidenten der Republik Polen, Aleksander Kwasniewski, und Frau Jolanta Kwasniewska in Warschau

Der Bundespräsident und seine Frau und Präsident Kwasniewski und seine Frau fassen sich an den Händen. Warschau, 30. August 2005 Foto: Guido Bergmann © Foto: Guido Bergmann

Meine Frau und ich, wir freuen uns wirklich darüber, zu diesem Staatsbesuch und zur Feier des 25. Jahrestages der Solidarnosc in Polen zu sein. Wir sind gern wieder in Warschau.

Sie wissen: Ich fühle mich Ihrem Land auch aus persönlichen Gründen sehr verbunden. Lieber Aleksander Kwasniewski, wir sind uns seit meinem ersten Besuch in Polen als Bundespräsident schon viele Male begegnet. Besonders gerne erinnere ich mich an die gemeinsame Eröffnung des Deutsch-Polnischen Jahres in Berlin im April dieses Jahres. Die jungen Leute aus Polen und Deutschland waren voller Neugier aufeinander, und sie haben sich mit viel Energie und Gemeinschaftsgeist für eine gute Zukunft zwischen unseren Ländern ins Zeug gelegt.

Das Schöne daran ist: Das ist heute eigentlich gar nichts so Besonderes mehr. Denn für eine Menge Polen und Deutsche zählt es längst zum alltäglichen guten Miteinander, ins Nachbarland zu reisen: zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Studium, als Tourist oder zum Besuch bei Freunden und Verwandten.

Die Menschen diesseits und jenseits von Oder und Neiße lernen sich immer besser kennen und schätzen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir zu guten Nachbarn werden und Freundschaft zwischen den Menschen entstehen kann. Das ist unser Ziel.

Jeder von uns weiß: Freundschaft bedeutet, dass man sich umeinander kümmert, dass man Zeit füreinander aufbringt, Ideen hat und auch Geduld. Und man braucht auch die Kraft dafür, mit Offenheit und ohne Verkrampfungen zu reagieren, wenn es einmal unterschiedliche Meinungen gibt. Ich denke, all das können wir uns heute zutrauen.

Zwischen Polen und Deutschen ist inzwischen etwas gewachsen, was noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen wäre. Ich habe es besonders an den Reaktionen der Polen auf die Nachricht gespürt, dass ein Deutscher dem großen Polen Karol Wojtyla als Papst nachfolgte. Viele Polen freuten sich aufrichtig mit uns darüber, dass Josef Kardinal Ratzinger Papst geworden ist, und beim Weltjugendtag vor zwei Wochen haben auch Tausende junger Polen Benedikt XVI. einen begeisterten Empfang bereitet. Überall in Köln, Bonn und Düsseldorf wurden an diesen Tagen polnische Fahnen geschwenkt, und immer wenn ich sie sah, musste ich daran denken, dass Du, lieber Aleksander, nach der Wahl des Papstes als erster bei mir angerufen hast, um uns Deutschen zu gratulieren. Dafür danke ich Dir!

Meine Damen und Herren, wir haben allen Grund, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen, aber wir bleiben uns auch der dunklen Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte bewusst. Was geschehen ist, bereitet Schmerz bis heute und wird auch morgen nicht vergessen sein. Wir Deutsche vergessen nicht, wo Leid und Unrecht ihren Ursprung nahmen; wir gedenken mit Trauer und Scham aller, die Opfer deutscher Gewalt wurden.

Ich bitte Sie darum, auch mit Verständnis auf die Lebensschicksale von Deutschen zu blicken, die in der Folge deutschen Unrechts ihre Heimat verloren haben und bis heute darüber Trauer empfinden. Auch sie haben persönliches Leid erlebt, das Anteilnahme verdient - zumal die Empfindungen der allermeisten Betroffenen mit dem aufrichtigen Wunsch nach Versöhnung einhergehen.

Wir wollen uns auf unserem Weg der Versöhnung und guten Nachbarschaft nicht dreinreden lassen von einer kleinen Zahl von Verhärteten oder Verblendeten, die immer noch von Ansprüchen reden. Es kommt nicht auf wenige Fehlgeleitete an, sondern es geht darum, die vielen Vernünftigen und Gutwilligen zu bestärken.

Wie das geschehen kann, das hat Präsident Kwasniewski mit meinem Vorgänger, Bundespräsident Johannes Rau, in der Danziger Erklärung beschrieben. Sie weist den Weg zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit, die uns Türen zu einer gemeinsamen guten Zukunft öffnet. Dazu gehören Aufrichtigkeit und der Wille zur Versöhnung, und dazu gehört die Erkenntnis, dass Flucht und Vertreibung allein in einem europäischen Dialog über das ganze 20. Jahrhundert verstanden werden können.

Heute steht Europa für Frieden und Freiheit. Was das wert ist, wissen Sie in Polen vielleicht noch besser als wir Deutschen. Polens Mitgliedschaft in der Europäischen Union ist eine geradezu kopernikanische Wende. Sie ist die beste Gewähr dafür, dass nie wieder über Polens Kopf hinweg über sein Schicksal entschieden werden kann. Ich verstehe mich in meinem Amt als ein Anwalt für dieses Ziel.

Die Europäische Union ist nach dem Scheitern der Referenden über den Verfassungsvertrag in Frankreich und den Niederlanden in einer schwierigen Phase. Es ist sicherlich nötig, dass wir uns jetzt Zeit zum Nachdenken nehmen. Aber gerade Polen und Deutschland sollten die aktuellen Probleme zum Anlass nehmen, mit besonderem Einsatz an dem großen europäischen Einigungswerk weiterzuarbeiten.

Da ist viel zu tun. Natürlich bleibt für unsere Völker auch in Zukunft die Nation das Zuhause, die Heimat. Sie gibt uns Orientierung. Aber gleichzeitig wissen wir, dass wir den Blick über die Landesgrenzen hinweg heben müssen, damit es jeder einzelnen Nation im vereinten Europa dauerhaft besser gehen kann.

Ein wichtiges Ziel bleibt, dass Europa in der Welt mit einer gemeinsamen Stimme spricht. Das entspricht seinem Gewicht und seiner Verantwortung.

Polen hat große Dynamik und eine junge, schwungvolle Bevölkerung in die Europäische Union gebracht. Ich setze darauf, dass Polen zum Kraftzentrum Europas gehört und seine Stimme in der weiteren Entwicklung Europas hörbar und mitbestimmend sein wird.

Es war Johannes Paul II, der sagte, dass sich Polen und Deutsche als Nachbarn von Gott gegeben sind. Darin liegt ein Auftrag. Lassen Sie uns diesen Auftrag annehmen!