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25 Jahre Solidarnosc - Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler beim Festakt der Solidarnosc in Danzig

Bundespräsident Köhler geht auf den klatschenden Lech Walesa zu. Danzig, 31. August 2005 Foto: Guido Bergmann © Foto: Guido Bergmann

Mit Freude habe ich die Einladung angenommen, zusammen mit Ihnen den 25. Jahrestag des Abkommens zu feiern, das zur Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc geführt hat.

Vor 25 Jahren blickte die Welt auf die Danziger Werft. Hier rang Polen um seine Rechte und um seine Freiheit. Solidarnosc wurde zum Symbol dieses Ringens und zum weltweiten Symbol der Freiheit. In der Solidarnosc fanden sich alle zusammen: Arbeiter, Bauern, Intellektuelle, ein ganzes Volk. Einfach alle, die sich wünschten: "Gib uns, oh Herr, ein freies Vaterland zurück." Einmal mehr hat Polen damals der Welt ein bleibendes Beispiel für Freiheitsliebe und Patriotismus gegeben.

Ich erinnere mich noch genau an die Fernsehbilder aus jenem August 1980: Das Bild von Papst Johannes Paul II. am Tor der Lenin-Werft. Arbeiter, die auf der Straße knien und beten. Lech Walesa auf den Schultern seiner Kollegen. Und auch den riesigen Kugelschreiber werde ich nicht vergessen, mit dem Sie, Lech Walesa, das Abkommen damals unterzeichnet haben.

Das kommunistische Regime hat dann versucht, den unbändigen Freiheitswillen wieder zu unterdrücken, der hier in Danzig zum Durchbruch gekommen war. Die Menschen in Polen haben unter dieser Unterdrückung noch Jahre leiden müssen. Ich habe mit Freude erfahren, dass sich die Polen heute noch gerne an die spontane Nachbarschaftshilfe und menschliche Solidarität erinnern, die damals von Deutschen kamen. Seit jener Zeit dürfen wir sagen: Wir lassen einander nicht im Stich.

Die Polen haben am Ende nicht nur sich selbst befreit. Sie haben einen Prozess von welthistorischer Bedeutung in Gang gesetzt, der bis heute weiterwirkt. Präsident Saakaschwili und Präsident Juschtschenko sind Zeugen dafür.

Dass Polen das kommunistische Joch abgeworfen hat, war eine Voraussetzung für die Einheit Europas und damit auch für die Einheit Deutschlands. Das alles erfüllt weltweit bis heute jeden Menschen mit Dankbarkeit, der die Freiheit liebt. Darum bin ich heute hier: ich überbringe an diesem freudigen Gedenktag die Grüße, die Glückwünsche und den Dank meiner deutschen Landsleute.

Auch morgen noch werde ich hier in Danzig zu Gast sein. Dann werde ich gemeinsam mit dem polnischen Staatspräsidenten des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte gedenken: des deutschen Überfalls am 1. September 1939. Diesem Überfall folgte jahrelange mörderische Unterdrückung in Polen, er brachte der ganzen Welt Tod und Vernichtung, und am Ende schlugen Krieg und Vertreibung mit ganzer Wucht auf die Deutschen zurück und forderten auch unter ihnen ungezählte unschuldige Opfer.

Heute und morgen, zwei historische Daten, zwei Gedenkfeiern, wie sie sich unterschiedlicher nicht vorstellen lassen. Es stimmt mich zuversichtlich, dass Polen und Deutsche dieser beiden Tage miteinander und gemeinsam gedenken.

Auch und gerade im Umgang mit der Geschichte wollen wir Gemeinsamkeit bewahren und pflegen. Niemand darf die Geschichte umdeuten. Wir wollen, dass Polen und Deutsche aufrichtig und im Zeichen der Versöhnung über die Vergangenheit sprechen. Das "wird uns umso fester miteinander verbinden", wie Präsident Aleksander Kwasniewski und Bundespräsident Johannes Rau vor zwei Jahren hier in Danzig, in ihrer Danziger Erklärung, zum Ausdruck gebracht haben.

Polen und Deutschland sind durch viele persönliche Begegnungen und nachbarschaftliche Projekte miteinander verbunden. Allein in Berlin leben und arbeiten über 100.000 Menschen, deren Muttersprache Polnisch ist, und Deutsche investieren in Polen, arbeiten hier oder machen in Ihrem gastlichen Land Ferien. So lernen meine Landsleute die Schönheiten Polens, seine reiche Kultur und seine Geschichte kennen. Ich freue mich besonders darüber, dass die Begegnungen von Jugendlichen zunehmen. Denn natürlich hängt sehr viel von unserer Jugend ab. Deshalb ist das deutsch-polnische Jugendwerk mit seinem Austauschprogramm so wichtig, und deshalb setze ich mich für seine Stärkung ein. Und deswegen wollen Präsident Aleksander Kwasniewski und ich als Abschluss meines Staatsbesuchs mit polnischen Jugendlichen über die gute Nachbarschaft und Freundschaft unserer Völker reden.

Die gemeinsame Zukunft von Polen und Deutschland liegt im Vereinten Europa. Sie steht im Zeichen der Freiheit und der Solidarität. Wir Deutsche haben uns besonders darüber gefreut, dass Polen endlich Mitglied in der Europäischen Union geworden ist.

Polen wird nun nicht mehr bedrängt von übermächtigen und missgünstigen Nachbarn, die sich über seinen Kopf hinweg zu seinem Nachteil verbinden. "Nichts über uns ohne uns" - diesen Anspruch hat Polen, und wir Deutsche wollen gerne dabei helfen, dass er als selbstverständlich akzeptiert wird.

Polnische Freiheitsliebe und polnische Reformbereitschaft haben der Europäischen Union neue Impulse gegeben. Ich vertraue darauf, dass Polen und Deutsche gemeinsam dafür arbeiten, dass die Europäische Union sich weiterentwickelt, dass die Vision einer Politischen Union Wirklichkeit wird. Die Phase des Nachdenkens über Europa, in der wir uns befinden, müssen wir nun auch wirklich nutzen, um die Kluft wieder zu schließen, die sich zwischen den Bürgern Europas und seinen Institutionen aufgetan hat.

Deutschen und Polen ist dabei klar, dass die Europäische Union Partner der USA ist und bleiben will und sich nicht gegen sie richten kann.

Wenn wir für ein geeintes, friedliches und solidarisches Europa arbeiten, dann kommen wir der Vision der Solidarnosc näher. Dann zeigen wir uns, auch außerhalb Polens, als ihre würdigen Erben. Denn ihre gültigen und bleibenden Ziele sind Freiheit, Frieden und Wohlstand für alle. Das wollen wir gemeinsam erreichen und bewahren. Lassen Sie uns in diesem Geiste zusammenarbeiten.