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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler aus Anlass der Eröffnung des Max Ernst Museums in Brühl

Ich freue mich sehr darüber, dass ich heute zur Eröffnung des Max Ernst Museums hier bei Ihnen in Brühl sein kann. Wäre das Museum - wie ursprünglich geplant - schon im April dieses Jahres eröffnet worden, hätte ich gar nicht daran teilnehmen können. Aus meiner Sicht kann ich dieser Terminverschiebung also nur Positives abgewinnen. Und: Was lange währt, wird endlich gut.

Brühl - mit dieser rheinischen Stadt verbinden viele Menschen möglicherweise zuerst das Phantasialand, einen der größten Freizeitparks Deutschlands. Die geschichts- und kulturhistorisch Interessierten unter uns denken vielleicht eher an das Schloss Augustusburg, in dem vor dem Umzug des Bundespräsidenten nach Berlin viele prachtvolle Staatsempfänge stattgefunden haben. Es hat auf diese Weise auch seinen besonderen Platz in der Geschichte der Bundesrepublik. Dass Brühl auch die Heimatstadt von Max Ernst ist, das wissen vielleicht noch nicht so viele Menschen. Aber das wird sich spätestens ab heute - so hoffe ich - gründlich ändern.

Max Ernst ist ein großer deutscher Künstler, dessen Ruhm in die ganze Welt der Kunst ausstrahlt. Fast könnte man sagen: Dessen Ruhm den Umweg über die ganze Welt gemacht hat, um dann auch im Rheinland endlich anzukommen. Nicht zuletzt der beeindruckende Erfolg der großen Max-Ernst-Retrospektive im New Yorker Metropolitan Museum im Frühjahr dieses Jahres hat seine internationale Bedeutung herausgestellt.

Sie werden von mir keine Würdigung dieses überaus vielseitigen Künstlers erwarten. Das wird heute noch aus weit berufenerem Munde geschehen. Ich freue mich auf die Festansprache von Professor Spies. Aber ich habe natürlich die Gelegenheit genutzt und mich - gewissermaßen als kleine Vorbereitung auf diesen Festakt - mit der Person und dem Werk Max Ernsts etwas beschäftigt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir als Laie erschließen sich seine Werke nicht auf den allerersten Blick. Ich bin ganz ehrlich: Viele seiner Arbeiten empfinde ich als irritierend und herausfordernd. Damit stehe ich aber wohl nicht ganz allein. Ein Kritiker hat das Werk Max Ernsts vor Jahren einmal wie folgt beschrieben: "Rastlos durchkreuzt Max Ernst Ordnungen und Grenzen, hebt Tatsachen und Gesetze auf und versetzt Realitäten in die Schwebe." Damit hat er auch mein Erleben auf den Punkt gebracht.

Max Ernsts Werke sind keine im alten, herkömmlichen Sinn schönen, harmonischen Bilder. Sie erfordern ein sehr genaues, intensives Hinsehen. Ja, sie lehren, sie zwingen sogar, neu zu sehen. Naturgemäß gibt es dann viele Einordnungsversuche. Wir erfinden Etiketten, wenn wir uns etwas leichter verständlich machen wollen. Dann heißt es: Max Ernst, der groteske Expressionist, Max Ernst, der dadaistische Demonteur, Max Ernst, der Kunstblasphemiker und poetische Manipulator, oder Max Ernst, der romantische Phantast.

Ob solche Kurzbeschreibungen wirklich hilfreich sind - ich weiß es nicht. Angesichts dieser zahlreichen Einordnungsversuche ist es vielleicht nicht ganz falsch zu sagen, dass wir beim Betrachten der Arbeiten von Max Ernst in gewisser Weise ein unermessliches Reich der Phantasie betreten - ein, wenn Sie verzeihen, "Phantasialand" ganz eigener, unverwechselbarer Art.

Also: Max Ernst macht es uns Betrachtern mit sich und seiner Kunst nicht leicht.

Ganz ähnlich mag es vor mehr als einem halben Jahrhundert wohl auch den Stadtvätern von Brühl ergangen sein. Das Verhältnis von Max Ernst zu seiner Heimatstadt war ja nicht immer ungetrübt. Alles begann 1951 mit der Kontroverse um die große Retrospektive zum 60. Geburtstag des Malers im Schloss Augustusburg. Diese erste umfassende Ausstellung zu Max Ernst und damit zum Surrealismus in Deutschland wurde zu einem Politikum: wegen des erwirtschafteten Defizits von 20.000 DM - zu damaliger Zeit durchaus eine beträchtliche Summe - und wegen der präsentierten Arbeiten, die bei den Stadtvätern und bei so vielen Besuchern auf großes Unverständnis gestoßen sind.

Nun, das passiert großer Kunst immer wieder und wir sollten uns nicht über die damaligen Proteste erheitern. Wer weiß, wie wir selber damals geurteilt hätten. Was man daraus aber lernen kann: Wir sollten uns mehr Offenheit und Unvoreingenommenheit im Umgang mit zeitgenössischer Kunst gönnen - schon allein deshalb, um von unseren Nachkommen später nicht belächelt zu werden. Aber es bleibt wohl so, dass manche Kunst und mancher Künstler ihrer Zeit oft weit voraus sind und dass es oft eine ganze Zeit dauert, bis wir neue Kunst zu sehen gelernt haben. Übrigens: Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft eben nicht unter "ferner liefen" behandelt werden.

Offenbar als Ausgleich für das Defizit aus der Ausstellung hat Max Ernst seiner Heimatstadt das Bild "Geburt der Komödie" geschenkt. Die Brühler haben das Bild bekanntlich nicht behalten, sondern gleich weiterverkauft. Heute gehört es zur Sammlung Ludwig in Köln und ist hier in Brühl nur noch als Leihgabe zu sehen. Als Ökonom sage ich: Wer nur auf kurzfristigen Gewinn setzt, verzichtet oft auf langfristige Wertsteigerung.

Die Ehrenbürgerschaft der Stadt schlug Max Ernst dann 1966 aus, und zwar mit dem Hinweis - so wird es jedenfalls kolportiert -, dass eine solche Auszeichnung nicht zu "seinem Betragen, Denken und Handeln" passe; überhaupt sei sie ihm erst angeboten worden, als "er es zu Weltruhm und anständigen Preisen für seine Bilder gebracht" habe.

Inzwischen ist das Verhältnis der Stadt Brühl zur Person und zum Werk von Max Ernst ein ganz und gar anderes. 1971 errichtete die Stadt Brühl den Max-Ernst-Brunnen und der Künstler war bei der Einweihung dabei. Auch das Max-Ernst-Stipendium für junge Künstler, das die Stadt regelmäßig vergibt, war und ist ganz im Sinne seines Namensgebers. Und schließlich begann man auch damit, die Arbeiten des großen Sohnes der Stadt zu sammeln, statt sie zu verkaufen.

Heute nun eröffnen wir das Max Ernst Museum in Brühl. Dass es dieses Museum gibt und dass es so zahlreiche und so bedeutende Arbeiten von Max Ernst präsentieren kann, ist das Ergebnis einer überaus fruchtbaren und bemerkenswerten Zusammenarbeit dreier Partner: der Stadt Brühl, dem Landschaftsverband Rheinland und der Kreissparkasse Köln. Ich kann und will hier nicht die Leistungen der einzelnen Partner gewichten. Aber eines möchte ich doch festhalten: Ein solches Museum bedarf einer Vision, ausreichender finanzieller Mittel und eines geeigneten Standortes. Dass all das zusammengekommen ist, dass so vielen Werken von Max Ernst nun in Brühl eine Heimat geschaffen werden konnte, darüber bin ich wirklich froh. Und - wenn ich mich hier so umschaue -, glaube ich, sagen zu können: Max Ernst wäre zufrieden.

Bei einem Museum kommt es nun aber nicht in erster Linie darauf an, ob den Künstlern Ort und Präsentation ihrer Arbeiten gefallen. Viel wichtiger ist es, dass die Menschen das Museum annehmen, es besuchen, sich mit den Kunstwerken auseinandersetzen.

Vorbei sind die Zeiten Augusts des Starken und Peters des Großen, deren Ziel es war, in ihren Kunst- und Wunderkammern, dem Grünen Gewölbe und der Eremitage, das gesamte Wissen ihrer Zeit aus aller Herren Länder zusammenzutragen. Der Anspruch an die Arbeit von Museen hat sich in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt. Heute liegt eine herausragende Bedeutung von Museen darin, Kunst erfahrbar zu machen. Hier erfüllt vor allen die Museumspädagogik eine wichtige Funktion.

Der Mensch definiert sich nicht nur durch seinen Geburtsort und seine Nationalität, sondern auch und insbesondere durch seine kulturelle Identität. Nur der, der sich auch sein kulturelles Erbe erschließt, weiß wirklich, wer er ist. Museen gehören unverzichtbar dazu. Sie - und das, was sie präsentieren - sind dabei alles andere als "museal". Sie können uns zeigen, wie sehr auch die Bilder einer anderen Zeit, die Arbeiten von Gestern und Vorgestern den Blick schärfen für die Gegenwart, ja für die eigene Existenz. Jedes Mal, wenn wir ein gutes Museum betreten, beginnt ein Abenteuer des Sehens, das uns verändert.

Dieses Museum hier hat sich nun der Aufgabe gestellt, uns allen mit Max Ernst einen wirklich großen Abenteurer des Sehens, damit aber auch einen sehr widersprüchlichen Künstler näher zu bringen, ihn uns verständlich und erfahrbar zu machen. Ich wünsche allen Besuchern des Museums, dass das gelingt - dass wir neu und Neues sehen lernen mit Max Ernst.