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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Eröffnung der Asien-Pazifik-Wochen in Berlin

Das deutsche und das südkoreanische Präsidentenpaar vor dem Schloss Charlottenburg Berlin, 19. September 2005 Foto: Brigitte Hiss, bpa © Foto: Brigitte Hiss, bpa

Die Asien-Pazifik-Wochen kommen zur rechten Zeit. Ich glaube, es ist gut, dass wir heute den Blick auch nach draußen richten - nach Asien. Die Welt ist in Bewegung, und es gibt keinen Zweifel mehr: Der Aufstieg Asiens wird von Dauer sein.

Die Asien-Pazifik-Wochen finden traditionell in Berlin statt, und das passt: Im Frühjahr habe ich in Tokio das Deutschlandjahr eröffnet und dafür geworben, dass die Japaner die großen Chancen nutzen, die unser Land bietet. Heute schließt sich ein Kreis: Ich werbe in Berlin dafür, dass wir in Deutschland begreifen, welche Chancen, aber auch welche Herausforderungen mit dem Aufstieg Asiens für uns verbunden sind.

Der ökonomische Aufstieg Chinas und Indiens, die Wiederkehr Japans, das sogenannte Wirtschaftswunder am Han-Fluss und die Erfolgsgeschichte der neuen Tigerstaaten haben in der gesamten asiatisch-pazifischen Region eine Dynamik entfacht, die dem internationalen Wettbewerb zunehmend ihren Stempel aufdrückt. Das bereitet manchen Menschen in den traditionellen Industriestaaten auch Sorgen. Viele fürchten um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Diese Sorgen sind nicht unbegründet. Natürlich müssen wir uns Gedanken um die politische Gestaltung der Globalisierung machen. Sie muss allen Völkern Nutzen bringen und darf keines marginalisieren. Ich halte dies für möglich. Nicht möglich wird es aber sein, dem Wettbewerb junger, buchstäblich hungriger Völker auszuweichen. Das wäre auch nicht mit dem Ziel von Gerechtigkeit für alle Menschen auf dem Globus vereinbar.

Nach dem enttäuschenden Ergebnis der Diskussion über eine Reform der Vereinten Nationen gilt für mich umso mehr: Wir müssen partnerschaftlich zueinerWeltgesellschaft zusammenwachsen, in der sich die Völker gegenseitig unterstützen und wechselseitig voneinander lernen. Dass wir tatsächlich Partner sein können, hat die große Hilfsbereitschaft für die Opfer des Tsunami eindrucksvoll bewiesen. Und lernen können wir in Deutschland und in Europa einiges von den ökonomisch aufstrebenden Ländern in Asien: Ich denke an die Bereitschaft, Neuem aufgeschlossen gegenüberzustehen, Heraus­forderungen anzupacken und an die eigene Stärke zu glauben.

Nicht vergessen sollten wir im Übrigen, dass die alten Industriestaaten in Asien vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie wir. Auch Japan und Korea beispielsweise müssen ihre Gesellschaften dem demographischen Wandel und der Dynamik der Globalisierung anpassen. Präsident Roh hat mir bei seinem Staatsbesuch vor einigen Monaten von den ehrgeizigen Reformen berichtet, die er unter dem Motto "Wandel bedeutet Hoffnung" verwirklichen will. Der Lernprozess ist also keine Einbahnstraße von Ost nach West; wir müssen wechselseitig voneinander lernen. Ich freue mich deshalb sehr, dass Korea Schwerpunktland der diesjährigen Asien-Pazifik-Wochen ist. Deutschland und Korea verbindet traditionell viel: 30.000 Koreaner wohnen seit Jahrzehnten in Deutschland. 5.000 koreanische Studenten besuchen deutsche Hochschulen. Beide Länder haben die Erfahrung der Teilung gemeinsam. Wir Deutsche haben das Glück der Wiedervereinigung vor 15 Jahren erlebt. Dieses Glück wünschen wir von Herzen auch unseren koreanischen Freunden.

Kulturell teilen Deutsche und Koreaner die Begeisterung für klassische Musik und - nicht zuletzt - für den Fußball. Die großartige Stimmung bei der WM 2002 in Japan und Korea ist bei uns unvergessen. Dieses Vorbild spornt uns an, beiunsererWelt­meisterschaft im kommenden Jahr gute Gastgeber für Freunde zu sein. Ich hoffe, dass es uns auch gelingen wird, die Weltmeisterschaft als Bühne zu nutzen, um Deutschland als ein vorwärts strebendes Land der Ideen zu präsentieren.

Meine Damen und Herren, im letzten Jahr diente dieses Schauspielhaus als Kulisse für eine Neuverfilmung von Jules Vernes Klassiker "Reise um die Welt in 80 Tagen". "Die Welt ist groß." So sagt zu Beginn des Romans ein Londoner Clubmitglied skeptisch zu den Chancen, einen flüchtigen Bankräuber zu fassen. "Das war einmal", antwortet der Romanheld Phileas Fogg - und umrundet die Welt tatsächlich in 80 Tagen. 1872 war das eine großartige Leistung. Schon Phileas Fogg lernt die Welt aber nicht mehr richtig kennen. Die Reise verkommt zur Kuriositätenschau, hinter der die Wirklichkeit der bereisten Länder verschwindet. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es uns Bewohnern des "globalen Dorfes" kaum anders geht. Wir wissen scheinbar immer mehr. Wir sind fast unbegrenzt mobil. Aber diese Mobilität entspricht nicht einem Mehr an Erfahrung und Erleben. Ich verstehe die Asien-Pazifik-Wochen als ein Angebot, dies zu ändern. Die Asien-Pazifik-Wochen sind mehr als eine Messe. Sie bieten neben den Wirtschaftstagen auch Musik, Tanz, Theater, Meditation und Wissenschaft. Ich hoffe, dass die Besucher von außerhalb und die Berliner dieses Angebot nutzen. Asien ist mehr als Wirtschaft. Nur wenn wir uns Zeit nehmen für alle Aspekte dieser Region, für die Wirklichkeit der Menschen, für die Fragen, die sie bewegen, für den kulturellen Reichtum der Region, nur dann ist ein echter Dialog möglich, nur dann wird die Globalisierung zu einem Zeitalter, in dem die Menschen zueinander finden und gemeinsam handeln, nur dann wird unsere Reise um die Welt zu einem echten Erfolg.