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Rede von Bundespräsident Köhler beim Festakt "450 Jahre Augsburger Religionsfrieden" am 25. September 2005 in Augsburg

Bundepräsident Horst Köhler am Rednerpult Augsburg, 25. September 2005 Foto: Bernd Kühler, bpa © Foto: Bernd Kühler, bpa

"Den Frieden feiern"

I.

Das, was hier in Augsburg vor 450 Jahren geschah, ist es wert, auch heute noch gefeiert zu werden. Wir wissen, wie schwer Frieden zu erringen und Frieden zu bewahren ist.

Der Augsburger Religionsfrieden kann uns auch heute noch viel darüber sagen, wie Frieden möglich wird. Mein Amtsvorgänger Theodor Heuss hat Augsburg einen "Hebel der Weltgeschichte" genannt. Tatsächlich zeigt der hier geschlossene Frieden, wie das Recht mehr Kraft entwickeln kann als das Schwert. Damals wurde eine wesentliche Grundlage gelegt für unser neuzeitliches Verständnis vom Staat und seinem Verhältnis zu Kirchen und Religionsgemeinschaften. Ausgehend vom Augsburger Religionsfrieden wurde allmählich zweierlei klar: Staaten dürfen nicht der Versuchung erliegen, Religion zum Instrument ihrer Machtpolitik zu machen. Und zweitens: Religionen und Glaubensbekenntnisse dürfen nicht den Staat zum Instrument ihrer geistlichen Ziele machen. Beide Erkenntnisse sind heute so aktuell wie damals.

Übrigens: als Protestant bin ich mir bewusst, dass der Augsburger Religionsfrieden für die katholische Kirche bis heute auch als schmerzlich empfunden werden mag, aber deshalb freue ich mich umso mehr über den Festgottesdienst heute morgen als lebendiger Ausdruck der Ökumene. Danke Kardinal Lehmann, danke Bischof Huber!

II.

In Augsburg wurde per Reichsgesetz den Anhängern der Confessio Augustana, den evangelischen Reichsständen, die sich politisch als Protestanten verstanden, die freie Religionsausübung zugesichert. 1555 hofften noch beide Seiten, sich am Ende vollständig durchsetzen zu können. Darum gelang es danach leider nur wenige Jahrzehnte, den Frieden im Deutschen Reich zu sichern. Aber - und das unterstreicht den Wert der damals gefundenen Lösung - auch am Ende des 30-jährigen Krieges wurde der Augsburger Religionsfrieden in seinen Grundgedanken bestätigt und bekräftigt. Der Augsburger Frieden steht für den Beginn eines Prozesses der Emanzipation: Staat und Kirchen begannen zu lernen, sich nicht gegenseitig durchdringen und instrumentalisieren zu wollen.

In Deutschland sind heute Kirche und Staat getrennt, und doch arbeiten sie als unabhängige Partner gut zusammen. Die Verfassung ordnet dieses Miteinander und schützt die Glaubensfreiheit jedes Einzelnen. Mit diesem rechtlichen Rahmen allein ist es jedoch nicht getan, denn die Glaubensfreiheit ist mehr als ein Abwehrrecht. Sie ist auch eine Einladung dazu, sich mit dem eigenen Glauben in die Gesellschaft einzubringen. Und die Trennung von Staat und Kirche ist auch eine Einladung an die Kirchen, sich frei und freiwillig an der Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders zu beteiligen. Darauf sollte jedenfalls ein Staat nicht verzichten, der - wie der unsere - zwar weltanschaulich neutral ist, aber maßgeblich auf Werten aufbaut, die auf das jüdisch-christliche Erbe zurückgehen.

Der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat die längst klassische Formel geprägt, der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Er sichert seinen Bürgern Freiheitsrechte, ohne die Gewähr dafür übernehmen zu können, dass die Bürger diese Rechte auch ausüben und zum Wohle aller wahrnehmen. Und darum weist Böckenförde selber gerade auch den Kirchen und Religionsgemeinschaften eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zu. Denn religiöser Glaube vermittelt innere Antriebe und Bindungskräfte, die eine intakte Gesellschaft letztlich sehr gut gebrauchen kann.

Die Religionsgemeinschaften haben dabei zwar keinen Alleinvertretungsanspruch für bestimmte Werte; aber die Trennung von Staat und Kirche darf eben gerade nicht als Empfehlung missverstanden werden, die Kirchen sollten sich aus der Gesellschaft zurückziehen oder heraushalten.

Im Gegenteil: Gerade sie können Menschen in ihrer Suche nach Transzendenz etwas geben, was kein Staat vermitteln kann und vermitteln sollte. Und die Kirchen leben vor - mit ihrem Dienst am Nächsten, mit ihrer Arbeit in Krankenhäusern und Kindergärten oder mit ihrem Engagement in der Armutsbekämpfung -, was es heißt, sich anderen wirklich zuzuwenden.

Darum sind aus meiner Sicht Versuche problematisch, die Kirchen aus Bereichen hinauszudrängen, in denen sie über Jahrhunderte und über Konfessionsgrenzen hinweg erfolgreich ihren Beitrag geleistet haben. Ich denke hier aktuell besonders an die Schule und an den von den Kirchen erteilten Religionsunterricht, auf den wir nicht verzichten sollten.

III.

Am Interesse der Menschen dafür, was Kirchen und Religionsgemeinschaften zu sagen und beizutragen haben, fehlt es jedenfalls nicht. Meine Wahrnehmung ist, dass Menschen wieder stärker nach geistlicher Orientierung suchen.

Denken Sie nur an die Begeisterung während des Evangelischen Kirchentages in Hannover und beim Weltjugendtag in Köln, wo fast eine Million junger Menschen aus aller Welt zusammengekommen sind. Dort konnte man spüren: Es ist den Menschen und gerade den jungen Christen nicht egal, was mit dieser Welt geschieht! Ich habe in Hannover und Köln viele junge Leute getroffen, die in der Gemeinschaft mit anderen Glauben und Frieden suchen und dabei auf andere zugehen. Ihre Begeisterung, ihr Enthusiasmus ist eine Chance für die Kirche - sie muss sie nutzen -, aber sie ist auch eine Chance für uns alle. Diese Kraft zum Guten brauchen wir.

IV.

Hinter allen konfessionellen Auseinandersetzungen stand in Augsburg die grundsätzliche Frage: Was müssen politisch Verant­wortliche und was sollten die Religionsgemeinschaften tun, damit Gegensätze und weltanschauliche Differenzen nicht zu einer Gefahr für den Frieden und den Zusammenhalt einer Gesellschaft werden? Die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik führt zur Frage nach dem Wesen und den Grenzen von Toleranz. Was verbindet, was trägt eine Gesellschaft, und wie kann sie mit religiöser Vielfalt umgehen?

Wenn wir aktuell in Deutschland über Integration oder über das Verhältnis zwischen den Religionen, zwischen Christen, Juden und Muslimen sprechen, dann sind alle Beteiligten aufgerufen, zuallererst ehrlich zu sich selbst zu sein. Dazu müssen wir uns über unsere eigene Haltung und unsere eigenen Wertvorstellungen klar werden. Wir müssen wissen, wofür wir stehen und wofür wir einzustehen bereit sind. Angesichts neuer Herausforderungen durch Fundamentalismus und auch Terrorismus können wir alle solchen Fragen nicht ausweichen. Gerade hier hat der Dialog der Kulturen für Frieden und Stabilität herausragende Bedeutung.

Frieden lässt sich nur bewahren, wenn wir auch lernen und bereit sind, mit Unterschieden zu leben. In Augsburg wurde deutlich: Frieden zwischen den Religionen ist die Voraussetzung für Frieden in der Welt, und dies gilt heute mehr denn je. Wer trotz unterschiedlicher Überzeugungen friedlich miteinander leben will, muss auch wissen, wo der andere steht. So war der Augsburger Religionsfrieden nicht denkbar ohne ein klares Bekenntnis, die Confessio Augustana. Protestanten und Katholiken sagten einander deutlich, wofür sie stehen, aber sie sprachen der anderen Seite nicht länger das Existenzrecht ab, und der bisherige Glaubens- und Gewissenszwang verlor seine Geltung. Der Augsburger Religionsfrieden galt jedoch nicht für alle Religionsgemeinschaften. Die Calvinisten zum Beispiel, aber auch die Juden blieben ausgespart. Und dennoch: Der Friede war die erste Weichenstellung hin zu der Glaubensfreiheit, die unser Staat heute allen Menschen verbürgt.

V.

Was hat sich 450 Jahre nach Augsburg verändert? Ich denke, heute liegt die Ursache vieler unserer Probleme zumindest in der westlichen Welt nicht so sehr in festen, unversöhnlichen Glaubens­überzeugungen und Wertvorstellungen. Unser Problem scheint mir vielmehr eine weitverbreitete Relativierung aller Werte und Haltungen zu sein. Menschen müssen aber wissen, was sie unterscheidet und was sie verbindet. Und gerade die Gläubigen der großen Weltreligionen verbindet doch sehr viel! Hans Küng hat gezeigt, wie viel Gemeinsames es zwischen den Religionen gibt. Ich nenne nur die Goldene Regel: "Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu." Diese Regel gilt in allen Weltreligionen, und die Erkenntnis, wie viel uns verbindet, macht mir Mut. Aber die Frage bleibt: Warum fällt es Menschen, Christen wie Nichtchristen und selbst den Religionen untereinander oftmals so schwer, Frieden zu halten? Wie passen der Wahrheitsanspruch der verschiedenen Religionen und der Wunsch nach Frieden zusammen?

Ich glaube, da gibt uns Gotthold Ephraim Lessings Ringparabel einen guten Fingerzeig. Darin wird die Frage aufgeworfen, welche Religion die wertvollere, die richtige ist. Lessing erzählt von einem Mann, der einen Ring mit der Kraft besitzt, seinen Besitzer "vor Gott und den Menschen angenehm" zu machen. Weil der Mann seine drei Söhne gleich lieb hat, lässt er den Ring so kopieren, dass nicht festzustellen ist, welcher der echte ist. Der Mann stirbt, jeder Sohn erbt einen Ring, und der Streit darüber beginnt, welcher der Ringe der wahre ist. Die Ringe stehen bei Lessing für die drei monotheistischen Weltreligionen, und die Botschaft seiner Parabel lautet nun nicht etwa: Alle Religionen sind gleich und beliebig austauschbar, sondern vielmehr: Nimm Deinen Ring, nimm Deine Religion oder Deine Wertvorstellungen ernst und lebe mit ihnen, ohne anderen, deinen Brüdern, die Echtheit ihres Ringes, ihrer religiösen oder sonstigen Überzeugungen abzusprechen. Versuche, durch Dein Leben den Beweis zu führen, dass dein Ring der echte ist.

Lessing spricht als Vertreter einer Aufklärung, die es vermutlich ohne den Augsburger Religionsfrieden so nicht gegeben hätte, und er weist den Weg aus dem scheinbaren Konflikt zwischen Anspruch auf Wahrheit und Sehnsucht nach Frieden: Gerade indem die Gläubigen ihre Religion ernst nehmen und nach ihr leben, können sie deren Wahrheit erweisen und den Frieden untereinander gewinnen. So ist Frieden zwischen den Religionen und Frieden in der Welt immer möglich, wenn wir nur aufrichtig genug darum ringen und jeder seinen Beitrag dazu leistet.

VI.

In einem Monat werden wir die Wiedereinweihung der Dresdner Frauenkirche feiern. Sie wurde erbaut, nachdem der sächsische Kurfürst August der Starke zum katholischen Glauben übergetreten war, um König von Polen werden zu können. Erbaut haben die Frauenkirche die Dresdner Protestanten, und zwar genau gegenüber der katholischen Hofkirche. Und in den Grundstein der Frauenkirche mauerten sie die Confessio Augustana ein, jenes Augsburger Bekenntnis, das dem Protestantismus zum Durchbruch verholfen hatte. Und alles das tat dem guten Miteinander der Konfessionen in Dresden wenig Abbruch! Das Beispiel zeigt, wie weit man im friedlichen Miteinander schon Anfang des achtzehnten Jahrhunderts über Augsburg hinausgekommen war - aber eben nur dank Augsburg. Hier wurde der Anfang gemacht.

Und darum ist der Augsburger Religionsfrieden bis heute ein guter Grund, gemeinsam zu feiern, und ich freue mich, das mit ihnen tun zu können!