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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler bei der Feier zum 50. Jahrestag der Rückkehr der letzten deutschen Gefangenen aus der UdSSR und zum 60-jährigen Bestehen des Lagers Friedland

Durchgangslager Friedland Friedland, 12. Oktober 2005 Foto: bpa © Foto: bpa

I.

Friedland liegt im Herzen Deutschlands, und nicht nur geographisch. Das Lager Friedland ist seit sechzig Jahren ein Symbol für die besten Eigenschaften unseres Landes: für Freiheit, für Mitmensch­lichkeit und für Friedensliebe.

Europa war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein dunkler Kontinent voller Unheil und Leid. Viel davon spielte sich auf Bahnhöfen ab. Von ihnen rollten die Truppen­transporte an die Fronten der Weltkriege, fuhren die Züge mit unschuldigen Opfern in die Vernichtungslager der Nazis, gingen die Kinderlandverschickungen ab und die Waggons mit Flüchtlingen und Vertriebenen. Über Jahre hinweg überall ein einziges Abschiednehmen in Furcht, Trauer und Verzweiflung, und oft ein Abschiednehmen für immer.

Umso heller bleiben die Tage in Erinnerung, an denen es eine glückliche Wiederkehr gab, an denen Menschen in die Freiheit zurückkehrten. Auch da waren oft Bahnhöfe der Schauplatz, und keiner hat mehr solcher Sternstunden erlebt als der Bahnhof Friedland und das Lager Friedland.

An eine dieser Sternstunden erinnern wir heute: Vor fünfzig Jahren begann die Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten aus der Sowjetunion. Im Oktober 1955 trafen die ersten Transporte im Lager Friedland ein. Sehr viele hier im Saal waren damals dabei. Meine Frau und ich freuen uns darüber, diese Stunde mit Ihnen zu erleben.

Dazu eingeladen hat mich Herr Präsident Führer vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Volksbund hat entscheidend dabei mitgeholfen, das heutige Treffen möglich zu machen. Ich danke dem Volksbund und allen anderen Beteiligten dafür, und ich wiederhole darüber hinaus bei dieser Gelegenheit sehr gern: Die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge verdient unser aller Unterstützung.

II.

Das Schicksal der deutschen Gefangenen in der Sowjetunion hat in den fünfziger Jahren unser Volk bewegt wie keine andere Frage. Carlo Schmid erklärte in Moskau mit Recht, hinter der Bitte nach Freilassung der Gefangenen stehe "das ganze deutsche Volk ohne Unterschied der Parteien und ohne Unterschied des persönlichen Schicksals". Darum war der Jubel riesengroß, als Konrad Adenauer im September 1955 von seiner Moskau-Reise die Zusage mitbrachte, die Gefangenen sollten endlich freikommen. Noch Jahrzehnte später haben die Westdeutschen in diesem Erfolg die größte seiner vielen großen Leistungen als Bundeskanzler gesehen.

Heute wissen wir, dass die sowjetische Seite die Kriegs­gefangenen vielleicht ohnehin freigeben wollte; aber das schmälert nicht, was Konrad Adenauer damals erreicht hat. Er vertrat die junge Bundesrepublik Deutschland und ihre Werte mit Festigkeit, doch ohne Schärfe. Er verhandelte mit Charme und bot den sowjetischen Führern Contra, wo das nötig war. Das machte Eindruck, das gab für die Ergebnisse den Ausschlag, und das schuf eine bleibende Grundlage für die weitere Verbesserung der Beziehungen.

Selbstverständlich fand Adenauer auch klare Worte für die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg und für die von Deutschen begangenen Verbrechen. Und er hat mit Recht die sowjetische Forderung akzeptiert, gegen einen kleinen Teil der zurückgekehrten Kriegsgefangenen wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen zu ermitteln. Konrad Adenauer stand zur Verantwortung Deutschlands.

III.

"Skoro domoj" - "bald nach Hause" - darauf haben Millionen sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft gehofft und Millionen Landser in sowjetischen Lagern. Aber mehr als drei Millionen Rotarmisten sind in deutscher Gefangenschaft gestorben oder gar ermordet worden, und mehr als eine Million deutsche Soldaten sind in sowjetischer Gefangenschaft umgekommen. Die Zahlen lassen sich nennen, aber das Ausmaß der Leiden, für das sie stehen, das übersteigt jede Vorstellungskraft.

Kriegsgefangenschaft war überall ein hartes Los, und in vielen Staaten sind Gefangene schlecht behandelt worden bis hin zum Tode. Aber am schwersten waren nach dem Krieg die Bedingungen in der Sowjetunion - auch deshalb, weil dieses Land ja selber verheert war und in den ersten Nachkriegsjahren kaum für die eigene Bevölkerung sorgen konnte. Wer dort die Gefangenschaft überlebt hat, der wird diese Zeit der Not und Entbehrung niemals vergessen. Sie begleitet die Heimkehrer bis heute und bis tief in ihre Träume: vom Moment der Gefangennahme - die meisten erinnern sich noch genau an das Datum und an die dabei ausgestandenen Ängste - bis zum Tag der Entlassung.

"Die einen kamen, die anderen gingen, die dritten starben." So hat Dostojewski seine Zeit im zaristischen Straflager umschrieben, und so war auch der Lageralltag für die deutschen Kriegsgefangenen. Eingesperrt, zusammengepfercht, anfangs oft ohne Licht und Heizung und nicht selten mit nur einem Wasserhahn für tausend Mann, entkräftet und unterernährt - darum ständige Gespräche übers Essen, darum selber gebaute Brotwaagen zur gerechten Verteilung der Hungerrationen -, das waren die Voraussetzungen, unter denen die Gefangenen lebten. Dabei mussten sie schwerste Zwangsarbeit leisten: beim Wiederaufbau der zerstörten Städte, im Gleisbau, in den Bergwerken. Fast jeder Gefangene wurde immer wieder von Lager zu Lager verlegt - also wieder fremde Gesichter, wieder ein anderer Natschalnik und ein anderer Lagerältester und wieder die Suche nach einem neuen Schlafplatz.

Skoro domoj - mit den Jahren wurde das Gefangenendasein ein wenig leichter. Die erste Postkarte nach Hause - nicht mehr als 25 Worte! -, die erste Postkarte aus der Heimat, dann sogar Pakete, Fotos, die staunend herumgezeigt werden - "So groß sind meine Kinder schon?"

Es gab auch schwere Rückschläge: Zehntausende Kriegs­gefangene wurden von den Sowjets zu hohen Haftstrafen verurteilt: fast immer willkürlich und meist wegen geringfügiger Vergehen oder komplett erfundener Anschuldigungen. Gab es da überhaupt noch Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat?

Und am Ende dann endlich doch noch: Skoro domoj! Ihr dürft zurück nach Deutschland!

IV.

So haben es die deutschen Kriegsgefangenen erlebt, aber nicht nur sie: Hunderttausende deutsche Zivilisten sind gegen Ende des Krieges in die Sowjetunion verschleppt worden, sehr viele von ihnen Frauen und Mädchen. Die meisten haben schrecklich gelitten, viele wurden vergewaltigt, fast alle mussten schwerste Zwangsarbeit leisten, und Zehntausende sind dabei gestorben. Hinzu kamen die Opfer politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR. Auch viele von ihnen wurden in die Arbeits- und Straflager im Osten gesperrt.

Niemand kennt auch nur die genaue Zahl all dieser Unglücklichen, und 1955 wusste niemand, wie viele von ihnen überhaupt noch am Leben und weiter in Haft waren. Konrad Adenauer hat dann auch für etwa zwanzigtausend Zivilgefangene die Rückkehr nach Deutschland erwirkt. Auch das bleibt unvergessen.

Und unvergessen bleibt das Leid der Angehörigen in der Heimat, die so lange in Ungewissheit waren über das Schicksal ihrer Lieben. Immer wieder standen sie an den Bahnsteigen, mit selbstgemachten Plakaten, mit Fotos, in banger Hoffnung auf Nachricht, auf Gewissheit. Auch für Hunderttausende von ihnen brachte die Moskaureise die Erlösung; wenn auch leider längst nicht für alle.

V.

Lernt der Mensch aus der Geschichte? Mancher - nie: Auch unter den Kriegsgefangenen gab es Hochmut selbst nach dem Fall und gab es ideologische Verblendung bis zuletzt. Aber die meisten Heimkehrer haben es besser gemacht. Sie haben nach Kräften am Wiederaufbau Deutschlands mitgewirkt und mit dafür gesorgt, dass in Deutschland Militarismus und Revanchismus keine Chance hatten. Ich weiß von einigen, die bewusst Priester oder Lehrer geworden sind, um bei jungen Menschen die Saat für eine bessere Zukunft auszubringen. Und viele schlossen sich dem "Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen" an, der auch für die Verständigung zwischen den Völkern und den Frieden wirkt. Sie alle haben Bleibendes geleistet.

Lernen Völker aus der Geschichte? Deutschlands Weg nach 1945 zeigt, dass auch dies möglich ist. Die allermeisten Deutschen haben sich nach dem Krieg mit Herz und Verstand für Freiheit und Demokratie entschieden, auch wenn das Streben danach im Osten noch jahrzehntelang unterdrückt wurde. Wir haben bisher die richtigen Lehren aus unserer Geschichte gezogen; und darum ist unsere freiheitliche, friedfertige Demokratie heute ein Land, das weltweit angesehen ist, ein Land, in dem es sich gut leben lässt und für das einzutreten sich lohnt. Auch zu Russland haben wir gottlob wieder gute partnerschaftliche Beziehungen. Wir wissen aber auch: Der Preis der Freiheit bleibt Wachsamkeit, Wachsamkeit gegen extremistische Verführer im Innern und Wachsamkeit gegen Gefahren von außen.

VI.

Zu der Erfolgsgeschichte unseres Landes gehört seit nun sechs Jahrzehnten auch das Lager Friedland. Es war für Millionen Menschen das Tor zur Freiheit - für die deutschen Gefangenen, Vertriebenen und Flüchtlinge ebenso wie für viele Menschen aus anderen Nationen. Sie alle fanden in Friedland Obdach und Hilfe, und das oft zum ersten Mal nach langer Not. Ich danke allen, die zu diesem großen Werk der Menschlichkeit beigetragen haben und weiter beitragen, und ich schließe in diesen Dank ausdrücklich die Bürgerinnen und Bürger von Friedland ein. Sie waren dem Lager Friedland immer gute, hilfsbereite Nachbarn.

Im Lauf der Jahre haben sich die Aufgaben des Lagers Friedland verändert. Inzwischen geht es vor allem darum, sich Menschen zuzuwenden, die als Spätaussiedler oder Emigranten unsere Mitbürger werden wollen. Sie sollen sich in Deutschland heimisch fühlen, unser Land soll ihnen zur Heimat werden. Dafür kommt es oft ganz besonders auf die ersten Eindrücke an, die sie in Deutschland empfangen. Auch in dieser Hinsicht wird in Friedland Vorbildliches geleistet. Wer hier ankommt, den erwartet ein aufrichtiges Willkommen und den erwarten viele nützliche Hilfen für den Neuanfang. Wer Neuland betritt, braucht Ratgeber. Niemand ist erfahrener als die Mitarbeiter des Grenzdurchgangslagers Friedland und der hier tätigen Verbände und Organisationen. Ihre Arbeit bleibt unersetzlich.

VII.

Friedland ist zu einem Symbol der Freiheit geworden, der glücklichen Wiederkehr und der Hoffnung - nicht zuletzt der Hoffnung, dass die Menschen aus der Vergangenheit lernen. Beherzigen wir also auch weiterhin die Botschaft, die die Heimkehrer aus der Gefangenschaft an der Friedland-Gedächtnisstätte angebracht haben:

"Völker entsaget dem Haß -
Versöhnt euch, dienet dem Frieden -
Baut Brücken zueinander!"