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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des 50. Jahrestages der Volksabstimmung über das Saarstatut in Saarbrücken

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult 23. Oktober 2005 Foto: Andrea Bienert, bpa © Foto: Andrea Bienert, bpa

I.

"Die Saarfrage war nach dem letzten Krieg zehn Jahre lang eines der schwierigsten Probleme zwischen Deutschland und Frankreich und in der europäischen Politik." Mit diesem Satz beginnen die Erinnerungen des ehemaligen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Und der Satz ist wahr: In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Saarland weit oben auf der politischen Tagesordnung in Europa.

Heute vor fünfzig Jahren lehnten die Bürgerinnen und Bürger im Saarland in einer Volksabstimmung das sogenannte "Saarstatut" ab. Sie entschieden sich damit gegen eine Autonomie des Saarlandes unter der Aufsicht der Westeuropäischen Union, und wichtiger noch: Sie entschieden sich damit praktisch für die Rückkehr des Saarlandes zu Deutschland.

Es war die letzte Station eines verschlungenen Weges. Wer um die Wende zum vorigen Jahrhundert im Saarland geboren wurde, konnte bis zum Rentenalter fünf Pässe sammeln:

einen deutschen aus dem Kaiserreich;

einen, der ihn als "Protegé de la France" auswies, aus der Zeit unter dem Statut des Völkerbundes;

dann, nach der Volksabstimmung von 1935 über die nationale Zugehörigkeit des Saarlandes, einen Pass des Deutschen Reiches;

danach, 1948, einen saarländischen Pass

und nach der zweiten Volksabstimmung ab 1957 zu guter Letzt den Reisepass der Bundesrepublik Deutschland.

Fünf Pässe sind viel mehr, als für ein Leben in Ruhe und Frieden nötig ist. Wer im Saarland lebte, machte - ohne auch nur einmal den Wohnort zu wechseln -, wirklich staatsrechtliche Grenzerfahrungen. Aber nach meinem Eindruck blieben sich die Saarländer in all dem Hin und Her immer selber treu. Und das ist gut, und das ist auch irgendwie beruhigend.

II.

Das Saarstatut entsprang dem Wunsch Frankreichs, an seiner Westgrenze möglichst viel Sicherheit zu erreichen. Die Bundesregie­rung suchte den Ausgleich mit dem Nachbarn und den westlichen Alliierten und hielt das Saarstatut für einen Teil des dafür zu entrichtenden Preises. Eines aber wollten beide Regierungen nicht: Gegen den Willen der Menschen selbst handeln. Sie sollten nicht Spielball der internationalen Politik sein, sondern selber über ihr Schicksal entscheiden können.

Die Pariser Verträge, in denen das Saarstatut geregelt war, sahen allerdings eine Ablehnung gar nicht vor. Umso klüger und weitsichtiger war es von Frankreich, die Entscheidung der Saarländer für die Rückkehr zu Deutschland zu akzeptieren. Vielleicht empfand man ja auch in Paris, dass Fußball-Länderspiele zwischen dem Saarland und der Bundesrepublik - die es wirklich gegeben hat! - nach Absurdistan gehörten und nicht ins neue Europa. So wurde der Weg frei zur - schon damals so genannten - "kleinen Wiedervereinigung" von 1957, und die wurde in Westdeutschland ähnlich begeistert gefeiert wie die Einheit von 1990 in ganz Deutschland.

III.

Das "Nein" der Saarländer zum Statut war kein Stolperstein auf dem Weg zur deutsch-französischen Freundschaft und zur europäischen Integration, sondern wirklich ein Meilenstein. Eine dauerhafte Abtrennung wäre unnatürlich gewesen, denn zum Wesen der Saarländer zählt eben nicht nur ihre landsmannschaftliche und europäische Identität, sondern auch ihre Verwurzelung in der Sprache und Kultur Deutschlands.

Die Saarfrage stand nun nicht mehr zwischen beiden Ländern, und ihre guten Beziehungen wurden zum Motor der europäischen Integration. Dieser Prozess war 1955 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl institutionell schon begonnen, nun wurde er durch das Ergebnis der Abstimmung im Saarland gestärkt. Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses telegrafierte Konrad Adenauer an den französischen Premierminister Edgar Faure: "Aus dem Bewusstsein, dass beide Regierungen im Geiste europäischer Solidarität einen Ausgleich gesucht und loyal ihre Verpflichtungen eingehalten haben, ergibt sich mir die Gewissheit, dass sie auch in Zukunft den Weg der Eintracht und der Freundschaft gehen werden." Und Adenauer behielt Recht.

Heute sehen viele in der Welt Europa als Vorbild an, weil es uns Europäern gelungen ist, altes Denken und alte Feindschaft zu überwinden und zu neuen Formen der Zusammenarbeit und durchaus auch der Sicherheit durch gegenseitige Abhängigkeit zu finden, wie sie zuerst mit der Montanunion gestiftet wurden.

In der Europäischen Union leben heute 450 Millionen Menschen friedlich zusammen. Europa steht für kulturelle Vielfalt, unterschiedliche Sprachen, eine reiche Geistesgeschichte. Wir leben gemeinsam in einem großen, immer noch starken Wirtschaftsraum, der durch die Verbindung von wirtschaftlicher Freiheit mit sozialem Ausgleich einen nie zuvor erreichten Wohlstand ermöglicht hat. Die staatlichen Grenzen trennen nicht mehr, sie verbinden uns.

Allein zwischen Deutschland und Frankreich sind weit über 2000 Städtepartnerschaften entstanden. Und inzwischen ist der grenz­überschreitende Austausch zwischen Frankfurt/Oder und Slubice oder auch in der Euroregion Neiße fast so rege und selbstverständlich wie seit Jahrzehnten zwischen dem Saarland, Deutschland und Frankreich. Die gute Nachbarschaft in der Region Saar-Lor-Lux hat dafür ein bleibendes Beispiel und Vorbild gegeben.

Gewiss, wir stehen in Europa ganz aktuell auch vor beträchtlichen Herausforderungen - von der Modernisierung der Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten bis zu dem Gebot, in der Außen- und Sicherheitspolitik viel mehr mit einer Stimme zu sprechen. Aber wenn wir darauf sehen, wo Europa 1945 stand und wie viel Gutes seine Bürgerinnen und Bürger seither erreicht haben, dann muss uns vor der Zukunft wirklich nicht bange sein.

IV.

Die Saarländer pflegen ihre örtlichen Besonderheiten, sie wirken kraftvoll in der Bundesrepublik mit und sie zeigen durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, dass ein Europa "von unten" möglich ist. Über eine starke regionale Identität zu verfügen, bedeutet nämlich gerade nicht, sich von anderen abzuschotten.

Die Einigung Europas ist in mehr als vier Jahrzehnten von der Vision zum gelebten Alltag geworden - auch und gerade zwischen Frankreich und Deutschland. Ein Beispiel dafür geben die 32 jungen Leute, die seit dem 1. September im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen dem Croix Rouge Lorraine und dem Deutschen Roten Kreuz in Lothringen ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten. Genau solche praktischen gemeinsamen Erfahrungen hat sich Konrad Adenauer gewünscht, als er schrieb, dass besonders junge Menschen einander kennen lernen, miteinander leben und arbeiten müssten, um die Last der Vergangenheit zu bewältigen.

Mittlerweile verbinden saarländische Initiativen nicht nur Deutschland und Frankreich, sondern ganz Europa. Das Robert-Schuman-Gymnasium aus Saarlouis zum Beispiel verfügt über eine Reihe französischer Partnerschulen, und es hat auch eine Partnerschaft mit der Robert-Schuman-Oberschule in Warschau geschlossen.

Jean Monnet hat einmal gesagt: "Nicht Staaten vereinigen wir, sondern Menschen." Beispiele wie die genannten zeigen, dass die Integration über seinen Wunsch noch hinausgewachsen ist: Die Menschen warten nicht mehr auf die europäische Einigung, sie nehmen sie längst selber in die Hand, und das tut ihr gut. Vor allem die jungen Menschen nehmen die europäische Einigung in die Hand. Und vielleicht sollten wir Erwachsene und die Politik mehr zuhören, was die jungen Menschen bewegt, wie sie die europäische Einigung in die Hand nehmen.

Die Saarländer sind dafür bekannt, dass sie politische Konflikte so ernst wie nötig nehmen, aber nie schwer, und dass sie Konflikte nicht lieben, sondern lösen. Darum gehen die Saarländer auch mit den Herausforderungen des Übergangs vom Montanland zur Region für Wissenschaft und High-Tech kreativ, konstruktiv und zuversichtlich um. Die Wege im Saarland sind kurz, die Menschen kennen sich. All das ist eine gute Grundlage, um große Herausforderungen zu meistern, denn vor denen stehen wir in Deutschland auch weiterhin.

V.

Die Volksabstimmung vom 23. Oktober 1955 zeigt, wie genau die Bürgerinnen und Bürger in solchen Fällen ihre Interessen und die für sie beste Lösung einschätzen können. Das Entscheidende war, dass sie überhaupt die Chance dazu bekamen.

Möglicherweise gibt es noch zu wenige solcher Chancen. Unser Grundgesetz kennt Volksentscheide bisher nur in Zusammenhang mit der Neugliederung des Bundesgebiets - gewiss auch ein bedenkenswertes Thema, aber gewiss nicht das einzige, bei dem die Bürger ein direktes Mitspracherecht verdienen. Darum plädiere ich dafür, auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene über mehr Elemente direkter Demokratie nachzudenken, wenn sich die Gelegenheit dafür bietet - und die dringend nötige Föderalismusreform ist eine davon.

Und noch ein Aspekt der "kleinen Wiedervereinigung" ist nach meiner Überzeugung bis heute bedenkenswert: Damals erhielt der saarländische Gesetzgeber die Befugnis, Bundesrecht aufzuheben und eigene, maßgeschneiderte Regelungen zu beschließen, soweit das für die Eingliederung in die Bundesrepublik nötig erschien. Ein solcher Gedanke kann noch heute zur Stärkung der Länderkompetenzen, aber insbesondere auch des Aufbaus Ost aufgegriffen werden. Die östlichen Bundesländer haben zuwenig Gestaltungsspielraum, um eigene Ideen erproben zu können. Das Beispiel Saarland zeigt, wie innovativ der Gesetzgeber Freiräume schaffen kann, wo das nötig ist. Heute scheint solcher Mut zu Neuem leider selten, obwohl das Dickicht der Rechtsnormen noch viel undurchdringlicher geworden ist und die Länder mit Recht kritisieren, wie wenig eigener Spielraum noch bleibt. Auch darüber sollte im Zuge der Föderalismusreform noch einmal sehr genau nachgedacht werden.

VI.

Meine Damen und Herren, Vor 50 Jahren ging nach dem erbitterten Streit um das Statut sogar durch manche Familien im Saarland ein Riss. In den Folgejahren aber haben die Saarländer wieder zusammengefunden, wurde ihre Heimat wieder ein unverbrüchlicher Teil Deutschlands und kam die europäische Einigung unbelastet von der Saarfrage vortrefflich voran. All das sind gute Gründe, heute hier zu feiern. Ich freue mich darauf, das gleich noch beim Volksfest mit den vielen Menschen auf dem Ludwigsplatz zu tun.

Seit zwei Jahren gibt es ein neues Saarlandlied. Seine letzte Zeile lautet: "Denn Du, unser Land, sollst uns freuen". Ich finde: Die Saarländer haben guten Grund zur Freude. Und alle Deutschen freuen sich mit.