Navigation und Service

Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung der Dresdner Frauenkirche

Bundespräsident Horst Köhler während seiner Rede in der Frauenkirche Dresden, 30. Oktober 2005 Foto: Guido Bergmann, bpa © Foto: Guido Bergmann, bpa

"Was uns eint"

I.

"Suchet der Stadt Bestes."

Diese Aufforderung des Propheten Jeremia steht auf einer der Glocken der Frauenkirche.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Kirchbau, dessen Einweihung wir heute feiern, zählt zu dem Besten, was freie Bürger leisten können. Dieser wunderbare Bau ist mehr als ein Gebäude. Er steht für das Gute, das uns eint.

Die Dresdner Frauenkirche, die schon kurz nach ihrer Fertigstellung 1743 als der schönste Kirchbau des Protestantismus beschrieben wurde, war nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem eine schmerzliche Erinnerung und eine Wunde, ihre Ruine ein Mahnmal gegen Zerstörung und blinde Gewalt. Doch mit dem Herbst 1989 wurde die Vision, die sich mancher Dresdner durch die Zeit der DDR hindurch bewahrt hatte, dann zum konkreten Projekt. Dazu brauchte es mehr als die tausende Kubikmeter Sandstein, die in über einem Jahrzehnt zusammengefügt wurden. Es brauchte mehr als die weit über 100 Millionen Euro, die der Bau gekostet hat. Nötig waren vor allem die Tatkraft, die Zuversicht und der unermüdliche Einsatz von Menschen in Dresden und weit darüber hinaus.

II.

In diesem Monat haben wir den 15. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert. Versetzen wir uns einmal zurück ins Jahr 1990: Schien damals ein Projekt wie der Wiederaufbau der Frauenkirche nicht weltfremd? Hatte nicht Ostdeutschland Straßen, Dächer und Fabriken nötiger als einen teuren Kirchbau? Aber eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern sagte: Dresden braucht mehr! Und spätestens heute erkennen wir: Diese Bürger hatten Recht! Menschen leben vom Brot, aber eben nicht vom Brot allein. Das Jahr 1989 hat gerade uns Deutschen gezeigt: Freiheit braucht man wie die Luft zum Atmen. Gleichzeitig will Freiheit immer auch gestaltet werden, nicht egoistisch und selbstherrlich, sondern in der Gemeinschaft mit anderen. Dieses verantwortliche Miteinander in Freiheit, das ist es, was Zusammenhalt, was Einheit stiftet. Das ist es, was Menschen dazu befähigt, sich große Ziele zu setzen und die Welt um sich herum zum Guten zu verändern.

Das haben schon vor fast 25 Jahren auch jene Dresdner versucht, die zu Hunderten am Abend des 13. Februar 1982, dem Jahrestag des Bombenangriffs, an der Ruine der Frauenkirche zusammengekommen waren. An dem Ort der Zerstörung wollten sie gegen Krieg und für den Frieden demonstrieren. Mit ihrer Versammlung, mit ihren Kerzen und ihren Flugblättern gaben sie der Friedensbewegung mutig ein Gesicht. Doch schon die Tatsache, dass Menschen ihrem Wunsch nach Frieden ungefragt und ungelenkt Ausdruck verliehen, war für den SED-Staat Grund genug, weitere spontane Kundgebungen an der Frauenkirche zu verhindern. Danach wurde hier einmal jährlich demonstriert - und zwar staatlich organisiert.

Aber der Drang nach Freiheit, nach Meinungsfreiheit, nach Demokratie lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken und wegschließen. Es kam der Herbst 1989, es kam die Wiedervereinigung und mit ihr auch die Vision vom Wiedererstehen der Frauenkirche.

Damals haben 14 Dresdner den entscheidenden Anfang gemacht. Sie schlossen sich bereits Ende November 1989 in einer Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche zusammen. Sie haben an ein Ziel geglaubt und aus eigenem Antrieb die Initiative ergriffen zu einem Zeitpunkt, an dem kaum jemand von dem heutigen Tag auch nur zu träumen wagte. Für sie war klar: Eine Stadt ist mehr als eine Ansammlung von Gebäuden. Eine Stadt lebt von der Tatkraft und der Haltung ihrer Bürger - Menschen, die der Stadt Bestes suchen.

III.

Gerhart Hauptmann hat 1945 gesagt: "Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens." Dem ist 60 Jahre später hinzuzufügen: Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der wiedererstandenen Frauenkirche! Das kann uns besonders viel sagen in einer Zeit, in der viele Menschen Sorgen haben, auch Angst vor der Zukunft.

Der Wiederaufbau hat Dresden, hat Sachsen, hat Deutschland verändert und uns gezeigt: Unser Land braucht mehr als nur Gewerbegebiete, Straßen und Forschungsinstitute, so dringend natürlich auch die gebraucht werden. Wir feiern heute, dass das Schicksal dieser Kirche Menschen im ganzen Land in Bewegung gesetzt, uns begeistert und miteinander verbunden hat. Der Wiederaufbau der Frauenkirche ist in einzigartiger Weise Ausdruck des Guten, das in einer Bürgergesellschaft und ihren Bürgern steckt und das darauf wartet, geweckt zu werden.

Und die Frauenkirche hat diese Kräfte nicht zum ersten Mal geweckt. Schon ihr Bau im Jahre 1726 wurde nicht von oben verordnet, sondern von den Dresdnern selber beschlossen: So war es nicht der sächsische Kurfürst, sondern der Rat der Stadt Dresden, der die Errichtung der Kirche durchsetzte. Und an Kreativität, die dafür nötigen Gelder zusammenzubekommen, hat es den Visionären auch im 18. Jahrhundert nicht gefehlt: So wurde eine Baulotterie ins Leben gerufen, und die wohlhabenden Dresdner liehen ihre Pferdegespanne für den Transport der Steine. Sogar die Einführung einer zusätzlichen Biersteuer wurde erwogen, um den Bau voranzubringen - der Plan zerschlug sich aber, verständlicherweise, denn beim Bier hört bekanntlich nicht nur in Sachsen der Spaß auf.

IV.

Die Initiatoren des Wiederaufbaus waren beim Spendensammeln nicht weniger kreativ: Stifterbriefe, Patenschaften für Steine der Frauenkirche, Uhren mit Splittern des alten Mauerwerks, Benefizkonzerte und ungezählte Gespräche mit Spendern brachten Millionen Euro zusammen. Ich danke allen, die sich für die Frauenkirche eingesetzt haben. Stellvertretend für sie alle möchte ich nur einige nennen:

Die Dresdner Taxigenossenschaft erklärte sich über mehrere Jahre bereit, für jede über die Funkzentrale vermittelte Fahrt einen Pfennig für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen.

Landtechnik-Studenten aus Dresden-Pillnitz gelang es auf einem Versuchsfeld, Landmaschinen per Satelliten-Navigation bei der Aussaat so genau zu steuern, dass ein 150x150 Meter großes Abbild des Frauenkirchen-Logos aus Winterroggen und Ackersenf entstand.

Britische Handwerker haben ihr Können in die Anfertigung des goldenen Turmkreuzes eingebracht.

Werner Jahn, der als politischer Häftling über vier Jahre in der berüchtigten DDR-Haftanstalt Waldheim einsaß, hat seine Haftent­schädigung für den Wiederaufbau gespendet.

Und was kann uns mehr Hoffnung machen als die Anwesenheit einer Abordnung der polnischen Stadt Gostyn bei diesem Festakt? Zwölf ihrer Söhne wurden als Widerstandskämpfer 1942 nicht weit von hier, im ehemaligen Gebäude des Landgerichtshofs am Münchner Platz, von den Nazis hingerichtet. Und ausgerechnet in dieser Stadt sammelte Marian Sobkowiak, ein überlebendes Mitglied der Widerstandsgruppe, mit anderen Bürgern für die Frauenkirche und ließ eine der Flammenvasen auf dem Turm dieser Kirche von einem polnischen Steinmetz anfertigen. Was kann uns mehr Hoffnung machen?

All diese Beispiele sind Zeichen für das Ungewöhnliche, das Kreative, das Gute, das in dieser Stadt und durch diesen Kirchbau bewirkt wurde. Und die wiederaufgebaute Frauenkirche verbindet Menschen - weltweit. Menschen, die die Völkerverständigung Wirklichkeit werden ließen und wollen, dass es nie wieder Krieg gibt - nicht in Europa und nicht anderswo auf der Welt.

Wer Schülern heute erklären will, was der Ausdruck "Europa als Friedenswerk" bedeutet, dem empfehle ich eine Klassenfahrt nach Dresden und Coventry. Den Partnerstädten ist es über Jahrzehnte gelungen, Deutsche und Engländer aus zwei Orten zusammen­zubringen, die durch ihre Geschichte immer miteinander verbunden sein werden. Und der Dresden Trust hat diese Stadt und den Wiederaufbau der Frauenkirche vielen Menschen in Großbritannien nahe gebracht. Wer konnte sich dies nach den verheerenden Bombardements damals vorstellen?

Frieden ist ein Geschenk, für das man aber immer wieder arbeiten muss, und manchmal grenzt das, was Versöhnung bewirken kann, an ein Wunder. Die Dresdner Frauenkirche kann uns Kraft geben, uns gemeinsam und grenzenlos noch stärker für Frieden und Versöhnung einzusetzen.

V.

Was hier in Dresden erreicht wurde, sollte Deutschland insgesamt Mut machen. Der Wiederaufbau der Frauenkirche ist eine gesamtdeutsche Leistung. Wir bewundern die Handwerker und Planer aus Dresden und Sachsen. Die Glocken wurden in Bad Friedrichshall in Baden-Württemberg gegossen, das Holz für die Emporen im Chor ist im Schwarzwald geschlagen und in Chemnitz gebogen. So zeigt die Frauenkirche ganz praktisch, was uns als Deutsche eint und was wir zustande bringen können, wenn wir gut zusammenarbeiten.

Hier ist eine Kirche wiedererstanden, in der sich Menschen mit all ihrer Freude und mit ihren Fragen, mit ihren Hoffnungen und Ängsten versammeln können, ein Ort, der Menschen zusammenbringt und eint: Zur ersten Christvesper nach dem Krieg strömten 1993 über 50 000 Menschen zur Ruine der Frauenkirche, und Landesbischof Hempel las vor dem freigelegten Altar die Weihnachtsgeschichte nach Lukas.

Ich wünsche jedem von uns ein Stück von dem Mut, von der Begeisterung und von der Zuversicht, die die Einweihung dieser Kirche möglich gemacht haben.

Ich wünsche der Stadt Dresden und all ihren Bewohnern und Freunden, dass sie beim Blick auf die Frauenkirche an das denken mögen, was uns eint: Als freie Bürger der Stadt Bestes zu erstreben.

Und ich wünsche unserem Land, dass die Dresdner Frauenkirche uns stets daran erinnern möge, was wir an Gutem zustande bringen können, wenn wir einig sind.

Wir Deutsche schreiben gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern in aller Welt an einem neuen Kapitel unserer Geschichte.

Königin Elisabeth II. hat mir einen Brief geschrieben. Sie freut sich mit uns über die Rückkunft der Frauenkirche. Und sie bittet mich, allen Menschen in Deutschland und besonders den Bürgern Dresdens ihre allerbesten Wünsche zu übermitteln. Ich tue das wirklich gern.

Das alles zeigt, wofür die Frauenkirche steht - für die Kraft der Versöhnung und für das, was uns eint. Wenn wir diese Erkenntnis dauerhaft beherzigen, dann können wir gewiss sein: Dieses Kapitel, das wir gemeinsam jetzt schreiben, es wird ein gutes Kapitel.