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Schlusswort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Konferenz "Demographischer Wandel" in Berlin

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 7. Dezember 2005 Foto: Sebastian Bolesch, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sebastian Bolesch, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Ich werde nicht den Versuch unternehmen, die vergangenen anderthalb Tage zu resümieren. Ich möchte nur die folgenden Bemerkungen machen:

Ich danke Ihnen ganz herzlich; allen, die hier teilgenommen haben. Für uns, auch für mich, war dieser Auftakt durchaus auch ein kleines Wagnis. Wir wussten ja nicht, ob wir die richtige Mischung von Praktikern, Wissenschaftlern und "Philosophen" beisammen hatten. Aber siehe da: Es war eine gute Mischung, und das stimmt mich zuversichtlich.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass wir so offen diskutiert haben. Es gibt keine Patentantworten. Es gab natürlich auch Widersprüche. Und ich bleibe dabei, dass wir noch lange nicht so weit sind, resümieren zu können, was denn nun die richtigen Antworten sind auf die Herausforderung des demographischen Wandels. Aber ich habe das Gefühl, wir sind auf einem guten Weg.

Besonders froh, das darf ich sagen, ohne irgend jemanden damit zurückzusetzen, besonders froh bin ich, dass wir Richter Shlomo Shoham heute hören konnten, und das aus zwei Gründen: erstens, weil gerade er, als Israeli und als Jude, hier in Deutschland mit uns über Themen wie Bevölkerung, wie Vitalität, wie Zukunft spricht. Das betrachte ich nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern als eine sehr gute Entwicklung. Richter Shoham, ich bin Ihnen persönlich sehr dankbar dafür. Es bestätigt, was ich selber aufgenommen habe, nicht zuletzt bei meinem Besuch in Israel Anfang Februar diesen Jahres. Es ist etwas gewachsen zwischen Israel und Deutschland, das mir für Deutschland Mut macht. Wir haben ein freundschaftliches Gesprächsklima zwischen uns, und ich denke, wir Deutschen sollten sehr gut zuhören, was uns die Israelis sagen. Sie können uns helfen, an Stellen weiterzukommen, an denen wir möglicherweise noch immer gehemmt sind auf Grund unserer gebrochenen Geschichte.

Und zweitens: Ich glaube auch, dass bei allem, was wir weiter diskutieren müssen, der Akzent wichtig ist, den Richter Shoham gesetzt hat: Dass es nämlich im Kern darum geht, eine Basis zu finden für die Suche nach Antworten auf die demographische Herausforderung; eine Basis, die weit jenseits von technokratischen Ansätzen liegt, nämlich im Spirituellen, im Geistigen, im Gefühlsmäßigen. Richter Shoham sprach von Liebe und Spiritualität. Ich teile die Meinung. Ich glaube nicht, dass wir allein mit dem Kopf alle Antworten finden. Aber ich glaube, wir finden eine Basis, wenn wir uns fragen: "Was treibt uns an? Was sind unsere Motive?" Hier gehe ich nun nicht so weit, dass ich sage, jeder müsse an Gott glauben. Ich persönlich glaube an Gott, weil ich erfahren habe, dass mir das Zuversicht gibt. Aber ein anderer Begriff, den Sie gebraucht haben, Richter Shoham, ist der der Verantwortung. Wenn wir das als Ausgangspunkt für die weitere Suche nach Antworten angemessen berücksichtigen, dann, glaube ich, können wir schon ganz schön weit kommen.

Ich nehme auch mit: Wir sollten nicht mit Angst oder gar zitternd vor dem demographischen Wandel stehen. Wir müssen ihn, glaube ich, in aller Ernsthaftigkeit als große Herausforderung nehmen, aber ohne ihn zu dramatisieren, ohne Schockwellen durch die Bevölkerung zu treiben, denn das würde die Menschen nur zusätzlich verängstigen. Es geht darum, wie auch der Richter sagte, das Bewusstsein zu schaffen, dass das Thema jeden angeht, wirklich jeden.

Ich habe die Zuversicht, dass wir alle Voraussetzungen dafür haben, vernünftige Antworten auf diese Herausforderung zu finden und auch die nötigen spirituellen, gefühlsmäßigen, mentalen Einsichten. Nun müssen wir die Diskussion fortsetzen, in wirklich breiter Form und mit angemessener Beteiligung der ganzen Gesellschaft. Die Herren Bürgermeister machen uns ja vor, wie sie schon mitten in diesem Thema stehen und handeln. Wir brauchen nun die Vernetzung und Verbreitung fachlicher Expertise mit Offenheit in der Diskussion und im Dialog mit so vielen Menschen wie möglich.

Schon diese zwei Tage haben gezeigt, dass Bildung, Forschung, Entwicklung, aber auch Erziehung Schlüssel sind für die Gestaltung des demographischen Wandels. Dabei glaube ich, und ich habe das in meinem eigenen Berufsleben auch erfahren, dass es durchaus neue Kombinationen von Jung und Alt gibt, die uns Produktivitätspotentiale erschließen, an die wir bisher noch gar nicht denken. Es ist, glaube ich, unbestritten, dass die Lernfähigkeit mit dem Alter in Bezug auf Aufnahmekapazität und Geschwindigkeit abnimmt. Aber ich habe selbst erlebt, dass Junge dankbar waren, wenn Jung und Alt gemeinsam gelernt haben, und das gemeinsame Lernen von Jung und Alt scheint mir eine der Möglichkeiten zu sein, uns eine gute Zukunft zu gestalten.

Meine Damen und Herren, ich habe ja sechs Jahre im Ausland gelebt, und als früherer Finanzstaatssekretär und G7-Sherpa sind mir die internationalen Themen nur so um die Ohren geflogen. Ich teile die Meinung, dass wir den demographischen Wandel immer auch in seinen internationalen und globalen Zusammenhängen betrachten müssen. Natürlich steht dieser Globus vor einer riesigen Herausforderung, nicht zuletzt wegen des Bevölkerungswachstums im Süden, in der ärmeren Welt. Ich bin zutiefst davon überzeugt: Jede nationale Politik, die nicht eingebettet ist in eine Vorstellung, wie sie sich einfügt in ein Konzept für Eine Welt, wird am Ende keine gute Politik sein. Aber leider, das ist meine Erfahrung, ist das Bewusstsein der Akteure der großen Politik meist noch nicht soweit - trotz aller Rhetorik. Eher habe ich die Sorge, dass nationale Politik wieder Auftrieb bekommt zu Lasten des Bewusstseins, dass wir eigentlich Elemente einer Weltinnenpolitik definieren müssen, um auch nationale Ziele mit Aussicht auf Erfolg und Tragfähigkeit mit unseren Nachbarn umzusetzen.

Ihnen allen nochmals herzlichen Dank. Ich bin ermutigt durch diesen Auftakt. Ich nehme mir vor, den demographischen Wandel für den Rest meiner Amtszeit weiter zu thematisieren. Ich hoffe, dass es sich für Sie gelohnt hat, hier teilzunehmen, und ich hoffe und zähle auf Ihre weitere Unterstützung für das Forum Demographischer Wandel.