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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler beim Empfang zu Ehren von Bundespräsident a.D. Johannes Rau aus Anlass seines 75. Geburtstages

Bundesminister Franz Müntefering, Eva Luise Köhler, Bundespräsident Horst Köhler, und die Kinder von Johannes Rau, Anna, Philip und Laura, im Profil in der ersten Reihe Berlin, 16. Januar 2006 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Leider fehlt heute in unserer Mitte die Hauptperson dieses Tages. Herr Bundespräsident Rau kann aus gesundheitlichen Gründen nicht bei uns sein. Seine Tagesform lässt es nicht zu, heute mit uns zu feiern. Wir alle sind traurig darüber, und wir wünschen ihm umso mehr von Herzen alles Gute. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Johannes Rau!

Ich hatte mich darauf gefreut, diesen Vormittag mit gleich zwei Geburtstagskindern zu verbringen, denn auch Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister Müntefering, sind an einem 16. Januar geboren. Ich gratuliere auch Ihnen herzlich.

Wir zeichnen auf Tonband auf, was ich hier spreche und was uns Anna Rau im Namen Ihres Vaters sagen wird. Auch Johannes und Christina Rau werden also alles hören können. Darum rede ich nun ganz so, als wären sie jetzt mitten unter uns.

In diesem Saal ist nur ein Bruchteil derer versammelt, die Johannes Rau in Freundschaft verbunden sind und die dankbar und mit Hochachtung an ihn denken. Denn damit möchte ich beginnen: Es gibt wohl keinen anderen deutschen Politiker, den so viele Menschen persönlich kennen und schätzen wie Sie, lieber Herr Rau. Und das Phänomenale ist: Sie kennen diese ungezählten Menschen alle auch! Sie vergessen nicht nur die Geburtstage Ihrer vielen Freunde nicht; Sie kennen nicht nur die vielen Menschen gut, mit denen Sie zusammengearbeitet haben oder die Ihnen das Schicksal als politische Gegner bescherte; nein: Sie erinnern sich selbst an Menschen gut, denen Sie vorher nur ein einziges Mal begegnet sind. Sie wissen dann noch nach Jahren, wo und wann das war und wovon gesprochen wurde, und meist setzen Sie das Gespräch einfach fort.

Ein so kristallenes Gedächtnis ist eine Gnadengabe. Als Schüler haben Sie davon, wie man so hört, unter anderem dadurch Gebrauch gemacht, dass Sie der Studienrätin Frau Walther Aufsätze vorlasen und auf Wunsch auch gern passagenweise wiederholten, die Sie zwar im Kopf hatten, aber nicht im Schulheft. Aber spätestens nach der Schulzeit haben Sie diese Gabe so recht in Dienst genommen, und das zuerst als passionierter Leser, vor allem als Leser von Werken der Weltliteratur, von theologischem Schrifttum, von moderner Lyrik.

Es heißt, im Bergischen Land kämen die Kinder mit einem Regenschirm auf die Welt - und mit einem Gebetbuch. Diese Angaben halte ich für übertrieben; aber dass kein "bergischer Junge" bibelfester ist als Johannes Rau, das weiß jeder. Ihr Elternhaus, lieber Johannes Rau, war zutiefst christlich geprägt. Ihr Lebensmotto - "Ich halte stand, weil ich gehalten werde." - stammt aus der Bekennenden Kirche. Und über Jahrzehnte war die Evangelische Kirche im Rheinland so etwas wie Ihre zweite Heimat. Fast 35 Jahre haben Sie der Landessynode angehört, und zwar nicht als gerngesehener Zuhörer, sondern als Mit-Tätiger, als Mit-Leitender der Gemeinschaft.

Von wohl keinem deutschen Politiker gibt es so viele Predigten, Andachten, Bibelarbeiten und Meditationen wie von Ihnen. Dabei haben Sie immer deutlich gemacht: Kein Politiker und keine Partei hat das Christliche für sich gepachtet, aber Christen müssen in die Politik, denn auch da gibt es für sie viel Arbeit zu tun.

Von diesem Gebot hat den jungen Johannes Rau einer überzeugt, der in vieler Hinsicht sein Vorgänger und ein Vorbild war, auch als Bundespräsident: Gustav Heinemann. Seine Mahnung, gerade junge Leute sollten sich in die eigenen Angelegenheiten einmischen, und seine Warnung: "Wer nicht handelt, wird behandelt." haben Sie, sehr geehrter Herr Rau, zum politischen Engagement gebracht. So sind Sie zunächst in die Gesamtdeutsche Volkspartei eingetreten und dann in die SPD. Der haben die Beitritte aus der GVP übrigens gut getan, sonst hätte sie womöglich programmatisch noch länger "vor Godesberg" verharrt.

Von da an ging es Schritt für Schritt - und zwar in großen Schritten: jüngster Landtagsabgeordneter, Oberbürgermeister von Wuppertal, nordrhein-westfälischer Wissenschaftsminister und schließlich (und dann zwanzig Jahre lang) Ministerpräsident, von allen Parteiämtern in der SPD zu schweigen.

Für eine solche Wegstrecke ist mehr nötig als fleißiges Aktenstudium, obwohl Sie auch damit Abende und Nächte genug verbracht haben. Es ist dafür mehr nötig als Rednergabe und Überzeugungskraft. Nötig ist Vertrauen, und dieses Vertrauen haben Ihnen Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger über die Jahrzehnte immer gerne entgegengebracht.

Das lag gewiss auch an Ihrem politischen Stil. "Niemand halte Behutsamkeit in der Sprache für Zögern in der Sache.", haben Sie einmal klargestellt, und "Niemand glaube, dass in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner das Florett eine schlechtere Waffe wäre als der schwere Säbel." Unterschiede nicht übergehen, aber Gemeinsamkeiten suchen; Brücken bauen statt Gräben ziehen; versöhnen statt spalten - das alles war bei Ihnen nicht nur so dahergesagt. Sie haben es durch Ihr Handeln beglaubigt!

So haben Sie Nordrhein-Westfalen verändert und geprägt - haben Hochschulen gegründet, ein Netz beruflicher Bildungseinrichtungen geknüpft, dem "Bindestrich-Land" echtes Wir-Gefühl gegeben, den wirtschaftlichen Strukturwandel eingeleitet und dem Umwelt- und Naturschutz Geltung verschafft. Sie waren Landesvater - immer ansprechbar für Ihre Mitmenschen, zielstrebig und bedächtig, umsichtig und gewinnend. Sie haben das Lutherwort mit Leben erfüllt: Freude ist der Doktorhut des Glaubens. Und Ihre Autorität ist mit der eines Dirigenten verglichen worden, der nicht die Stimme erheben oder aufs Pult klopfen muss, sondern nur leise zu fragen braucht: "Wollen die Celli wirklich so laut sein?"

Sie haben in Ihren Jahren als Bundespräsident auch diesem Amt Ihre Handschrift verliehen. Und ich knüpfe dankbar an Vieles an, das Sie geleistet haben.

Ich kann nur Beispiele nennen: Sie sind einer der ältesten und besten Freunde des Staates Israel und des jüdischen Volkes - von Ihren vielen Reisen dorthin bis zu Ihrer Hilfe auch für die jüdischen Gemeinden in Deutschland, von Ihrer Mitarbeit am rheinischen Synodalbeschluss "Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden" bis zu Ihrer historischen Rede vor der Knesset. Ich konnte bei meinem Israel-Besuch im vergangenen Jahr auf dem aufbauen, was Sie unserem Land an Vertrauen erworben haben.

Sie haben im deutsch-polnischen Verhältnis sehr viel bewirkt. Bei meiner ersten Auslandsreise konnte ich in Warschau mit Aleksander Kwasniewski sagen: Auch für uns ist die Danziger Erklärung zu Flucht und Vertreibung maßgebend, die Sie im Oktober 2003 mit ihm abgegeben haben.

Ich dränge auf eine Überprüfung und vernünftige Modernisierung der bundesstaatlichen Ordnung, wie auch Sie es getan haben. Und wenn ich für mehr Chancengerechtigkeit durch eine bessere Bildungspolitik eintrete, dann fühle ich mich Ihrem Appell verbunden, den ganzen Menschen zu bilden.

Aber natürlich ist die Folge der Präsidentschaften mehr als ein Staffellauf. Vieles von dem, was Sie gesagt und getan haben, ist längst aufgegangen, ist Allgemeingut geworden, und gerade deshalb will ich auch daran wenigstens kurz, wenigstens im Telegrammstil erinnern.

Sie haben beharrlich für ein Zusammenleben von Deutschen und Ausländern "ohne Angst und ohne Träumereien" geworben - im Grunde schon in Ihrer Antrittsrede. Sie haben damit der sogenannten Süßmuth-Kommission und der Arbeit am Zuwanderungsgesetz einen wichtigen Anschub gegeben.

Sie haben mit Blick auf die Gentechnik daran erinnert, dass Machbarkeit nicht zu Maßlosigkeit führen darf und dass die ethischen Grundsätze, auf die unser Zusammenleben gegründet ist, nicht als Abstraktionen im Wertehimmel hängen, sondern die praktische Politik bestimmen sollen.

Sie haben die Kulturen zum Dialog ermuntert und Respekt vor anderen Glaubensüberzeugungen eingefordert, ohne zu nivellieren und dem Eindruck Vorschub zu leisten, dass alle Quellen gleich viel Wasser geben. Und Sie sind mit sanftem Mut für die Menschenrechte auf eine Weise eingetreten, die denen wenig Freude gemacht hat, die diese Rechte missachten.

Sie haben die Deutschen in Ost und West einander näher gebracht, wie das wohl nur jemand konnte, der schon als Kind auch in Chemnitz und Erfurt gelebt hat, dessen Barmer Kirchengemeinde in den Jahren der Teilung eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Oranienburg pflegte, der nach dem Mauerbau einige ziemlich gewagte Grenzgänge für Bischof Kurt Scharf unternahm und der sich für viele Oppositionelle in der DDR eingesetzt hat, als das noch längst nicht selbstverständlich war.

Sie haben in Sebnitz die richtigen Worte gefunden, als Sie beinahe als einziger noch glaubwürdig die Stadt und alle Ostdeutschen gegen die Vorurteile verteidigen konnten, die damals ins Kraut schossen. Und Sie haben nach dem Massenmord im Erfurter Gutenberg-Gymnasium Zehntausenden Menschen vor dem Erfurter Dom Trost gespendet und uns alle dazu gemahnt, einander zu achten und aufeinander zu achten.

Alles das war die getreuliche, gute und mitunter schwere Erfüllung dessen, was man das Pflichtprogramm dieses Amtes nennen kann. Es gibt aber auch noch ein Kürprogramm. Dazu zählt für mich zum Beispiel Ihre Gepflogenheit, möglichst vielen von den sehr vielen Menschen persönlich zu schreiben, die sich ernsthaft und aufrichtig an Sie wandten. Dazu zählt für mich der von Ihnen initiierte Integrationswettbewerb um die besten Beispiele für ein gutes Zusammenleben von Ausländern und Deutschen. Dazu zählt Ihre Initiative "schulpartnerschaften.de" für mehr Schülerbegegnungen über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg, und dazu zählen Ihre Internet-Chats und Ihre Deutschlandreise zu jungen Leuten mit der programmatischen Aufforderung: Reden wir über Deutschland!

Und zur Kür zählt auch manches Ihrer Interviews. In einem - da grassierte gerade das Ranglistenfieber - wurden Sie gefragt, wer denn der größte lebende Deutsche sei. Sie zögerten keine Sekunde: "meine Frau Christina."

Sehr verehrte Frau Rau, unser Land schuldet Ihnen großen Dank für das, was Sie an der Seite Ihres Mannes geleistet haben. Sie haben ungemein viele Menschen tief beeindruckt: durch Ihr freundliches Wesen, Ihre Fähigkeit zuzuhören und durch Ihren stillen, der Sache verpflichteten Einsatz für viele gute Zwecke - bis hin zu Ihrem Engagement als Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Partnerschaftsinitiative Fluthilfe.

Als ich mich auf diesen Tag vorbereitete, da war einer meiner ersten Gedanken: ojemine! Denn ich schlug die Herrnhuter Losungen für heute nach, wie Johannes Rau das jeden Morgen zu tun pflegt, und da stand: "Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen." Das ist ja eine schöne Hypothek für die Rezeption meiner kleinen Ansprache, dachte ich mir. Aber dann fiel mir ein: Johannes Rau wird es schon richtig auszulegen wissen.

Als Sie aus dem Amt des Bundespräsidenten schieden, da lagen 46 Mandatsjahre hinter Ihnen, und das heißt: fast ein halbes Jahrhundert Verantwortung, die Ihnen Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Vertrauen zu Ihnen demokratisch übertragen haben. Sie haben dieses Vertrauen nie enttäuscht, sondern Sie sind ihm auf das Beste gerecht geworden.

Wir danken Ihnen für alles, was Sie für Deutschland getan und erreicht haben; wir grüßen Sie von Haus zu Haus; und wir alle hier im Schloss Bellevue wünschen Ihnen von Herzen alles erdenklich Gute.