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Rede von Bundespräsident Horst Köhler beim Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing

Der Bundespräsident, umringt von Kindern, winkt. Tutzing, 18. Januar 2006 Foto: Andrea Bienert © Foto: Andrea Bienert

"Kinder selbstverständlich! Von der Freiheit, Kinder zu haben"

2006 wird ein gutes Jahr für unser Land. Warum ich mir da so sicher bin? Weil in diesem Jahr in Deutschland etwa 700.000 Kinder zur Welt kommen werden. Ich freue mich über jedes von ihnen.

Keine Sorge: Ich will heute nicht vom demographischen Wandel reden, von Bevölkerungspyramiden und Altenquotienten; nicht davon, dass Deutschland Kinder dringend als künftige Arbeitskräfte und Rentenzahler braucht, und auch nicht davon, dass selbst 700.000 Kinder nicht ausreichen, um die Folgen der Alterung in unserem Land auszugleichen.

Ich möchte mit etwas ganz anderem beginnen: Ich möchte über das Glück sprechen, das jeder einzelne neue Erdenbürger seinen Mitmenschen bringen kann. Jedes Kind ist ein Geschenk -für mich und für viele Menschen ein Geschenk Gottes.

Kinder bringen Freude und Spannung ins Leben.Sie lassen uns das Heute neu entdecken und verbinden uns mit dem Morgen.Kinder bekommen, Kinder aufwachsen sehen - das ist Leben wie das Altwerden und Abschiednehmen. Kinder sind deshalb eigentlich selbstverständlich. Ohne sie haben wir, hat unser Land keine Zukunft. "Wo Kinder sind, da ist ein goldnes Zeitalter", sagte schon der übrigens kinderlose Dichter Novalis.

Und wo Kinder sind, da ist Familie. Hier, in der Familie, wird das Fundament gelegt für unser aller Zusammenleben. Familie ist und bleibt für mich die Keimzelle der Gesellschaft. In lebendigen Familien wirdgeübt, was für den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt wichtig ist: Fürsorge, Zuwendung, Verantwortung für andere, die Fähigkeit, verlässlich zu sein, Bindungen einzugehen und zu pflegen. Hier wird Kindern mit auf den Weg gegeben, was sie für das Leben brauchen: Wissen und Fähigkeiten. Hier wird gelebt, was in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger, aber vielleicht auch immer schwieriger wird: die Solidarität zwischen den Generationen. Hier finden Menschen, was in der globalisierten und individualisierten Welt immer kostbarer wird: Verwurzelung und Gemeinschaft.

Wir können die Leistungen gar nicht hoch genug achten, die Familien tagtäglich erbringen. Darum ist es mehr als nur eine Privatsache, ob Familien entstehen können und wie es ihnen geht in unserem Land. Wir müssen alles tun, um die Familien zu schützen und bei Fürsorge und Erziehung zu unterstützen - das ist mit gutem Grund ein Auftrag unseres Grundgesetzes. Vielleicht sind wir diesem Auftrag zu lange nicht gerecht geworden und haben den Wert der Kinder - für ihre Eltern und für die gesamte Gesellschaft - schlicht vernachlässigt. Deshalb ist es gut, dass es nun eine intensive Debatte darüber gibt, was die Politik für die Familien tun kann. Da ist längst nicht allein die Bundesregierung gefragt. Wir alle sind gefordert: Was können Staat, Gesellschaft, was kann jeder Einzelne dazu beitragen, dass der nach wie vor bei ganz vielen jungen Menschen bestehende Wunsch nach einer Familie Wirklichkeit wird? Was brauchen junge Menschen, um sich für Kinder zu entscheiden? Was brauchen sie, um ein gutes Familienleben führen zu können?

Vertrauen - das scheint mir die wichtigste Voraussetzung. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Zuversicht: "Wir schaffen das schon!" Diese Einstellung speist sich vor allem aus zwei Quellen: Aus der Erfahrung von Liebe und Partnerschaftlichkeit, aber auch aus Rahmenbedingungen, die die Lebensentscheidung für Kinder erleichtern. Junge Paare brauchen Selbstvertrauen, um eine Familie zu gründen, und sie brauchen ein gesellschaftliches Umfeld, das es ihnen ermöglicht, frei und selbstverständlich "ja" zu sagen zu Kindern. Es geht um die Freiheit, Kinder zu haben, und für diese Freiheit müssen wir sorgen.

Ich sehe zwei große Aufgabenfelder vor uns - und es sind wahrlich Zukunftsaufgaben für unser ganzes Land:

Wir sollten unsere Haltungen überdenken: Unsere Vorstellungen von einem gelingenden Familienleben, von Mütter- und Väterrollen und vom Platz, den Kinder in unserem Leben einnehmen.

Und wir müssen uns um spürbare Verbesserungen für Familien und Kinder kümmern - um Rahmenbedingungen, die das Leben mit Kindern erleichtern, statt es zu behindern.

Fangen wir mit dem ersten an und fragen: Wie bekommen wir die Köpfe und Herzen wieder frei für Kinder?

Ich denke, die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass wir anerkennen: Die Lebensentwürfe junger Menschen haben sich geändert. Das gilt besonders für die Frauen. Die meisten von ihnen wollen heute beides: einen Beruf, der ihnen Erfüllung und Unabhängigkeit gibt, und eine Familie.

Ihre Hoffnungen und Pläne reiben sich jedoch oft an einem traditionellen Rollenverständnis. Wenn eine Frau tut, was wir Männer immer taten - nämlich berufstätig zu sein und Kinder zu haben -, spürt sie noch immer häufig den Vorwurf, eine "Rabenmutter" zu sein. Konzentriert sie sich dagegen ganz auf die Kinder, ist sie immer noch in den Augen vieler das "Heimchen am Herd". Solche Klischees sollten wir hinter uns lassen.

Die Lebensentwürfe der Männer haben sich nicht annähernd so stark verändert wie die der Frauen. Die Statistik zeigt: Mit der Familiengründung haben es die Männer nicht eilig. Sie sind weitaus häufiger kinderlos als die gleichaltrigen Frauen - und weniger selbstständig: Ein gutes Viertel der jungen Männer lebt noch bis Ende Zwanzig im Elternhaus - sei es, weil sie ihren Platz in der Berufswelt noch nicht gefunden haben, sei es, weil der Abschied vom eigenen Kindsein schwer fällt.

Als Väter wiederum wollen die jungen Männer dann zwar teilnehmen an der Erziehung ihrer Kinder und sehen sich selbst nicht mehr nur als Verdiener und Ernährer. Immer mehr von ihnen übernehmen auch einen Teil der Arbeit zuhause. Die große Mehrheit der Väter jedoch verbringt weiterhin die meiste Zeit am Arbeitsplatz, während die Mütter die Hauptlast der Familienarbeit tragen.

Ich wünsche mir noch mehr Väter, die sich Zeit für ihre Kinder nehmen, die zum Beispiel auch in die Elternzeit gehen. Ich wünsche mir, dass sie dafür nicht mitleidige Blicke und süffisante Bemerkungen von Kollegen oder Freunden ernten. Ich wünsche mir verständnisvolle Arbeitgeber, die Vätern keine Steine in den Weg legen, wenn sie im Beruf mal kürzer treten wollen. Und ich wünsche mir, dass die Frauen auch zulassen, wenn Männer sich einbringen - obwohl sie möglicherweise bei der einen oder anderen Erziehungs- und Haushaltsfrage andere Vorstellungen haben.

So, wie es heute ist, tun sich Männer und Frauen oft schwer mit der Entscheidung für die gemeinsame Lebensaufgabe, Kinder großzuziehen. In einer Erhebung begründete fast jeder Zweite der befragten Männer und Frauen die eigene Kinderlosigkeit damit, den geeigneten Partner noch nicht gefunden zu haben. Je mehr junge Menschen aber darauf bauen können, dass Familienleben in verlässlichen, partnerschaftlichen Strukturen gelingt, desto eher sind sie bereit, Kinder zu bekommen. Wir müssen erreichen, dass Männer und Frauen ihre Vorstellungen von guter Partnerschaft - und das heißt auch: von fair verteilter Familienarbeit - besser in Einklang bringen können.

Kinder auf das Leben vorzubereiten, partnerschaftliche Lebensentwürfe zu verwirklichen, das kann in ganz unterschiedlichen Strukturen gelingen: in der Ehe, in nicht-ehelichen und auch gleichgeschlechtlichen Familien, in Patchwork- oder Einelternfamilien. Leitbild ist für mich nach wie vor die Ehe mit Kindern - bestimmt auch deshalb, weil ich selbst dieses Glück mit meiner Frau und unseren Kindern erfahren habe. Und wir Köhlers sind damit nicht alleine: Drei von vier Kindern leben bei ihren verheirateten Eltern, sagt uns die Statistik. Es komme mir darum niemand mit dem Gerede vom "Auslaufmodell Ehe". Und die meisten Menschen in diesem Land wünschen sich immer noch die Vater-Mutter-Kind-Familie.

Ich will dabei keine rosarote Familienidylle malen. Kinder bereichern das Leben, sie stellen die Eltern aber auch vor viele Herausforderungen.

Sie kosten Kraft und Nerven, vor allem dann, wenn Eltern sich mit Bildern vom perfekten Kind und vom allzeit harmonischen Familienleben überfordern. Viele junge Menschen fühlen sich diesem Anspruch nicht gewachsen.

Kinder bringen auch Einschränkungen; sie zwingen uns zu Kompromissen. Früher hörte man gelegentlich: Ich kann einem Kind diese Welt nicht zumuten. Heute heißt es manchmal: Ich will mir ein Kind nicht zumuten.

Kinder kosten Geld: Nicht nur das Geld für ihren Unterhalt, sondern auch das Geld, das nicht mehr verdient wird, wenn ein Elternteil zu Hause bleibt - freiwillig oder gezwungenermaßen.

Familien können scheitern. Wenn Eltern sich trennen, ist das für alle Beteiligten eine schlimme Erfahrung. Vor allem dann, wenn Mütter und Väter um das Sorgerecht oder den Umgang mit ihren Kindern streiten.

Es gibt also Gründe, die eine Entscheidung für Kinder schwer machen können, und ihr Gewicht hängt von der Lebenssituation jedes und jeder Einzelnen ab. Deshalb fällt oft auch eine Entscheidung gegen Kinder, die schon unterwegs sind. Die Zahl der Schwanger­schaftsabbrüche in unserem Land ist mit rund 130.000 jährlich anhaltend hoch - zu hoch. Niemand weiß, wie viele Kinder allein deshalb am Leben gehindert werden, weil ihre Eltern sich von der Gesellschaft alleingelassen fühlen. Damit dürfen wir uns nicht abfinden.

Tun wir genug dafür, dass junge Menschen frohen Herzens "ja" sagen können - zu erwünschten genauso wie zu unerwarteten Kindern?Stimmen die Rahmenbedingungen in unserem Land für ein Leben mit Kindern?

Heute fragen sich viele junge Leute - und gerade auch die gut ausgebildeten: Wie soll ein Kind in mein Leben passen, wo ich doch all meine Energie brauche, um mich beruflich zu etablieren? Ist mein Job sicher genug, um darauf eine Lebensplanung zu bauen? Wer stellt mich ein, wenn ich ein Kind habe? "Rush-hour" nennen Soziologen die Jahre zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, in denen so viele Entscheidungen getroffen und Weichen gestellt werden müssen. Wir wissen, dass sich darum immer mehr junge Menschen - wenn überhaupt - sehr spät für ein Kind entscheiden.

Wir könnten viel mehr tun, damit junge Menschen den Mut finden, früher eine Familie zu gründen: Ausbildungen straffen oder auf mehrere Phasen verteilen, Bildungsgänge flexibler machen, nicht zuletzt auch eine Familiengründung mitten in der Ausbildung oder im Studium möglich und selbstverständlich machen. Gute Beispiele gibt es ja schon - etwa das Modellprojekt "Studieren mit Kind" der Universität Gießen oder Weiterbildungsangebote in der Elternzeit. Aus dem Nacheinander von Berufsausbildung und Familiengründung muss ein Nebeneinander werden können. Und genauso muss es im Alltag möglich sein, Berufsleben und Familienleben miteinander zu vereinbaren. Das wollen vor allem die Frauen, aber auch immer mehr Männer. Und das brauchen immer mehr junge Eltern, weil sie sich nicht auf ein Einkommen allein verlassen wollen.

Für mich ist es selbstverständlich, dass Frauen wie Männer heute die Möglichkeit haben sollen, ihre Talente einzusetzen und ihre Lebensvorstellungen zu verwirklichen - im Beruf genauso wie in der Familie. Und selbstverständlich sollen sie dabei frei wählen können.Wer sich - Frau oder Mann - dafür entscheidet, ganz für die Familie da zu sein, verdient unsere Anerkennung und Unterstützung.

Doch viele Mütter scheiden unfreiwillig aus ihrem Beruf aus, weil sie sich allein um die Betreuung der Kinder kümmern müssen, weil Kindergärten viel zu kurze Öffnungszeiten haben, weil Schulen die Kleinen so früh nach Hause schicken, dass nicht einmal ein Halbtagsjob möglich ist. Inzwischen reden wir zwar alle von mehr Krippen- und Ganztags-Kindergartenplätzen, die geschaffen werden müssten. Aber wir sind noch himmelweit davon entfernt, auch nur einem Bruchteil der Kinder, deren Eltern es wünschen, eine gute Betreuung bieten zu können. Sicher: Das kostet Geld - und Geld ist knapp. Aber bei diesem Hinweis darf es nicht bleiben - dafür ist diese Aufgabe zu wichtig: Bund, Länder und Gemeinden müssen an einem Strang ziehen für mehr und bessere Betreuungsangebote. Und die Wirtschaft darf ihnen ruhig dabei helfen.

Denn auch sie hat einen Gewinn, wenn Kinder gut betreut werden und Eltern berufstätig sein können - ohne ständige organisatorische Klimmzüge oder schlechtes Gewissen.

Es ist kurzsichtig, wenn Arbeitgeber den jederzeit verfügbaren Arbeitnehmer vorziehen vor Mitarbeitern, die Mutter oder Vater sind. Natürlich setzen Kinder der Flexibilität und Mobilität der Arbeitnehmer Grenzen. Aber ich habe bei meinen Mitarbeitern schon lange die Erfahrung gemacht: Wer zuhause auch noch ein kleines Familien-Unternehmen managt, bringt besonders viel von dem mit, was heute überall gefragt ist: Belastbarkeit, Pragmatismus und Teamfähigkeit. Müsste sich das nicht überall in der Einstellungspraxis und der Beförderungsbilanz positiv auswirken?

Ein vorausschauender Unternehmer organisiert Arbeit so, dass sie optimal erledigt wird - für ihn selbst wie für seine Mitarbeiter. Ich wünsche mir mehr Unternehmen, die erkennen : Investitionen in die bessere Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit zahlen sich aus. Von 25 Prozent Rendite spricht eine viel zitierte Studie. Nicht jedes Unternehmen kann sich einen Betriebskindergarten leisten, aber es gibt auch andere Formen der Unterstützung für Eltern: Eltern-Kind-Büros für Notfälle, Telearbeit, Kindergartenplätze, die Betriebe für ihre Angestellten organisieren. Besonders wichtig sind neue Arbeitszeitmodelle, die Eltern Zeit für ihre Kinder geben.

Bei meinen Besuchen im Land sehe ich viele gute Ansätze - aber noch lange nicht genug. Und weil jeder vor der eigenen Haustür kehren sollte, werden wir in diesem Jahr das von der Hertie-Stiftung angebotene Audit "Beruf und Familie" auch im Bundespräsidialamt einführen. Auch wir wollen überprüfen, wie familienfreundlich wir sind und was wir noch tun können für eine bessere Balance von Familie und Arbeit.

Wie die Arbeitswelt familienfreundlich und zugleich effizient organisiert werden kann, darüber müssen viele Beteiligte miteinander sprechen: Eltern, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politiker auf allen Ebenen. Deswegen unterstütze ich Initiativen wie die "Allianz für die Familie", in der genau das geschieht. Da hat Renate Schmidt eine gute Idee auf den Weg gebracht, und ich bin froh, dass Ursula von der Leyen, die neue Bundesfamilienministerin, sie fortentwickelt.

Die Frage darf aber nicht nur sein:Wie kann Arbeit so organisiert werden, dass es für Eltern keine unzumutbaren Nachteile mit sich bringt, Kinder zu haben? Wir müssen auch fragen: Wie können wir erreichen, dass es für die Kinder keine unzumutbaren Nachteile mit sich bringt, wenn ihre Eltern arbeiten?

Kinder brauchen ihre Eltern. Nichts kann die Erfahrung von unbedingter Liebe und verlässlicher Bindung gerade für die frühkindliche Entwicklung ersetzen. Aus dieser Erfahrung entspringt jenes Urvertrauen, das uns zu selbstbewussten, verantwortungsvollen, liebesfähigen Menschen macht. Kinder brauchen feste Bezugspersonen. Das können auch Großeltern, Erzieherinnen und Betreuer in Kindertagesstätten oder Tagesmütter sein. Gute Kinderbetreuung ist viel mehr als bloße Verwahrung von Kindern, deren Eltern arbeiten müssen oder möchten. Gute Kinderbetreuung schafft besondere Orte, an denen Kinder miteinander spielen, lernen und am Zusammensein mit anderen wachsen.

Wir wissen, wie wichtig die Erfahrungen der allererstenLebensjahre sind, wie sehr sich in diesen Jahren entscheidet, ob ein Kind sich entfalten kann oder verkümmert. Deshalb ist es so wichtig,gute Betreuungseinrichtungen gerade für all diejenigen Kinder zu schaffen, die zu Hause nicht genügend Fürsorge und Anregung bekommen. Gerade sie, denen niemand vorliest und mit denen keiner ins Museum, zum Bastelkurs oder auf den Sportplatz geht, brauchen Orte, an denen sie Anregung und Orientierung finden. Das ist ein ganz entscheidender Beitrag zu größerer Chancengerechtigkeit - übrigens auch für Kinder, deren Eltern aus anderen Kulturen stammen. Gute Betreuungsangebote helfen ihnen, in die Gesellschaft hineinzuwachsen und schon früh und selbstverständlich Deutsch zu lernen.

Eine gute Kinderbetreuung schützt auch vor Vernachlässigung durch die Eltern. Wir wissen: Es gibt Mütter und Väter, die ihrer Sorgepflicht und ihrem Erziehungsauftrag nicht gerecht werden. Es gibt Kinder, die zuhause lieblos oder brutal behandelt werden. Es gibt Eltern, die ihren Kindern das Schlimmste antun. Wir müssen hinschauen, wenn Eltern versagen, und wir müssen ihnen Hilfe anbieten. Vor allem aber müssen wir uns den Kindern zuwenden, wir müssen ein Netz knüpfen, das sie trägt und schützt. Dafür brauchen wir aufmerksame Mitmenschen, engagierte Erzieherinnen und starke Jugendhelfer. Dafür brauchen wir Orte, die zum zweiten Zuhause für Kinder werden können, und Stellen, die überforderten Eltern Rat und Unterstützung bieten.

Wir geben in Deutschland viel Geld für Familienförderung aus - und mehr als manches andere europäische Land mit höheren Geburtenraten. Offensichtlich aber setzen wir dabei nicht immer die richtigen Prioritäten. Wir tun zu wenig dafür, dass Familien aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass manche Eltern ihre Familie nicht versorgen können, weil sie in Armut leben.

Familien brauchen praktische Hilfe und finanzielle Entlastung. Und sie müssen wissen, womit sie rechnen können: Kaum eine Familie kennt sich noch aus in einem System, das aus vielen kleinen Gießkannen fördert. Ich finde es richtig und wichtig, dass die Bundesregierung die Familienförderung umbauen und durchgreifend verbessern will. Ein Elterngeld und die verbesserte steuerliche Berücksichtigung von Kinderbetreuungskosten weisen in die richtige Richtung. Wir sollten diese und alle weiteren Anstrengungen daran messen,

· ob sie jungen Menschen helfen, sich für ein erstes Kind und auch noch für Geschwister zu entscheiden;

· ob sie Gleichberechtigung unterstützen: von Männern und Frauen, von berufstätigen und von Vollzeit-Eltern;

· und ob sie die Lasten gerecht verteilen: zwischen den Generationen und zwischen Eltern und Kinderlosen.

Vor allem im letzten Punkt scheint mir noch Vieles im Argen zu liegen.Was Elternfür ihre Kinder, für Erziehung und Ausbildung aufbringen, das nutzt am Ende der ganzen Gesellschaft. Wir müssen deswegen auf einen angemessenen Ausgleich achten für die Lasten, die Eltern schultern.

Dabei ist mir wichtig: Die Diskussion darf nicht Eltern gegen Kinderlose, Junge gegen Alte ausspielen. Es gibt viele Gründe, warum Menschen keine Kinder haben. Und es gibt viele Kinderlose, die sich für Kinder engagieren: Denken wir an den Nachbarn, der babysittet; an die Tante, die Nachhilfeunterricht erteilt; an den spendablen Patenonkel; den Betreuer im Sportverein. Und die Bindungen zwischen den Generationen sind nicht auf Familienbande beschränkt: Ehrenamtliche Omas holen Kinder von der Schule ab, Rentner helfen, Spielplätze anzulegen und zu pflegen. Da passiert viel - zum Beispiel auch in Mehrgenerationenhäusern, wie ich selbst erlebt habe.

Es ist höchste Eisenbahn, dass das Thema "Familie" jetzt endlich breit diskutiert wird. Dafür haben sich nicht zuletzt die Kirchen lange eingesetzt und dafür gebührt ihnen unser Dank. Jetzt gilt es, echte Verbesserungen zu erreichen - auf allen Ebenen und mit Hilfe aller.Jeder Einzelne ist gefragt, wenn es um ein besseres Klima für Kinder und Eltern geht.

"Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen" - diese afrikanische Weisheit wird inzwischen auch bei uns von vielen verstanden. Das zeigen beispielsweise die "Lokalen Bündnisse für Familien", die überall im Land entstehen. Da sprechen Unternehmen mit den Trägern von Kindergärten über die Öffnungszeiten, da werden Ideen für familienfreundliches Wohnen entworfen, da redet die Polizei mit den Eltern über sichere Schulwege. Ich wünsche mir überall in unserem Land solche Bündnisse, die unsere gemeinsame Verantwortung für Familien und Kinder konkret machen.

Ich wünsche mir ein Land, in dem Eltern nicht böse angeschaut werden, wenn ihre Kinder im Museum oder im Zug mal etwas lauter sind. Nicht, dass Kinder alles dürfen sollen. Sie brauchen Grenzen, sie sollen Respekt und Umgangsformen lernen. Aber sie sollen Kind sein dürfen.

Und Eltern sollen mitten in der Gesellschaft leben können, mit Nachbarn und Vermietern, für die Kinder nicht ein unzumutbares Ärgernis sind. Ich wünsche mir mehr Rücksicht und Verständnis für Kinder, mehr Wärme und Aufmerksamkeit für Familien. Kinder und Eltern müssen bei uns spüren: Ihr seid uns willkommen, Ihr seid wichtig, wir helfen Euch! Das gilt besonders auch für Familien, in denen Kinder mit Behinderung aufwachsen, weil sie es schwerer haben als andere.

Ich wünsche mir nicht zuletzt aber auch mehr junge Menschen, die den Mut haben zu sagen: Ich weiß, das Leben ist nicht nur Party. Auch wenn ich beruflich erst am Anfang stehe, auch wenn das Geld mal knapp wird, auch wenn in der Partnerschaft der Himmel nicht immer voller Geigen hängt - auf die Freiheit und das Glück, Kinder großzuziehen, möchte ich nicht verzichten.

Früher sagte man von einer schwangeren Frau, sie sei "guter Hoffnung". Ich wünsche mir, dass viele junge Paare sich für die Hoffnung entscheiden, die jedes neue Menschenleben birgt.Jede Mutter und jeder Vater, die vorleben, wie schön das Leben mit Kindern sein kann, ermutigen dazu.

Machen wir Deutschland also zu einem Land, in dem Kinder selbstverständlich sind - und wer weiß, vielleicht werden am Ende doch mehr als 700.000 dazu kommen.