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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Abendessen zu Ehren des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und Frau Maria Kaczynska im Schloss Bellevue

Frau Köhler, Frau Kaczynska, der polnische Präsident und der Bundespräsident beim Defilee. Berlin, 8. März 2006 Foto: Jürgen Gebhardt © Foto: Jürgen Gebhardt

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an unsere erste Begegnung. Das war am 15. Juli 2004 in Warschau anlässlich meines Antrittsbesuchs in Polen. Sie waren damals Stadtpräsident von Warschau und zeigten mir die Warschauer Altstadt. Sie erinnerten an die Zerstörung der Stadt durch Deutsche. Sie sprachen aber auch mit Stolz über den Wiederaufbau Warschaus. Und ich war froh darüber, welch' guten Weg unsere Völker seit dem Ende des Krieges und dem Fall des Eisernen Vorhangs zurückgelegt haben.

Verehrte Frau Kaczynska, wir haben uns vor kurzer Zeit bei der Trauerfeier für Johannes Rau wieder gesehen. Ihre Teilnahme daran haben die Deutschen als ein besonderes Zeichen der Verbundenheit empfunden, und sie sind dankbar dafür.

Ein guter Nachbar ist besser als ein Bruder in der Ferne - sagt ein deutsches Sprichwort. Ich freue mich deshalb sehr über den Besuch unseres Nachbarn, des neuen polnischen Präsidenten,und seiner Gattin in unserem Land. Seien Sie nochmals herzlich willkommen!

Ich war zuletzt im vergangenen Sommer in Polen. Ich hatte die große Ehre, an der Feier zum 25. Jubiläum der Solidarnosc in Danzig teilzunehmen und dort auch zu sprechen.

Sie, Herr Präsident, sind mit der Solidarnosc auf das Engste verbunden. Wir Deutsche wissen, dass damals mutige und freiheitsliebende Polen das Ende der Teilung Europas eingeleitet haben. Das hat letztlich auch zur Einheit unseres Landes geführt. Wir werden das nie vergessen.

Bei der Danziger Feier habe ich auch erwähnt, wie viel Anteil meine Landsleute in den schwierigen Jahren des Kriegsrechts und der Unterdrückung in Polen an der Lage ihrer polnischen Nachbarn genommen haben. Da gab es warmen Beifall, und ich freute mich darüber, dass man sich in Polen gerne daran erinnert.

Während meines Aufenthalts in Danzig besuchte ich auch eine Schule, in der viele Schüler Deutsch lernen. Die jungen Leute waren völlig unbefangen, und sie sprachen fabelhaftes Deutsch. Ich habe dabei Einiges gelernt: z.B. dass in Polen deutlich mehr junge Leute auf eine Universität gehen als in Deutschland. Und auf meine Frage, warum die Schüler Deutsch lernen, bekam ich die Antwort: "Weil wir uns davon Chancen im späteren Berufsleben versprechen und weil Deutschland unser Nachbarland ist." Nach dieser Antwort habe ich bedauert, dass ich selber nicht Polnisch spreche und mir vorgenommen, dafür zu werben, dass in Deutschland mehr Polnisch gelernt wird.

Ich will Ihnen von einer weiteren Begebenheit berichten: Als ich zu Beginn meiner Amtszeit meinen allerersten Besuch in einem Bundesland machte, in Sachsen, da traf ich in Dresden bei einem Stadtrundgang ganz zufällig gleich als erstes eine fröhliche Gruppe junger Leute. Ich fragte: Wo kommt Ihr her? Und da scholl mir entgegen: Wir sind aus Polen! Sie waren mit Hilfe des Deutsch-Polnischen Jugendwerks in die sächsische Hauptstadt gereist und fanden es offensichtlich toll, dass sie dort gleich der deutsche Bundespräsident willkommen hieß.

Diese Erlebnisse zeigen mir: Die Menschen aus unseren beiden Ländern wollen sich begegnen, sie wollen mehr voneinander wissen, vor allem junge Menschen aus unseren beiden Ländern sind neugierig aufeinander. Ich sehe darin eine Verpflichtung für die Politik in unseren beiden Ländern.

Und deshalb freue ich mich auch, dass die Veranstaltungen des "deutsch-polnischen Jahres" sowohl in Polen wie in Deutschland auf so viel Interesse der Menschen stoßen. Letzte Woche, bei einer Ausstellungseröffnung im Museum Europäischer Kulturen in Berlin, wurde die große Eingangshalle des Museums plötzlich viel zu klein für die große Menge der Besucher. Die Ausstellung heißt übrigens "Polenbegeisterung" und erinnert an einen guten Abschnitt unserer gemeinsamen Geschichte, als Deutsche und Polen im neunzehnten Jahrhundert "für Eure und unsere Freiheit" stritten.

Die neue Nachbarschaft zwischen Deutschland und Polen drückt sich auch in einer zunehmenden Verflechtung unserer Volkswirtschaften aus. Deutsche Unternehmen haben über 10 Mrd. $ in Polen investiert. Polnische Unternehmen beginnen in Deutschland zu investieren. Und längst hat unser Wirtschaftsaustausch z.B. den mit Japan weit hinter sich gelassen. Polen gehört zu den großen Ländern in Europa und gerade Deutschland sollte dieses Gewicht erkennen.

Am 1. September 2005 war ich am Denkmal auf der Westerplatte. Dort steht in riesigen Buchstaben geschrieben: Nie wieder Krieg. Das ist in der Europäischen Union Wirklichkeit geworden. Deutsche und Polen sind Verbündete und Partner in NATO und Europäischer Union. Wir können wie niemals zuvor in unserer Geschichte am gleichen Strang für eine gute Zukunft unserer beiden Völker ziehen.

Dabei wissen wir, dass auch zwischen guten Nachbarn bisweilen Meinungsverschiedenheiten möglich sind. Gute Nachbarn können aber damit umgehen, z. B. durch offenes Ansprechen von Unterschieden, und werden entsprechend nicht aufhören, gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen. Ich habe alles Vertrauen, dass wir diese guten Lösungen gemeinsam letztlich auch immer finden können.

Der unvergessene polnische Papst Johannes Paul II, hat uns einmal gesagt, dass es Gottes Wille ist, der Deutschland und Polen zu Nachbarn gemacht hat. Darum sei es unsere gemeinsame Aufgabe und Verantwortung, gut miteinander auszukommen. Und Millionen Polen und Deutsche machen uns ja auch tagtäglich schon vor, wie das geht und wie gut es gelingt.

Die nächste Veranstaltung im Deutsch-Polnischen Jahr ist in nur zwei Tagen ein Konzert der Oper aus Lodz und des Tanztheaters aus Kielce in der Berliner Universität der Künste mit dem schönen Titel: "Aus Polen kommt der Frühling". Da denken wir Deutschen gleich auch an eines unserer schönsten Gedichte: "Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte ...". Es stammt von Eduard Mörike und passt zu dem Konzert und - wie ich meine - auch zum deutsch-polnischen Verhältnis, denn es endet mit den Worten:

"Frühling, ja du bist's!

Dich hab ich vernommen!"

Ich darf Sie bitten, gemeinsam jetzt mit mir das Glas zu erheben und mit mir zu trinken auf das Wohl von Präsident Kaczynski, auf das seiner Gemahlin, auf die glückliche Zukunft Polens, auf die gute Nachbarschaft unserer Länder, und auf unsere Verbundenheit und Zusammenarbeit in einem vereinten Europa!