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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zum Auftakt der kulturellen Wiedereröffnung von Schloss Bellevue mit einem Kabarettabend

Außenaufnahme Schloss Bellevue Berlin, 15. März 2006 Foto: BPA © Foto: BPA

"Ich bin ja Gott sei Dank nur das Vorprogramm ...

Gleich kommt ja der Kleinkünstler

Wenn der Kleinkünstler kommt

Wird vielen Hören und Sehen vergehen

Wenn der Kleinkünstler kommt

Dann fliegen die gesellschaftskritischen Fetzen ..."

Mit diesen Worten von Hanns Dieter Hüsch heiße ich Sie herzlich willkommen zur kulturellen Wiedereröffnung von Schloss Bellevue.

Die "gesellschaftskritischen Fetzen" - die überlasse ich den Künstlern, die gleich auftreten werden.

Aber ich möchte vorher kurz sagen, warum ich Schloss Bellevue gerade mit einer Reihe von Veranstaltungen wie dieser wiedereröffne. Kultur ist ein geistiges Grundnahrungsmittel, sie ist Ausdruck unserer selbst, und die Künstler verarbeiten und vermitteln mit ihrem Schaffen, wer wir sind und was wir sein sollten.

Darum gebührt der Kultur in diesem Haus genauso ein Platz wie den Staatsbesuchen, Konferenzen und Empfängen; und darum ist die festliche Wiedereröffnung von Schloss Bellevue ganz bewusst der Kultur gewidmet. Sie soll zeigen, welche hervorragenden Künstler wir hierzulande haben.

Drei Veranstaltungen sind geplant - drei Ausflüge in unterschiedliche Genres: Sie erleben heute einen Kabarettabend. Am Sonntag stehen alte und neue Kammermusik und die Literatur im Mittelpunkt. Und am nächsten Mittwoch wird bei "bellevue unplugged" gerockt. Wenn das Schloss danach noch steht, dann kann es wieder richtig in Betrieb genommen werden.

Künstler bringen uns dazu, ungewohnte Blickwinkel zu riskieren. Und sie verwandeln schlichte Säle in Orte, an denen wir uns amüsieren, an denen wir uns bilden und unsere Sinne schärfen, in Orte, an denen wir lachen und weinen.

Es gibt den sehr bekannten und schönen Satz von Friedrich Schiller: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt". Man kann sicher ergänzen: Er ist da ganz Mensch, wo er Musik oder Theater spielt, wo er mit Worten spielt, wo er mit Farben und Formen spielt. Und wo er zuhört, liest, zusieht und betrachtet.

Zur Kultur gehört aber noch mehr, nicht nur die Kunst, sondern auch die Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir miteinander leben.

Sie, meine Damen und Herren, die ich heute Abend als Gäste eingeladen habe, unterstützen wie viele andere mit Ihrer Arbeit oder in Ihrem Ehrenamt Mitbürger, wenn sie Hilfe benötigen, und Sie setzen sich dafür ein, menschliche Würde zu wahren. Auch das hat viel mit Kultur zu tun, einer Kultur der Zivilcourage, der Fürsorge, des Gebens und Nehmens. Dieser Abend ist auch als kleines Dankeschön für Ihr Engagement gedacht.

Die kulturelle Wiedereröffnung beginnt heute mit einem Kabarettabend - ausgerechnet, mögen manche sagen. Schließlich geht es beim Kabarett ja darum, möglichst pointenreich und hartnäckig die alltäglichen Ungereimtheiten des Lebens, vor allem aber auch die politischen Themen und Akteure auf's Korn zu nehmen. Hier, so nah am politischen Geschehen, ist das sicher eine Herausforderung. Ich freue mich, dass es hervorragende Kabarettisten gibt, die sie annehmen.

Parodien, Witze oder Karikaturen können richtigen Zündstoff enthalten. Sie sind nicht harmlos. Das haben wir gerade erst wieder erfahren.

Öffentliche Satire und öffentliche Komik sind ein Ausweis von Freiheit, der Freiheit der Gedanken und der Freiheit des Ausdrucks. Auch darum sind sie wichtig.

Immer wieder taucht die Frage auf: Gibt es eine Grenze? Kunst darf alles - solange sie nicht menschliche Würde verletzt, zu Gewalt und Hass aufhetzt. Umgekehrt gilt aber auch: Das Publikum darf alles: kritisieren, schimpfen, sich empört abwenden, demonstrieren - solange nicht menschliche Würde verletzt wird, zu Gewalt und Hass aufgehetzt wird. Darüber sollten sich alle Beteiligten einig sein.

Satire und Kabarett leben von der Zuspitzung und der Übertreibung. Das gehört zu den Spielregeln. Das Spiel kann nur funktionieren, wenn seine Regeln anerkannt und beachtet werden. Dann wird auch die überdeutliche Darstellung von Schwächen und Fehlern, von An­maßung und Aufgeblasenheit gelingen. Dann werden die Pfeile treffen, ohne tödlich zu verletzen. Dann kann auf der Bühne ein Rollenspiel beginnen, in dem von oben herab, von unten hinauf oder querbeet gezielt und scharf geschossen wird. Und jeder wird sich scheuen, den Spielverderber zu geben.

Es ist mir eine große Freude, dass Matthias Deutschmann heute durch den Abend führt. Er feiert in diesem Jahr sein silbernes Bühnenjubiläum, 25 Jahre, und gilt zu Recht als einer der intelligentesten und genauesten politischen Kabarettisten im Land. Mit dabei sind außerdem: Tina Teubner & Ben Süverkrüp, Horst Evers und Michael Ehnert.

Ihnen allen ein herzliches Willkommen.

Ich räume jetzt auch den Platz für sie, die Kleinkünstler - deren Kunst so klein oft gar nicht ist. Der große Hanns Dieter Hüsch hat in seinem Testament-Gedicht noch verfügt: "Keine Reden bitte ... Spaßig soll es bei uns zugehen, spaßig traurig und schön." In diesem Sinne:Bühne frei für die Künstler im Schloss Bellevue.