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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Matinee "Kammermusik und Lyrik" im Rahmen der Veranstaltungsserie "Kulturelle Wiedereröffnung von Schloss Bellevue"

Schloss Bellevue Berlin, 19. März 2006 Foto: BPA © Foto: BPA

Das ist für mich heute ein besonderer Tag in einer besonderen Woche.

Das Schloss Bellevue musste 20 Monate lang renoviert werden. Und wir, der Bundespräsident und das ganze Bundespräsidialamt, wir waren in so einer Art Wanderzirkus organisiert, deshalb sind wir sehr froh, dass wir jetzt wissen, wo wir hingehören. Nicht nur die Türen waren verschlossen, das ganze Gelände war eingezäunt und das Schloss den Blicken entzogen. Nun kann man es wieder sehen und vor allem benutzen - und die Türen sollen möglichst vielen Menschen offen ste-hen und ich freue mich, dass Sie heute alle gekommen sind.

Ganz bewusst wollte ich das Schloss wiedereröffnen mit einer Woche, die der Kultur gewidmet ist - und vor allem der gegenwärtigen deutschen Kultur möchte ich hier die Türen öffnen. Am vergangenen Mittwoch gab es Kabarett, heute gibt es Kammermusik und Lyrik, und am kommenden Mittwoch wird es bei dem Konzert "bellevue unplugged" deutsche Rockmusik geben. Und wenn das Schloss danach noch steht, dann hat die Renovierung ihre Bewährungsprobe bestanden.

Warum diese Woche der kulturellen Wiedereröffnung?

Ich möchte damit deutlich machen: Kultur ist keine Nebensache, sondern eine Hauptsache in unserem Land!

Es gehört zu unserer Identität, es gehört zu Deutschland, dass Kultur und Kunst hoch geschätzt werden.

Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Theater und Opernhäuser; manche, die da besonders rechnen, sagen, es gibt zu viele Theater und Opernhäuser. Deutsche Maler sind zurzeit international sehr begehrt, Schriftsteller von Weltruhm kommen aus unserem Land - in Hamburg wird zu dieser Stunde gerade Siegfried Lenz geehrt -, unsere Musiker und Orchester spielen in aller Welt, der deutsche Film weckt wieder große Neugier und Interesse - "Sophie Scholl" war ganz nah am Oscar -, und auch das Deutsche Fernsehen hält im internationalen Vergleich doch insgesamt sehr gut mit, das kann ich Ihnen nach meinen sechs Jahren im Ausland wirklich versichern.

Nun könnte man sagen: Dann ist ja alles in Ordnung; wenn es um unsere Kultur so gut steht, dann braucht sie ja nun wahrhaftig keine besondere Förderung durch den Bundespräsidenten.

Nun, das alles, was ich aufgezählt habe, ist kein sicherer Bestand, auf dem wir uns ausruhen könnten. Eine Kulturnation bleiben wir nur, wenn es uns gelingt, das, was uns wertvoll ist, zu bewahren und auch an die kommenden Generationen weiterzugeben.

Ich möchte jedenfalls das Schloss Bellevue nutzen, nicht nur um unterschiedliche Künstler zusammenzubringen, sondern auch, um im-mer wieder einen Dialog, eine Begegnung zu ermöglichen, zwischen Kunst und Politik, Kultur und Wirtschaft, Ästhetik und sozialem Engagement. Ich bin gespannt, ob uns da gute Beispiele gelingen.

Auch das große gesellschaftliche Thema der Gegenwart, die Integration der Zuwanderer und Migranten hat eine kulturelle Dimension. Museums- und Theaterpädagogik, Musikschulen und andere Einrichtungen, die der ästhetischen Erziehung dienen, müssen hier eine neue Aufgabe erkennen. Aber es geht nicht nur um Pädagogik. In der geistigen Auseinandersetzung, in der wir gegenwärtig ohne Zweifel stehen, sollten wir für die in der europäischen Tradition gewachsenen Werte unmissverständlich einstehen. Dazu gehören die Freiheit und die Autonomie der Kunst, dazu gehört eine Kunst, die sich immer wieder auf neue Wege traut, die sich und den Menschen etwas zumutet. Eine Kunst, die anspruchsvoll ist, die das Sehen und Hören, das Lesen und Betrachten vor Herausforderungen stellt. Eine Kunst, die immer neu ist und in der doch die Tradition und das Erbe lebendig bleiben.

Kulturnation - das ist ein sicherlich anspruchsvoller Begriff. Mit Leben erfüllen können wir diesen Begriff, wenn wir uns der Kunst wirklich stellen. Das geht manchmal nicht ohne Anstrengung. Der Künstler stellt Ansprüche an sich selbst und Ansprüche an das Publikum. Das leichte und das leicht Zugängliche sind nicht per se schlecht. Aber ich glaube wir tun uns keinen Gefallen - und schon gar nicht kommenden Generationen -, wenn wir auf das Anspruchsvolle verzichten, auch auf die Anstrengung, die das Verstehen großer Kunst manchmal fordert.

Es macht den Menschen aus, dass er, wie Schiller formuliert hat, ganz bei sich ist, wenn er spielt. Das anscheinend so ganz schlichte Gedicht von Robert Gernhardt, das Sie möglicherweise im Programm-heft schon gelesen haben, sagt es ganz ähnlich: Was ihn geformt / was ihn bestimmt / er Worten, Bildern und Tönen entnimmt: / der Mensch.

Wir hören klassische, romantische Musik und neuere Kompositionen, darunter auch eine Erstaufführung von Wilhelm Killmayer. Der Komponist ist selber unter uns, wie auch sein Kollege Aribert Reimann, von dem wir auch etwas hören werden und dem ich noch nachträglich zu seinem 70. Geburtstag gratuliere.

Als Interpreten konnten wir drei herausragende deutsche Musiker gewinnen: Ich danke ganz herzlich Juliane Banse und Professor Siegfried Mauser für Ihre Bereitschaft, heute für uns zu singen beziehungsweise zu spielen, ebenso danke ich Professor Julius Berger, der ebenfalls für uns spielt und uns das musikalische Programm zusammengestellt hat.

Die Gedichte, die gelesen werden, sind sehr unterschiedlich. Sie haben aber gemeinsam, dass sie - auf die eine oder andere Weise - zum Genus der Lob- oder Preisgedichte gehören. Ob es um eine große Liebe oder um alltägliche Glücksmomente geht - in den Gedichten wird eine Daseinsfreude hörbar, die vielleicht zum heutigen Anlass passt. Und eigentlich hatten wir ja vor, die ganze Matinee als "Frühlingserwachen" zu bezeichnen, aber wir dachten dann, na so ganz passt es vielleicht nicht mehr, aber irgendwo innerlich haben wir doch ein Frühlingserwachen. Einige der Autoren sind ebenfalls unter den Gästen, ich begrüße herzlich Durs Grünbein und Hans-Ulrich Treichel.

Sehr froh bin ich darüber, dass wir als Sprecher einen Mann gewinnen konnten, über den in jüngster Zeit zwar viel geschrieben worden ist, weil er unter Steven Spielberg in einem veritablen Hollywood-Film mitgespielt hat, der aber seit Jahrzehnten nicht nur als Schauspieler und Sprecher, sondern genauso als Autor, Wissenschaftler und Herausgeber arbeitet. Herzlichen Dank, dass Sie da sind: Hanns Zischler!

Ich wünsche uns allen einen schönen und bereichernden Vormittag und ich lade Sie im Anschluss zu Begegnungen und Gesprächen ein.
"Begegnungen" - so heißen im übrigen die beiden wunderbaren großen Arbeiten an den Stirnseiten, die diesen Raum seit 1988 prägen. Ich freue mich, dass zum heutigen Anlaß auch der Künstler unter uns ist, Gotthard Graubner. Schön, dass Sie da sind.

Und ich darf Ihnen versprechen, meine Damen und Herren, wenn Sie einmal abends hier sind, draußen ist es dunkel, und hier das Licht, dann wirken sie noch besser, noch wärmer, noch inspirierender, die beiden Graupners.

Noch einmal sage ich Ihnen allen: Herzlich willkommen im erneuerten Schloss Bellevue! Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Dankeschön!