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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Staatsbankett zu Ehren von Staatspräsident Ciampi

Bundespräsident Köhler und Präsident Ciampi Arm in Arm bei der Begrüßung mit militärischen Ehren. Berlin, 28. März 2006 Foto: Guido Bergmann © Foto: Guido Bergmann

Meine Frau und ich heißen Sie, Herr Präsident, Ihre Gattin und Ihre Delegation in Deutschland ganz herzlich willkommen.

Ihre erste offizielle Auslandsreise als Staatsoberhaupt Italiens vor sieben Jahren ging nach Deutschland. Jetzt - sieben Deutschland-Besuche später - kommen Sie zum letzten Staatsbesuch Ihrer Amtszeit wieder zu uns. Ich empfinde das als eine besondere Auszeichnung für mein Land, und ich bin dankbar dafür.

Ihre Verbundenheit mit Deutschland, Herr Präsident, reicht weit zurück. Schon als junger Mann begeisterten Sie sich für die deutsche Sprache und Literatur. Ihre Studienaufenthalte in Bonn und Leipzig fielen jedoch in eine Zeit, in der sich Deutschland von seiner Kultur weit entfernt hatte. Sie haben einmal gesagt, dass Sie schon damals der Überzeugung waren: Diese dunkle Zeit wird nicht von Dauer sein, sondern unser gemeinsames geistiges Erbe und die klassischen Werte werden obsiegen. Sie haben Recht behalten.

Die Deutschen sehen Italien in den "seufzenden Farben der Sehnsucht", sagt Heinrich Heine. Seit dem Mittelalter führt uns Deutsche die Bildungsreise zum Nachbarn im Süden. Ich selbst empfand mich ein wenig als klassischer Bildungsreisender, als meine Frau und ich bei Ihnen in der wunderbaren Villa Rosebery zu Gast waren und wir die einmaligen Ruinen von Pompeji bewundern durften. Italien ist Inbegriff einer reichen Kultur, des guten Geschmacks, der Lebensart, und die 600.000 italienischen Mitbürger bei uns in Deutschland bereichern unseren Alltag.

"Non faccia il tedesco!" heißt es in Italien, Gemeint ist damit, dass man das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden soll. Ich gebe zu: Daran sollten wir uns hin und wieder erinnern, nicht zuletzt wenn nördlich und südlich der Alpen ein Vorurteil über den Nachbarn ausgegraben wird.

Unsere Beziehungen stehen auf einem soliden Fundament. Sie können auch nicht durch die Ereignisse auf dem Fußballplatz erschüttert werden. Im Gegenteil: Die 4:3-Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Italien bei der Weltmeisterschaft 1970 gilt als eines der größten Spiele aller Zeiten. Die kürzliche 4:1-Niederlage gegen die italienische Nationalmannschaft empfinde ich als hilfreichen Weckruf. Wir sind ja auch schon einmal in Rom Weltmeister geworden! Deshalb hoffe ich, dass es bei der anstehenden Weltmeisterschaft in Deutschland zu einer spannenden Begegnung zwischen unseren beiden Mannschaften kommt.

Deutschland und Italien gehören zu den Gründungsnationen der Europäischen Union. Ich sehe darin für unsere beiden Länder eine Verpflichtung, weiterhin im Interesse einer guten Zukunft Europas eng zusammenzuarbeiten

Sie persönlich, Herr Präsident, sind einer der Wegbereiter der Wirtschafts- und Währungsunion und der Europäischen Zentralbank. Sie haben beharrlich daran mitgearbeitet, dass sich Italien für die Währungsunion qualifizieren konnte. Das Gewicht Ihrer Stimme und das große internationale Vertrauen, das Sie sich erworben hatten, waren dafür von erheblicher Bedeutung.

Sie haben immer betont, dass die Währungsunion nicht nur ein Zielpunkt, sondern zugleich ein Ausgangspunkt ist. Sie werben beharrlich darum, die nationalen Wirtschaftspolitiken besser miteinander abzustimmen. Sie verstehen dies nicht als Ablenkungsmanöver von Strukturreformen, die jeder Mitgliedstaat bei sich zu Hause anpacken muss. Ich bin mir auch mit Ihnen einig, dass Europa nicht auf Protektionismus setzen kann, wenn es seine Wettbewerbsfähigkeit nach innen und außen stärken will.

Sie stehen im besten Sinne für den Geist und die Leistung, die nach dem 2. Weltkrieg die europäische Einigungsgeschichte so erfolgreich und unvergleichlich gemacht haben, und Sie sind für mich ein Vorbild. Deshalb habe ich sofort Ihren Vorschlag aufgegriffen, dass wir uns gemeinsam mit fünf weiteren europäischen Staatsoberhäuptern dieses Themas annehmen und einen gemeinsamen Artikel verfassen. Darin bekräftigen wir, dass Europa mehr ist als eine wirtschaftliche Vereinigung oder gar eine Freihandelszone. Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft mit gemeinsamen Werten und Prinzipien. Wir sind stolz auf unser europäisches Erbe, auf unsere gemeinsame Kultur und ihre spannungsreiche Vielfalt. Sie ist unsere Stärke. Sie gibt uns Europäern die schöpferische Unruhe, die uns aus Herausforderungen Chancen machen lässt.

Wir sind Anfang Februar in Dresden mit fünf weiteren europäischen Staatsoberhäuptern zusammengetroffen, um über die Zukunft Europas zu beraten. Dresden war eine bewusste Wahl, denn diese Stadt beherbergt wie wenige andere in Deutschland die ganze Schönheit europäischer Kultur. Die Präsenz italienischer Architektur und Malerei in Dresden ist überwältigend, und vor diesem Hintergrund war es richtig, dass das offizielle Foto des Treffens vor Raffaels Sixtinischer Madonna gemacht wurde.

Wir stimmten darin überein, dass das Projekt Europa weiter gehen muss und die Inhalte des Europäischen Verfassungsvertrages gut und richtig sind.

Wir hatten in Dresden auch Gelegenheit, mit 100 Studenten aus den sieben Mitgliedsländern zu diskutieren. Ich glaube, es hat uns beide sehr ermutigt, das große Engagement der jungen Menschen für ein gemeinsames Europa zu spüren. Sie selbst, Herr Präsident, haben anschließend vom "Geist von Dresden" gesprochen. Ich verstehe ihn als Verpflichtung, das europäische Projekt voranzutreiben. Und ich freue mich dabei auf weitere Begegnungen mit Ihnen und auf Ihren Rat.

Ihr unermüdlicher Einsatz für die europäische Idee prägt Ihr Lebenswerk. Es war mir eine Freude und Ehre, die Laudatio halten zu dürfen, als Ihnen dafür vor gut einem Jahr der Karlspreis in Aachen verliehen wurde.

Meine Damen und Herren,

ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben auf das Wohl des Herrn Präsidenten und auf das seiner Frau und Familie, auf das Wohl des italienischen Volkes und die Freundschaft zwischen unseren Völkern in einem zusammenwachsenden Europa.