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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler zum Abschluss des Deutsch-Polnischen Jahres am 18. Mai 2006 in Warschau

Der Bundespräsident und der polnische Präsident schneiden das rot-weiße Band durch. Warschau, 18. Mai 2006 Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Mit einem schönen Fest haben wir vor einem Jahr in Berlins Mitte das Deutsch-Polnische Jahr eröffnet. Ich erinnere mich gerne daran. Unsere polnischen Gäste stellten uns ein mitreißend schwungvolles, lebendiges, junges Polen vor. Jetzt sind wir nach Ablauf des Jahres zu Gast in Warschau. Ich freue mich sehr, dass wir die Münchner Philharmoniker für das Abschlusskonzert des Deutsch-Polnischen Jahres gewinnen konnten. Mich freut auch ganz besonders, dass ein großer polnischer Musiker das Orchester leitet: Krzysztof Penderecki. Und wir dürfen auch etwas von ihm selbst hören; von einem Meister, dessen Werke herausragende Beiträge zur zeitgenössischen Musik sind. Die Münchner Philharmoniker spielen auch ein Jugendwerk von Richard Wagner, die Polonia Ouvertüre. Dieses Musikstück erinnert uns daran, dass Polen und Deutsche auch früher schon mit Herz und Hand zusammen stehen konnten. Wagner hat das Werk unter dem Eindruck des polnischen Widerstands gegen fremde Herrscher Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben, sozusagen als musikalische Solidaritäts-Erklärung an Polen.

Nach einem Jahr deutsch-polnischer Aktivitäten ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Was haben wir erreicht? Unser Ziel war zu zeigen, wie viele Beziehungen und welch intensiven Austausch es zwischen uns Nachbarn in allen Bereichen der Gesellschaft gibt: in Kultur und Wissenschaft; bei Studenten und Sportvereinen, zwischen Städten und Regionen, und natürlich auch in der Wirtschaft. Wir wollten diese Beziehungen stärker ins Bewusstsein der Bürger heben. Ich denke, das ist uns gelungen. Das Deutsch-Polnische Jahr hat dabei, fern von allen offiziellen Stellen, insbesondere jene mobilisiert, auf die wir für die gemeinsame Zukunft unserer Länder in erster Linie setzen wollen - auf eine engagierte Zivilgesellschaft und nicht zuletzt auf die Jugend. Vor einem Jahr waren wir zu Recht stolz darauf, dass wir eintausend Veranstaltungen in Deutschland und Polen ankündigen konnten. Tatsächlich hat sich die Zahl verdoppelt: Wir können am Ende die wirklich eindrucksvolle Zahl von zweitausend Veranstaltungen nennen! Hinter all dem steckt viel Energie, und viel Kreativität, und ich möchte allen danken, die daran mitgewirkt haben. Von diesem Deutsch-Polnischen Jahr wird hoffentlich vieles weiterwirken.

Das alles zeigt uns auch, wie viel Deutschland und Polen seit dem Ende des Krieges und dem Fall des Eisernen Vorhangs gemeinsam erreicht haben. Aber dennoch müssen wir uns weiterhin umeinander bemühen. Wir müssen offen miteinander sprechen, und Meinungsunterschiede in einem guten nachbarlichen Geist ansprechen, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden. Reden wir miteinander, nicht übereinander! Dann kann vertiefte Freundschaft wachsen. Seit zwei Jahren ist Polen Mitglied der Europäischen Union. Wir Deutsche freuen uns darüber. Deutschland hat immer daran festgehalten, dass Polens Platz in Europa ist. Freiheit, Demokratie, Toleranz: Polen hat zu diesen europäischen Werten immer entscheidende Beiträge geleistet. Und Polen hat zuverlässige Partner und Freunde in Europa. Wir wünschen uns auch in unserem eigenen Interesse, dass Polen eine kraftvolle Rolle in Europa spielt. Deutschland rechnet mit Polens Stimme, wenn es z. B. um eine europäische Nachbarschaftspolitik gegenüber unseren Nachbarn im Osten geht. Gemeinsam können wir besser Lösungen für Probleme finden, für die die Kraft von jedem von uns alleine in der heutigen Welt nicht ausreicht.

Das Deutsch-Polnische Jahr hat vieles angeregt. Für mich persönlich ist das schönste und wichtigste Ergebnis dieses Jahres: wir wissen jetzt besser, dass das Bemühen um eine gute Nachbarschaft und das echte Interesse am Anderen in unseren Gesellschaften auf fruchtbaren Boden fällt. Darauf lässt sich aufbauen; und das wollen wir alle tun.