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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an das deutsche Fußballnationalteam

Gruppenfoto im Schloss: die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit Bundespräsident Horst Köhler und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble Berlin, 14. August 2006 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationamt der Bundesregierung (BPA)

Sie haben uns allen in Deutschland einen wunderbaren, unvergesslichen Sommer beschert. Danke dafür!

Natürlich: Die ganze Fußball-WM 2006 in Deutschland war fantastisch. Sie war toll organisiert und vorbereitet, sie hat ein gutes Bild von Deutschland in alle Welt getragen, sie hat uns begeistert, uns viele neue Freunde geschenkt und sie hat dem Fußball viele neue Fans gebracht - übrigens vor allem Frauen.

Und vor allem: Sie hat richtig guten Fußball geboten!

Den Hauptanteil an dieser wunderbaren Atmosphäre, den haben wir Ihnen, den Spielern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu verdanken.

Sie haben auf dem Spielfeld, aber auch außerhalb, einen Stil entwickelt, den wir alle lange vermisst hatten und der uns dann alle angesteckt hat. Ja, es war in erster Linie die Art und Weise Ihres sportlichen und menschlichen Auftretens, es war Ihr Stil, der nach meiner Überzeugung diese Begeisterung überall hervorgerufen hat.

Ich schmälere niemandes Leistung, wenn ich sage, dass für diesen frischen Stil natürlich in erster Linie ein Name steht, Jürgen Klinsmann. Er hat etwas wirklich Großes ins Werk gesetzt, er hat - gegen viele Widerstände, das sollten wir auch nicht vergessen! - innerhalb von zwei Jahren etwas geschafft, was kaum jemand vorher geglaubt oder für möglich gehalten hätte. Es ist schade, dass er heute nicht da ist. Vielleicht klingen ihm die Ohren, wenn wir ihm von hier aus noch einmal ein Dankeschön zurufen.

Aber ein solches Projekt kann niemand allein stemmen. Fußball ist ein Mannschaftssport - und viele haben erst bei der Vorbereitung der WM mitbekommen, dass die Mannschaft weit über das Team der eigentlichen Spieler hinausgeht. Oliver Bierhoff und Joachim Löw haben den Stil mitgeprägt, unbeirrbar und konsequent. Dazu die anderen Betreuer, die medizinische Abteilung, die Fitnesstrainer, die psychologischen Berater, die Spielbeobachter, die Funktionäre und viele andere: Alle waren vom Willen und von der Leidenschaft angesteckt, sie ließen sich begeistern und haben mitgezogen.

Plötzlich war in unserem Land wieder sichtbar,was Teamgeist bedeuten und was Teamgeist bewirken kann. Man sagt ja so leicht: In einem Team müssen sich alle unterordnen, müssen sich alle auf ihren Platz stellen. Aber das ist, wie wir gesehen haben, nur die halbe Wahrheit. Wahr ist nämlich auch: In einem Team, in einem guten Team, werden die Stärken des einzelnen noch stärker, in einem guten Team trägt der eine den andern, feuert der eine den andern an, wächst der einzelne über sich hinaus.

Ja, man kann sagen: Von diesem Teamgeist und von diesem Stil, Fußball zu spielen und sich zu präsentieren, ging eine Ausstrahlung aus, die das ganze Land erfasst hat. Ohne dieses Besondere, diese Frische, diese Leidenschaft, diese nach vorne orientierte Spielweise wäre die Begeisterung nicht so dagewesen, wie wir sie erlebt haben. Es hat alles ganz wunderbar gepasst - und das ist ein Verdienst der ganzen Mannschaft. Dafür sind wir Ihnen dankbar.

Für viele Kinder und Jugendliche sind Fußballer und erst recht Nationalspieler Vorbilder. Sie ahmen den Stil nach, den sie sehen und sie ahmen die Gesten und Verhaltensweisen nach, die sie bei ihren Stars erleben. Damit tragen Sie alle, Spieler und Trainer, eine große Verantwortung.

Das Fernsehen überträgt mit den dutzenden Kameras jede noch so kleine Geste, jede noch so schnelle Aktion. Ich bin sehr froh darüber, dass Sie alle in der deutschen Mannschaft bei dieser WM ein vorbildliches Verhalten an den Tag gelegt haben. Ich darf Sie bitten: Bleiben Sie dabei; in der Nationalmannschaft, aber auch im Verein.

So sorgen Sie dafür, dass die Wurzel allen Sports nicht verloren geht, nämlich das, was man sportliches Verhalten nennt. Die faire Geste, die Gratulation nach einer Niederlage, der Siegesjubel ohne Demütigung des Gegners, das Verlierenkönnen mit Stil und Größe, das Akzeptieren einer falschen Schiedsrichterentscheidung ohne lautstarken Protest, der Verzicht auf die immer unerträglicher werdende Schauspielerei: all das gehört wesentlich zum Sport und all das hat einen riesigen Einfluss auf Kinder und Jugendliche.

Die Mannschaft hat sich, wie ich finde, auch menschlich bewährt. Ich weiß, wie unendlich schwer es vor allem die Ergänzungsspieler haben, die auf der Bank schmoren und nicht zum Einsatz kommen. Und da darf ich sicher vor allem Oliver Kahn hervorheben, der diese Rolle so vorbildlich getragen und positiv gestaltet hat - seine Geste vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien war gerade für die jungen Zuschauer sehr wichtig und wertvoll - sie wird uns besonders in Erinnerung bleiben.

Wie kaum eine andere Sportart schreibt der Fußball immer wieder unvergessliche Geschichten von besonderer Dramatik. Dabei kommt es gar nicht einmal darauf an, ob die eigene Mannschaft gewonnen oder verloren hat. Bis heute erzählt man natürlich vom Wunder von Bern, aber genauso erzählt man heute noch vom Halbfinale Deutschland - Italien in Mexico 1970, als die deutsche Mannschaft um den an der Schulter bandagierten Franz Beckenbauer knapp mit 3:4 unterlag - und dennoch erhobenen Hauptes vom Feld gehen konnte.

An Dramatik waren auch Ihre Spiele reich. Und ich glaube, das Viertelfinale gegen Argentinien und das Halbfinale gegen Italien dieser WM 2006 haben durchaus das Zeug dazu, Klassiker zu werden und in die Annalen der großen dramatischen Spiele Eingang zu finden.

Meine Herren, Sie sind nicht Weltmeister geworden. Vielleicht nur um wenige Minuten wurde das große Ziel verpasst. Das schmerzt. Aber wenn ich es richtig sehe - und wenn ich in Erinnerung rufe, wie die Mannschaft am Brandenburger Tor zum Abschied gefeiert wurde - , dann kann ich nicht erkennen, dass übergroße Trauer die Fans erfasst hat. Nein, alle waren und sind stolz auf diese Mannschaft, die deutsche Nationalmannschaft 2006. Wegen ihres Stils und ihres Auftretens, auch wegen des fantastischen Spiels um den dritten Platz mit dem hochverdienten Sieg in Stuttgart.

Vielleicht aber auch, weil die Fans von dieser Mannschaft, jung wie sie ist, noch einiges erwarten. Das Leben geht ja weiter, übermorgen gegen Schweden und dann vor allem am 2. September gegen Irland wird es wieder ernst. Und da man es einfach nicht besser sagen kann, muss ich es wie Sepp Herberger sagen: Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Wir wünschen Ihnen, Herr Löw, und Ihnen allen, meine Herren, dafür alles Gute und viel Glück.

Heute aber, meine Herren, freue ich mich, Ihnen das Silberne Lorbeerblatt überreichen zu können, als Auszeichnung des Bundespräsidenten für die hervorragenden sportlichen Leistungen bei der WM 2006.

Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank an Sie alle!

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