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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Abendessen zu Ehren von Karl Kardinal Lehmann aus Anlass seines 70. Geburtstages in der Villa Hammerschmidt

Bundespräsident Horst Köhler und Karl Kardinal Lehmann betrachen zwei Bücher Bonn, 15. August 2006 Foto: Ute Grabowsky, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Ute Grabowsky, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Mit dieser Feier aus Anlass Ihres Geburtstages haben wir uns etwas Zeit gelassen. Sogar mehr als die eine Woche Verzögerung, mit der bedeutende Ehrungen Sie zuweilen erreichen. In diesem Falle aber ist die Verspätung, im Gegensatz zu Ihrer Kardinalsernennung, von gar keinem Geheimnis umwittert: Unsere beiden Terminkalender haben ganz einfach erst heute übereinandergepasst.

Ausgerechnet am 15. August, mag mancher sagen. Nun, der Feiertag Mariä Himmelfahrt sollte kein Hemmnis sein, gemeinsam einen katholischen Kardinal zu feiern. Im Gegenteil: Wenn ich den dogmatischen Hintergrund dieses Feiertags richtig verstanden habe, nämlich dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, dann ist diese ganzheitliche Sicht des menschlichen Lebens, die Leib und Seele nicht trennt, erst recht ein Anlass, auch ganz leiblich, mit gutem Essen und gutem Wein, zu feiern.

Ich freue mich, dass trotz der Ferienzeit dieser Kreis heute Abend zusammengekommen ist. Eine Mischung aus Freunden und Mitarbeitern, aus Weggefährten und Mitstreitern; eine Mischung, die Ihnen Freude machen soll, die etwas von Ihrem Leben und Ihren Tätigkeiten spiegelt - und zugleich eine Mischung, die für mich als Bundespräsidenten, erlauben Sie mir, das so zu sagen, für das katholische Deutschland steht. Und man sieht: Das ist ziemlich bunt und das geht vor allem über Parteigrenzen hinweg.

Es ist fast zwanzig Jahre her, dass ein Bundespräsident zum letzten Mal ein Essen zu Ehren eines Kardinals gegeben hat. Richard von Weizsäcker hat hier, in der Villa Hammerschmidt, Joseph Kardinal Höffner geehrt, den unvergessenen Erzbischof von Köln, Ihren Vorgänger im Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

Wenn man sich heute die Gästeliste von damals anschaut, findet man darunter nicht nur bedeutende Kardinäle aus Europa, wie Macharski aus Krakau, König aus Wien oder Lustiger aus Paris, sondern auch den Namen eines deutschen Theologieprofessors, der damals seit nicht einmal vier Jahren Bischof war und im Land eigentlich eher als Theologe denn als Bischof bekannt war: Karl Lehmann.

Das ist einer der Gründe, warum wir uns hier in der Villa Hammerschmidt versammelt haben: Ein Stück Kontinuität in der Ehrung von Kardinälen. Als einziger der Tischgäste von damals sind Sie heute wieder hier - und nun selber die Hauptperson.

Dass Sie schon damals eine herausragende Rolle im deutschen Katholizismus gespielt haben, zeigt nicht nur Ihre Teilnahme an der Feier im Januar 1987. Sie waren zu diesem Zeitpunkt schon stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz und nur wenig später, im September desselben Jahres, wurden Sie, als Nachfolger von Kardinal Höffner, zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Das wurde durchaus als eine Sensation wahrgenommen. Nicht nur, weil Sie für katholische Verhältnisse nun doch noch sehr jung waren, sondern auch, weil man sozusagen das Hierarchieprinzip außer Kraft gesetzt hatte, indem ein einfacher Ortsbischof ohne Kardinalswürde mit dem Vorsitz betraut wurde.

Aber der Name Karl Lehmann hatte schon damals einen großen Klang. Und Sie haben nie Posten und Positionen gebraucht, um Ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Die intellektuelle Tiefe, die Klarheit des christlichen Bekenntnisses und Ihre menschliche Warmherzigkeit braucht keine Ämter, um Menschen zu überzeugen und zu beeindrucken.

Umso schöner und umso bemerkenswerter, dass Sie dann doch wichtige Ämter in Kirche und Universität sehr früh bekommen haben. Dass Ihnen das, wie manchem anderen, zu Kopf gestiegen sein könnte und Sie durch das, was man auch in der Kirche Karriere nennt, die Bodenhaftung verloren hätten, das wird Ihnen niemand nachsagen können. Sie haben den Wortsinn des lateinischen Wortes immer beherzigt, dass nämlich ein ministerium buchstäblich Dienst bedeutet. Das gerät zu oft in Vergessenheit - in Staat und Kirche - und das sicher nicht nur, weil immer weniger Menschen Latein beherrschen.

Als Theologe gehören Sie noch zu der Generation, die in der Nachfolge der großen Alten, wie Ihrem Lehrer Karl Rahner, der deutschen katholischen Theologie Weltgeltung und Weltruhm verschafft hat. Es wäre sicher einmal eine interessante und spannende Geschichte, die Wege der ehemaligen "theologischen Teenager" zu vergleichen, die, wie Sie, schon mit Anfang dreißig Ordentliche Professoren geworden sind.

Ein Teil dieser Geschichte würde etwa in Tübingen spielen, wo einst die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt wurde und heute am Weltethos gearbeitet wird - ich soll Sie ausdrücklich und herzlich von Hans Küng grüßen, der gerne gekommen wäre, aber verhindert ist - ;
ein anderer Teil dieser Geschichte würde dann auch in Rom spielen, wo ein scharfer Kritiker der Glaubenskongregation erst deren Chef und schließlich Papst geworden ist - fast auf den Tag genau vor einem Jahr konnte ich hier, in der Villa Hammerschmidt, Papst Benedikt XVI. begrüßen -;
und wieder ein anderer Teil der Geschichte würde zum Beispiel in Würzburg spielen, wo mit Karl Lehmann ein unermüdlicher junger Theologe die Geschicke der Gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer lenkte, dann in Mainz, wo er Bischof wurde und natürlich in Bonn, wo er als Vorsitzender der Bischofskonferenz agiert, die hin und wieder ihren Ärger mit Rom und mit Tübingen hat.

Ärger - ein Stichwort, das man an solchen Feiertagen nicht zu deutlich betonen sollte. Aber es hieße, etwas wesentliches zu verschweigen, wenn man nicht erwähnen würde, mit welcher ungeheuren Geduld Sie, Herr Kardinal, so manchen Konflikt ausgehalten und ausgetragen haben, mit welcher Unermüdlichkeit Sie versucht haben, zu Vernunft und Ausgleich zu rufen und Frieden zu stiften, wenn scheinbar unüberbrückbare Gegensätze sich auftaten. Bei Ihnen ist in den bald zwanzig Jahren Vorsitz soviel abgeladen worden, dass man wirklich darüber staunen muss, wie Sie das alles ge- und ertragen haben.

Glaubensstärke und Humor, Intellekt und Gelassenheit: Das hat in dieser seltenen Kombination wohl dazu geholfen, dass Sie einen klaren Kopf behalten haben, wenn andere den Kopf zu verlieren drohten.

So sind Sie auch zu einem wichtigen Ratgeber für Politiker geworden, zu einem Menschen, dem man sich anvertrauen kann und von dem man sich mitgetragen weiß, wenn Schwierigkeiten kommen.

Ich selber erinnere mich noch genau an unsere erste persönliche Begegnung im Mainzer Bischofshaus, als ich mich Ihnen vorstellte als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Sie boten Tee und Kuchen an. Das war mir gerade recht, weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Wir sprachen unter anderem davon, dass von den bisher acht Bundespräsidenten nur einer ein Katholik gewesen war und ich selber war nun wieder ein Protestant. Doch während der ganzen Unterhaltung hatte ich nie das Gefühl, dass Sie das stören würde. Sie boten mir das offene und vertrauensvolle Gespräch an. So ist es inzwischen auch gekommen, und ich bin dankbar dafür.

Ich bin also - sicherlich zusammen mit den deutschen Katholiken - froh, dass wir Sie haben. Auch über die katholische Kirche hinaus hört man auf Ihr Wort, denn man spürt und weiß, dass Sie sich für alle einsetzen, die schwächer sind, die in Not geraten sind und die an den Rand gedrängt werden. Ihr Einsatz für den Verbleib der Konfliktberatung in den katholischen Beratungsdiensten, bei dem Sie selbst in schwere Konflikte geraten sind, hatte seine Wurzel auch in diesem Engagement für die Menschen.

Ein großer Intellektueller, ein Professor und Gelehrter wird ein überaus populärer Bischof: So etwas ist sehr, sehr selten. Sie haben, Herr Kardinal, diese breite öffentliche Anerkennung und Zustimmung vor allem Ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit zu verdanken. Auch wenn Sie den "Orden wider den tierischen Ernst" bekommen haben - mit besonderem Recht, denn Ihr Humor ist echt und er ist befreiend und hilfreich -, da wo es wirklich ernst wird, wo es um die Belange der Menschen geht und um die Ehre Gottes, da sind Sie ernst, gradlinig und entschieden. Das spüren die Menschen. Die Menschen spüren vor allem, dass hier ein wirklicher Seelsorger, ein echter Priester ist, der es ernst meint mit dem, was er verkündet. So ist Karl Lehmann so etwas wie eine Institution geworden.

Popularität durch Glaubwürdigkeit: Das gibt es also; und das sollte alle, die hohe Verantwortung tragen, ermutigen, diesem Beispiel zu folgen.

Herr Kardinal, wir wollen Sie feiern und hochleben lassen, hier am Rhein, der etwas weiter stromaufwärts Ihre Heimat geworden ist.

Erheben wir unser Glas auf Karl Kardinal Lehmann.