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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der 2. Tagung der Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau

Bundespräsident Horst Köhler trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Lindau ein. Links: Gräfin Bernadotte, Mitte: Oberbürgermeisterin Meier to Bernd-Seidl Lindau, 17. August 2006 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

I.
Grenzen sind immer auch Orte von Begegnung und von Erkenntnis. Für die zweite Tagung der Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau gilt das gleich in mehrfacher Hinsicht:

Am Bodensee treffen drei Länder aufeinander. An einem schönen Sommerabend kann man zu der Überzeugung kommen, dass sich hier sogar Himmel und Erde berühren. Am Bodensee trifft Natur auf Technik und auf Erkenntnisdrang. Ich denke etwa an die Insel Mainau, mit ihren botanischen Kostbarkeiten. Ich denke an Friedrichshafen, wo sich vor etwas mehr als 100 Jahren der erste Zeppelin in die Luft erhob. Und ich denke auch an die Schule Salem, eine Wiege der Reformpädagogik in Deutschland.

Begegnungen über Grenzen hinweg: damit kennen sich auch Wirtschaftswissenschaftler aus. Sie sind es gewohnt, sich in einem fruchtbaren Spannungsfeld zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu bewegen: Recht und Geschichte, Mathematik und Philosophie haben die Wirtschaftswissenschaften mitgeprägt und ihre Spuren in vielfältiger Form hinterlassen.

Eine weitere fruchtbare Begegnung, die dieses Treffen auszeichnet, ist die Begegnung zwischen den Generationen: Im Rahmen des Nobelpreisträgertreffens diskutieren die Spitzenforscher von heute mit den akademischen Stars von morgen. Das ist in dieser Form ungewöhnlich und ein Glücksfall - für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt, aber auch für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Wahrscheinlich ist es vor allem das, was den unverwechselbaren "Geist von Lindau" ausmacht: Hier begegnen sich Neugier und Erfahrung; hier werden in einer ungezwungenen Atmosphäre Fragen beantwortet - und Antworten hinterfragt.

II.
Ich möchte Sie sehr herzlich in Deutschland begrüßen und ich freue mich wirklich sehr, dass ich heute bei Ihnen sein kann.

Mein Dank gilt Ihnen, sehr verehrte Gräfin Bernadotte, und allen engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die nun schon seit vielen Jahren das Lindauer Nobelpreisträgertreffen ermöglichen.

In den vergangenen Jahren sind die Lindauer Tagungen immer internationaler geworden. Damit setzen Sie, die Organisatoren, nicht nur ein Zeichen für ein weltoffenes Deutschland, sondern Sie ermöglichen den teilnehmenden Nachwuchswissenschaftlern internationale Begegnungen, ohne die Spitzenforschung heute gar nicht mehr denkbar ist.

Im Reigen der Lindauer Nobelpreisträgertagungen ist das Treffen der Wirtschaftswissenschaftler das jüngste Kind. Es findet dieses Jahr erst zum zweiten Mal statt. Der Nobelpreis für diese Disziplin, Sie wissen es, ist ein Nachzügler.

Dabei ist die Ökonomie ein faszinierendes, breit angelegtes Fach an der Schnittstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. In unserer modernen Welt wird oft über die Spaltung zwischen diesen "zwei Kulturen"geklagt. Die Ökonomie hat jedoch Teil an beiden Welten. Das macht sie spannend und vielseitig. Das sollte aber auch Ansporn für die Ökonomen sein, diese Besonderheit ihres Faches zu nutzen und über Fachgrenzen hinweg zu denken und zu arbeiten.

III.
Am Anfang der modernen Wirtschaftswissenschaft stand ein Mediziner: Es war der Leibarzt von Madame Pompadour, François Quesnay, der das erste Modell eines geschlossenen Wirtschaftskreislaufes entwickelte - sein Vorbild war der menschliche Blutkreislauf.

Die Klassiker der Nationalökonomie, die auf Quesnay folgten, waren zumeist "Allrounder" der Geisteswissenschaften. Sie waren Ökonomen, zugleich aber auch oft Philosophen, Juristen und Soziologen. Ihr ganzheitlicher Blick über Fachgrenzen hinweg eröffnete neue Perspektiven auf die komplexen Wechselwirkungen zwischen der wirtschaftlichen, der politischen sowie der sozialen und kulturellen Ordnung.

Dabei war die Geschichte der Nationalökonomie nie reine Ideengeschichte. Sie war und ist immer mit den gesellschaftlichen Veränderungen und der Realpolitik ihrer Zeit verknüpft. Ob Industrielle Revolution, Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre oder Globalisierung - jede neue Herausforderung hat letztlich ihren Niederschlag in der Wirtschaftstheorie und mit einiger zeitlicher Verzögerung in der Wirtschaftspolitik gefunden.

Sie, meine sehr verehrten Herren Laureaten, gehören zu den Glücklichen, die für Ihre Erkenntnisse mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Manchmal muss man ja viele Jahre warten, bis die Welt den Wert einer Theorie erkannt hat. Auch einige der anwesenden Nobelpreisträger haben diese Erfahrung wohl machen müssen. Und für viele der jüngeren Gäste mag dieser Hinweis schon jetzt ein Trost sein. Auch ein Ansporn.

IV.
Zu den großen Verdiensten der Wirtschaftswissenschaften gehört für mich, dass sie unseren Blick für die Knappheit von Ressourcen und das Denken in Opportunitätskosten geschärft haben. Beides sind Grunderkenntnisse für unser Verständnis von ökonomischen Zusammenhängen und wirtschaftlichem Handeln.

Und weil die Ökonomie interdisziplinär ausgerichtet ist, ist es fast folgerichtig, dass sie diese Erkenntnisse ökonomischen Denkens auch auf Themenfelder anwendet, die wir auf den ersten Blick gar nicht unbedingt dem Bereich der Wirtschaft und des Marktes zuordnen würden. So hat die Volkswirtschaft zum Beispiel längst auch unsere Institutionen und sozialen Beziehungen als Forschungsobjekte entdeckt: Es gibt die Ökonomie der Demokratie, die Ökonomie der Familie oder die Ökonomie des Glücklichseins. Die Ökonomie der Schönheit.

Dieser kleine Spaziergang an den Grenzen unseres Faches mag genügen, um zu zeigen, dass die Ökonomie jenseits von Zahlen und Tabellen immer eine Wissenschaft vom Menschen ist und bleiben muss.

V.
Nicht nur in der Fachwelt wird heute darüber diskutiert, in welche Richtung die Wirtschaftswissenschaften sich in Zukunft weiterentwickeln werden: Besteht ihre Aufgabe allein in der möglichst exakten Analyse ökonomischer Prozesse? Oder sollte sie darüber hinaus auch ethische Aspekte stärker berücksichtigen? Inwieweit haben politische, soziale und kulturelle Fragen ihre Berechtigung - ja vielleicht sogar ihre Notwendigkeit im Rahmen moderner Ökonomie?

Läuft die Volkswirtschaftslehre Gefahr, dass sie sich zu sehr auf Detailfragen konzentriert und womöglich den ganzheitlichen Blick verliert, der die Klassiker zum Beispiel ausgezeichnet hat?

Ich denke, dass wir vor allem einen aufgeschlossenen und undogmatischen Blick benötigen, um die großen globalen Herausforderungen von heute wie Armut, Klimawandel, soziale Ungleichheit und Migration erfolgreich zu bewältigen.

Die Nationalökonomie wird sich auch in Zukunft daran messen lassen müssen, welchen Beitrag sie zur Lösung dieser Probleme leistet. Erfolgreiche Wissenschaft - dafür stehen Sie alle - begnügt sich eben nicht allein mit dem oft zitierten Elfenbeinturm, sondern sucht auch die Bestätigung und Herausforderung in der Realität.

"Die Wirtschaft ist unser Schicksal", dieser Satz von Walter Rathenau, einem deutschen Unternehmer und Außenminister während der Weimarer Republik, erscheint uns heute, im Zeitalter der Globalisierung aktuell. Wirtschaftliche Entscheidungen haben einen großen Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen - und das weltweit. Darin liegt eine große Verantwortung - nicht nur für Manager und Unternehmer, sondern auch für Wirtschaftswissenschaftler und Politik.

James Tobin hat die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft einmal wie folgt zusammengefasst: "Die Ökonomie bedeutet für mich eine Faszination und Herausforderung für den Verstand. ... sie bietet noch immer die Hoffnung, durch besseres Verstehen das Los der Menschheit zu verbessern".

"Das Los der Menschheit verbessern." - Letztlich muss das unser Ansporn und unser Maßstab sein. An dieser Stelle schließt sich für mich der Kreis zwischen Ökonomie und demokratischer Politik: Beide sind dem gleichen Ziel verpflichtet. Und dieses Ziel ist und bleibt der Mensch.

VI.
Lassen Sie mich in die Niederungen des Alltags zurückkehren und erlauben Sie mir, Sie aufeinmögliches Missverständnis während Ihres Aufenthalts in Deutschland hinzuweisen: Seien Sie bitte nicht irritiert, wenn Ihnen das deutsche Wort "Wirtschaft" in den nächsten Tagen womöglich in unerwarteten Zusammenhängen begegnet. "Wirtschaft" heißt im süddeutschen Dialekt nämlich nicht nur "Ökonomie", sondern auch "Gasthaus". Ich bin zuversichtlich, dass Sie mit dieser Doppelbedeutung leicht zurechtkommen werden.

Für die kommenden Tage wünsche ich Ihnen spannende und erkenntnisreiche Diskussionen, vor allem aber auch viele neue Kontakte, die hoffentlich in langjährige fruchtbare Forschungsbeziehungen münden werden. Ich freue mich, heute hier dabei zu sein. Ich freue mich auch, ein Stück der Diskussion miterleben zu dürfen. Und ich wünsche Ihnen allen hier eine schöne Zeit am Bodensee.

Vielen Dank.