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Grußwort bei der Auftaktveranstaltung zur Woche des bürgerschaftlichen Engagements

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 15. September 2006 Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Der glücklichste Ort der Welt ist der Südsee-Inselstaat Vanu-Atu. Das sei ein Platz, an dem man sich keine Sorgen machen müsse, hieß es neulich in der Presse. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich fand interessant, was da über das Leben auf Vanu-Atu stand: "Es dreht sich um die Gemeinschaft, um die Familie und um das, was man anderen Leuten Gutes tun kann."

Anderen Leuten Gutes tun: Das ist also eine Quelle von Glück und Zufriedenheit. Nicht nur auf Vanu-Atu. Hier bei uns in Deutschland leben über23 Millionen Menschen, die sich auf vielfältige und kreative Weise für andere Menschen einsetzen.Zum Beispiel
- als Helfer im Kindergarten, in der Schule oder im Altenheim,
- bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Deutschen Roten Kreuz oder dem Technischen Hilfswerk,
- als Senior-Experte - denen begegne ich sogar in Afrika -,
- als Gründer einer Stiftung,
- als Trainer im Sportverein,
- oder im großen Bereich der Kultur.

Engagement hat viele Gesichter. Auch die Mitarbeit in Selbsthilfegruppen oder die häusliche Pflege gehört dazu. Es gibt kaum einen Bereich unserer Gesellschaft, der nicht durch die Arbeit von freiwillig Engagierten mitgeprägt wird. Mehr noch: Ohne Engagement würden viele Bereiche unseres Gemeinwesens gar nicht funktionieren. Können Sie sich eine Kirche ohne ehrenamtlich engagierte Laien vorstellen? Wie stünde es um den Umweltschutz, um unsere Sozial- und Beratungsdienste, wenn es nicht die Arbeit von Freiwilligen gäbe?

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat gesagt: "Demokratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen." Nichts anderes tun Menschen, wenn sie sich freiwillig engagieren! Dafür möchte ich Ihnen heute von Herzen danken!

Was macht Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement aus? - Ich glaube, es sind vor allem drei Kriterien:
- Engagement wird freiwillig und ohne unmittelbare Gegenleistung erbracht.
- Es dient der Verbesserung der Lebenssituation einzelner Personen oder der Gesellschaft insgesamt.
- Es leistet einen Beitrag zur Förderung der Solidarität und des Gemeinsinns.

DieAktionswoche des bürgerschaftlichen Engagements bietet eine gute Gelegenheit, die Vielfalt des Freiwilligensektors in unserem Land noch besser kennen zu lernen. Viele Menschen werden sich in den kommenden Tagen von den über vierhundert Projekten begeistern lassen, die sich an der Woche beteiligen. Die Zahl der engagierten Bürgerinnen und Bürger hat in den letzten Jahren stetig zugenommen, und das bürgerschaftliche Engagement ist immer stärker in den Blick der Öffentlichkeit und der politischen Kräfte gerückt. Dazu beigetragen haben unterschiedliche Akteure: Vor allem die Engagierten selbst natürlich, aber auch Foren wie das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, das sich als Anwalt und Sprachrohr der Engagierten versteht und das ihre Arbeit wissenschaftlich begleitet.

Bürgerschaftliches Engagement erbringt konkrete Dienstleistungen und verbessert so die Lebensqualität in unserem Land. Außerdem trägt es dazu bei, dass Menschen sich mit unserer Gesellschaft identifizieren. Sie machen die Erfahrung, gebraucht zu werden. Sie erleben, wie durch gemeinsamen Einsatz etwas gelingt, was sie als Einzelne vielleicht nicht erreicht hätten. Sie finden Mitstreiter und Freunde. Das tut jedem gut, und es ist wichtig für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und übrigens auch für die Integration von Zuwanderern.

Sich weiterzubilden und zu lernen ist einer der wichtigsten Beweggründe für ein freiwilliges Engagement. Viele erwerben so Qualifikationen, die ihnen auch an anderer Stelle zu Gute kommen - zum Beispiel bei der Arbeitsplatzsuche oder im Beruf: Ich habe Lehramtsstudenten kennen gelernt, die ehrenamtlich Deutschunterricht für Zuwanderer geben und mir sagten, dass sie dabei sehr viel für ihr künftiges Dasein als Lehrer mitnehmen. Auch viele Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter haben die ersten berufsbezogenen Erfahrungen im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres oder durch die ehrenamtliche Mitarbeit in einer Einrichtung gesammelt.

Und ein Ehrenamt vermittelt nicht nur fachliche Qualifikationen. Es lehrt auch organisatorisches Geschick, Team- und Dialogfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit zum Blick über den eigenen Tellerrand.

Ich glaube deshalb, dass Arbeitgeber in Vorstellungsgesprächen gut daran tun, sich auch nach etwaigen Ehrenämtern zu erkundigen und ein entsprechendes Engagement positiv zu berücksichtigen. Viele Unternehmen haben das erkannt und verstehen sich auch darin als Teil unserer Bürgergesellschaft: Sie unterstützen die Aktivitäten von örtlichen Vereinen, übernehmen Patenschaften für Schulen oder stellen Mitarbeiter für ein ehrenamtliches Engagement frei. Oft sind es gerade die kleinen Firmen, die auf diese Weise das soziale Klima in ihrem Umfeld positiv beeinflussen:
- eine Werbeagentur, die jedes Jahr insgesamt 1.000 Tage Urlaub für Kinder aus einkommensschwachen Familien ermöglicht,
- eine Tanzschule, die Kurse für Behinderte anbietet oder Schüler darauf vorbereitet, bei Bewerbungsgesprächen tadellos aufzutreten,
- oder der Zusammenschluss vieler lokaler Unternehmen und Privatpersonen, die gemeinsam ein Kulturfest veranstalten, um einen vernachlässigten Stadtteil dauerhaft aufzuwerten.

Ich wünsche mir, dass wir alle noch mehr über solche beispielhaften Projekte hören. Es ist eine wichtige Form der Anerkennung. In einigen Bundesländern finden inzwischen landesweite Wettbewerbe statt, bei denen vorbildliches ehrenamtliches Engagement präsentiert wird - Beispiele, die zum Mitmachen anregen und neue Ideen anstoßen.

Fast die Hälfte aller Freiwilligen äußert den Wunsch nach mehr Anerkennung durch die Medien. Wären da Medienmacher nicht gut beraten, sich verstärkt um die große Zielgruppe ihrer engagierten Leser oder Zuschauer zu kümmern?

Wir brauchen die Partnerschaft zwischen den engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Wir brauchen die Partnerschaft zwischen hauptamtlich und ehrenamtlich Tätigen. Und wir brauchen die Partnerschaft zwischen Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Der Glaube an die Allmacht und All-Zuständigkeit des Staates war schon immer ein schlechter Ratgeber. Gerade die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen - Bildung und Erziehung von Jugendlichen, die Integration von Zuwanderern, die Fürsorge für die wachsende Zahl älterer Menschen - erfordern den Einsatz aller Kräfte unserer Gesellschaft. Nur gemeinsam werden wir diese Aufgaben meistern können! Und so ist es grundfalsch zu glauben, dass Ältere nicht mehr gebraucht werden. Ihr Ideenreichtum und ihre Lebenserfahrung - gepaart mit einem Schuss Weisheit - nutzen uns allen.

Vielerorts funktioniert diese Partnerschaft gut, und im Idealfall arbeiten Ämter und Engagierte Hand in Hand. Ein Beispiel aus Augsburg: Dort unterstützen und beraten Freiwillige Menschen in finanziellen und persönlichen Notlagen. Sie ersetzen damit nicht die Arbeit des Sozialamtes, sondern sie helfen den Betroffenen im Alltag. Sie sind ein erster Ansprechpartner und ebnen den Weg zu professioneller Hilfe. Es geht also auch dort nicht um Konkurrenz oder Verdrängung zwischen staatlichen und ehrenamtlichen Strukturen, sondern um Partnerschaft und Ergänzung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass engagierte Bürgerinnen und Bürger die Lückenbüßer für einen Staat werden sollen, der an seine finanziellen Grenzen stößt. Die Bürgergesellschaft ist kein Reparaturbetrieb für den Staat, sondern sie gibt ein Beispiel für eine neue Balance zwischen staatlichem und bürgerschaftlichem Handeln. Was kann die Politik tun, um Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement zu fördern? - Ich glaube, sie sollte vor allem für ein Klima der Anerkennung sorgen und bestehende Hindernisse abbauen. In vielen Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern habe ich immer wieder gehört, dass ein wesentliches Hemmnis für mehr ehrenamtliches Engagement der unzureichende Versicherungsschutz ist. Inzwischen hat sich das glücklicherweise schon deutlich verbessert: Acht der 16 Bundesländer haben für ihre engagierten Landeskinder Sammelverträge für eine Unfall- und Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Ich hoffe, das spornt die anderen Länder an, recht bald nachzuziehen. Ich finde: Wer sich für die Gemeinschaft engagiert, hat Anspruch darauf, dass er mit den Risiken nicht allein gelassen wird.

Wer freiwillig dem Gemeinwohl dienen will, der soll auch nicht erst viele Hürden aus dem Weg räumen müssen. Derzeit schrecken solche Hürden - zum Beispiel eine manchmal nur wenig transparente und zugängliche Verwaltung - noch viele ab, und andere machen sich nur deshalb auf den Weg, weil sie die Hürden erst nach und nach kennen lernen. Mir hat ein Vorstandsmitglied einer Bürgerstiftung berichtet: "Wir haben viel geschafft, weil wir einfach gemacht haben - ohne lang zu fragen."
Gut so, kann ich nur sagen; aber mit bürokratischen Hürden sollten wir uns dennoch nichtabfinden. Und ich begrüße daher die Reform des Gemeinnützigkeitsrechts, die auch auf den Abbau von Bürokratie und mehr Transparenz abzielt. Diese Reform sollte Engagement leichter machen und nicht erschweren, und sie sollte mit Augenmaß geschehen.

Lassen Sie mich noch einmal auf die Südsee-Insel zu Beginn meiner Ansprache zurückkommen, auf den angeblich glücklichsten Ort der Welt. Das Leben dort dreht sich um Gemeinschaft und das, was man für andere tun kann. Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die nachweisen, dass Menschen, die sich engagieren, glücklicher sind und länger leben. Erklärt wird das durch die vielfältigen sozialen Kontakte, die ein Engagement mit sich bringt. Engagement macht Freude. Und ich füge ausdrücklich hinzu: Engagement darf und soll Freude machen. Schon die Bibel sagt: Nächstenliebe und Selbstliebe gehören zusammen. Ohne Selbstliebe wird auch die Nächstenliebe zur leeren Pflichtübung. Das gilt auch für Ehrenamt und Freiwilligendienste. Dieses Engagement ist nicht selbstlos, sondern im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusst.

"Engagement macht stark" - den Einzelnen und die Gemeinschaft. Sie alle hier wissen das. Und allen anderen, die noch nicht aktiv sind, rufe ich zu: Engagieren Sie sich - es lohnt sich!