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50 Jahre TelefonSeelsorge - Bundespräsident Horst Köhler würdigt bei einem Festakt in Berlin die Arbeit der Telefonseelsorge

Der Bundespräsidente am Rednerpult Berlin, 16. September 2006 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Sehr geehrte Damen und Herren,liebe Zuhörer,

ich sage ganz bewusst: Liebe Zuhörer. Denn wo fände ich ein aufmerksameres Publikum als unter Mitarbeitern der TelefonSeelsorge - geschult und geübt darin, die Worte und Gefühlslagen eines Menschen genau zu erfassen und aufzunehmen, zu durchdenken und darauf zu reagieren. Die Kunst des Zuhörens wird oft unterschätzt. Zwar sind sich fast alle darüber einig, was die Sprache für den Menschen bedeutet. Johann Gottfried Herder sah in der Sprache geradezu das Wesensmerkmal des Menschen: Eine Ausrüstung, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet, die ihn zu dem macht, was er ist.

Doch was wäre Sprache ohne Zuhören? Jedes Kind hat zugehört, bevor es lernt zu sprechen. Zur Kommunikation gehört es nicht nur, Konkretem wie Abstraktem Namen zu geben, sinnvolle Sätze zu bilden, zu reden. Erst dadurch, dass der Mensch zuhört, erhält die Sprache ihren Sinn. Was nützen Signale, wenn am anderen Ende ein Empfänger fehlt. In unserem Alltag gilt Reden oft mehr als Zuhören. Wer das Wort führt, der gibt meist den Ton an. Und wer das große Wort führt, erst recht. Und kaum jemand will dabei zu kurz kommen. Aber gerade der, der gut zuhört, hat oft mehr zu sagen als alle anderen. Auch noch so großer Politik- und Medienrummel kann diese schlichte Weisheit nicht verdrängen, im Gegenteil.

Wer das Zuhören vernachlässigt, wird weniger wissen, weniger können, er wird aber auch weniger vom Menschen erfahren. Wer zuhört, lässt sich auf den Anderen ein, auf seine Sicht, auf das, was ihn bewegt. Wer andererseits einen wirklichen Zuhörer findet, weiß sich angenommen. Und das kann besonders für denjenigen, der gerade die Schattenseiten des Daseins spürt, eine große Hilfe sein. Allein durch das Aussprechen, allein dadurch, den eigenen Kummer einem anderen Menschen erzählen zu können, verändert sich bereits die Situation - eine heilsame Erfahrung, die Sie, liebe Mitarbeiter der TelefonSeelsorge, Hunderttausenden Menschen Jahr für Jahr schenken.

Sie werden vermutlich fast alle die märchenhafte Geschichte von Michael Ende über das Mädchen Momo kennen, das so zuhören konnte, "dass rastlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden". Ich finde gerade in seiner kindgerechten, schlichten Beschreibung trifft Michael Ende den Kern der Sache.

Ich weiß, dass viele unter Ihnen sind, die auf ganz besondere Weise zuhören können: den Worten, aber auch dem Ungesagten, dem Stocken, dem Seufzen und sogar dem Schweigen. Sie sind stets ganz Ohr. Gerade, wenn Menschen Dinge aussprechen möchten, die auf der Seele lasten und die sich nur mühsam in Worte fassen lassen, fällt es vielen schwer, gute Zuhörer zu finden. Ein Weg steht immer offen, jederzeit, ohne großen Aufwand: Es reicht, eine Telefonnummer zu wählen, um jemanden zu finden, der zuhört; der hilft, das Problem zu erfassen und - wenn gewünscht - weitere Beratung vermitteln kann. "Anonym, vertraulich, gebührenfrei" - wie es kurz und knapp auf ihren Internetseiten heißt.

Damit geht die TelefonSeelsorge weit über das hinaus, was Seelsorge im eigentlichen Sinne bedeutet. Sie ist weit mehr als eine innerkirchliche Angelegenheit, nicht nur Beistand von Christen für Christen. Über Gott kann, muss aber nicht gesprochen werden. Die TelefonSeelsorge ist für alle Themen da und für alle Menschen da. Zwei Millionen Anrufe Jahr für Jahr sprechen für sich. Die TelefonSeelsorge hat ein Ohr für Menschen, die sich einsam fühlen, die an einer Krankheit leiden, die mit ihrem Partner hadern, die nach dem Verlust der Arbeit oder vergeblicher Suche nach einer Arbeitstelle nicht wissen, wie es weitergehen soll. Und die TelefonSeelsorge erntet mit ihrem Dienst Anerkennung. Ich möchte hier nur einen Anrufer zitieren, der bei Ihnen Hilfe gefunden hat: "Ich habe (...) bei Ihnen Menschen getroffen, die wirklich zuhören (...) Sie sind mir als Menschen verständnisvoll und vorurteilsfrei begegnet, Sie haben mich nicht bewertet und haben mir geholfen, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und Entscheidungen zu treffen. Dafür danke ich Ihnen."

Dass es die TelefonSeelsorge gibt, verdanken wir zunächst einer Handvoll engagierter Christen, die vor 50 Jahren das Kind aus der Taufe hoben. Die Idee setzte sich durch, und heute zieht sich über unser gesamtes Land ein Netz von über 100 Telefonseelsorgestellen, getragen von den Kirchen, unterstützt von öffentlichen Geldern, von Spenden und nicht zuletzt - deshalb sind wir ja in diesem Haus - mit Hilfe von zwei Telefonnummern, die die Deutsche Telekom kostenlos für die TelefonSeelsorge zur Verfügung gestellt hat.

Das Wichtigste aber: Tausende von ehrenamtlichen Mitarbeitern - einige von Ihnen sind heute hier - ermöglichen die Erreichbarkeit rund um die Uhr. Sie, meine Damen und Herren,- und ich muss vor allem die Frauen erwähnen, denn sie sind mit über achtzig Prozent deutlich in der Mehrheit, da müssen wir Männer noch tüchtig aufholen - Sie geben einen Teil ihrer Lebenszeit dafür her, anderen in ihrer Not, in ihrer Trauer, bei Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Zukunft beizustehen, sie für eine Weile auf ihrem Weg zu begleiten, vielleicht zu stützen oder auch einmal kräftig anzuschieben. Dafür gebühren Ihnen unsere Anerkennung und unser Dank. Denn Ihr Dienst kommt letztlich uns allen zugute, ob wir das Angebot selbst nutzen oder nicht.

Zu geben kann genauso wohltuend sein wie zu nehmen. Dennoch zweifelt sicher der eine oder andere von Ihnen auch manchmal, ob er die richtige Balance zwischen Familie, Beruf und Ehrenamt gefunden hat. Alle Lebensbereiche fordern Zeit und Kraft. Und es gibt Lebensphasen, in denen jeder vorrangig auf sich und seine nahen Verwandten oder Freunde acht geben muss, bevor er sich für Belange Fremder öffnet. Aber auch dann gilt: Unser Dasein ist in ganz starkem Maße Dasein für andere - Leben durch Geben. Auch unsere Gemeinschaft lebt vom persönlichen Einsatz der Einen für die Anderen.

Die Gründe, warum sich Menschen uneigennützig für etwas einsetzen, warum sie sich der Sorgen Anderer annehmen, mögen sehr vielfältig sein. Was mir aber immer wieder auffällt: Viele ehrenamtlich Engagierte handeln aus ihrem Glauben heraus. Sie wissen, wie vergänglich irdische Pracht ist und wie begrenzt menschliches Handeln und Denken. Zugleich lenkt die Ehrfurcht vor dem Leben den Blick auf den Einzelnen, auf sein Können, aber auch auf seine Not. Das gilt für Christen und Juden. Aber auch Muslime sind aus ihrem Glauben heraus auf das Wohl Anderer bedacht. Wir reden oft darüber, was uns trennt, was uns aneinander fremd ist. Gerade das Thema Fürsorge für Andere kann uns verbinden. Ich freue mich, dass es zum Beispiel im Rahmen eines muslimischen Frauennetzwerkes auch ein Sorgentelefon gibt.

Die Kirchen haben mit ihren sozialen Diensten eine unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Von Beginn an übernahmen die christlichen Gemeinden fürsorgende Aufgaben, in Zeiten der Bedrängnis eher für die eigenen Mitglieder, in Zeiten der Akzeptanz auch für Fremde. Heute nehmen kirchliche Einrichtungen hierzulande und weltweit eine Vielfalt caritativer Aufgaben wahr - mit einer Kontinuität und Professionalität, die einzigartig ist. Die hauptamtlichen Mitarbeiter leisten meist mehr als das, was in ihrem Arbeitsvertrag steht. Ihr Dienst beinhaltet mehr als bloße Versorgung. Zudem arbeiten fast überall Ehrenamtliche mit - die meisten aus ihrer christlichen Überzeugung heraus; manche aber auch, ohne dass sie einen engen Bezug zur Kirche haben. Es ist geradezu eine Kultur der Nächstenliebe entstanden. Sie ist in unserer Gemeinschaft fest verankert. Letztlich ist auch das ein Erfolg der kirchlichen Caritas und Diakonie.

TelefonSeelsorge ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Mir sind viele der Themen, mit denen Sie am Telefon konfrontiert sind, gut bekannt. Viele Bürger schreiben mir von ihren Sorgen. Etliche rufen auch einfach an. Und manchmal frage ich mich, wie der eine oder andere sein Schicksal nur ertragen kann. Ähnlich wie Sie, liebe Mitarbeiter der TelefonSeelsorge, versuche ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern, so gut es geht, zu antworten, in einigen Fällen auch mit ein wenig Unterstützung weiterzuhelfen.

Zugleich steckt hinter den Briefen und Anrufen der Wunsch, den Bundespräsidenten auf Missstände hinzuweisen, zu zeigen, wie sich politische Entscheidungen oder Nichtentscheidungen auswirken. Vor kurzem schrieb mir eine Mitarbeiterin der TelefonSeelsorge. Sie berichtete von einer Frau, die ihr erzählte hatte, wie sich ihr Leben ver­schlechtert hat, seit sie arbeitslos ist. Die Anruferin suchte keinen konkreten Rat, sie bat nur darum, das, was sie beschrieben hatte, weiterzugeben. So landete ihre Geschichte auf meinem Schreibtisch. Ein Einzelschicksal, das für eine Vielzahl anderer steht. Aber seien Sie versichert, jedes einzelne ist für mich ein Ansporn, mich weiter einzusetzen.

Fürsorge besteht auch darin, die Probleme, die die Menschen bedrücken, ernst zu nehmen und daraus auch einen Auftrag abzuleiten. Das ist unser aller Pflicht und insbesondere die der Politik. Dabei darf nie der Blick für den Einzelnen verloren gehen. Es kommt vor, dass das Leben einmal aus der Bahn gerät. Und es ist keine Schande, sich dann Rat zu suchen. Ganz im Gegenteil. Menschliches Dasein wird immer auch von Leid und Not geprägt sein. Menschlich zu handeln, heißt dann, sich darum zu kümmern und für den anderen da zu sein. Die TelefonSeelsorge nimmt diesen Auftrag an, und sie nimmt ihn ernst. Herzlichen Dank dafür Ihnen allen.