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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Übergabe der Erntekrone in der Friedrichstadtkirche

Bundespräsident Horst Köhler und der Präsident des Bauernverbandes Gerd Sonnleitner stehen in einer Gruppe in Trachten gekleideter Menschen auf einer Treppe; zwei Männer halten die aus Ähren gebundene Erntekrone Berlin, 29. September 2006 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Erntedank - Das Wort "Danken" hat die gleiche sprachliche Wurzel wie das Wort "Denken". Wer dankt, denkt nach. Wer dankt, erinnert sich.

Das Erntedankfest erinnert uns an Zeiten, in denen eine gute Ernte überlebenswichtig war. Es erinnert uns daran, dass wir Menschen von und mit der Natur leben und dass wir ihr deshalb mit Demut und Respekt begegnen sollten. Und schließlich erinnert es uns auch daran, dass unsere Nahrung nicht nur ein Agrarprodukt ist, sondern eine Gabe Gottes. Es ist ein gutes Zeichen, dass die Landwirte und die Kirchen dieses Bewusstsein wach halten, indem sie jedes Jahr im Herbst Erntedank feiern.

Frische Nahrungsmittel sind heute bei uns das ganze Jahr über verfügbar. Sie sind so preiswert, dass vieles, was noch vor wenigen Jahren ein Luxusprodukt für Fest- und Sonntage war, heute zum alltäglichen Konsumartikel geworden ist. Natürlich ist es positiv, wenn fast jeder in unserem Land sich heute hochwertige Nahrungsmittel leisten kann. Andererseits sind Produkte manchmal so billig, dass man misstrauisch wird, misstrauisch werden muss. Wie kann zum Beispiel ein zubereitetes Grillhähnchen im Imbiss weniger kosten als eine Schachtel Vogelfutter?

Es sind solche unbequemen Fragen, die wir uns als Christen und als verantwortungsbewusste Verbraucher stellen müssen. Viele Bürgerinnen und Bürger in unserem Land tun das. Sie zweifeln an den Haltungsbedingungen, die wir unseren Nutztieren zumuten. Sie machen sich Sorgen, dass die intensive Landwirtschaft unsere Umwelt schädigt. Und sie weisen auf ungeklärte Fragen im Zusammenhang mit dem Anbau genmanipulierter Pflanzen hin.

Wir sollten diese Sorgen ernst nehmen. Letztlich muss es uns allen darum gehen, dass unsere Nahrung auf eine Art und Weise hergestellt wird, die den Belangen von Mensch, Tier und Umwelt gerecht wird.

Ich weiß wohl um den Preisdruck, den der Handel und wir Verbraucher auf die Landwirte ausüben, obwohl wir uns zugleich tier- und umweltgerechte Produkte wünschen. Ich weiß um die Schwierigkeiten der Landwirte, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Ich weiß um die unkalkulierbaren Risiken etwa durch Dürren, Überschwemmungen oder Seuchen, denen unsere Landwirtschaft ausgesetzt ist. Deshalb wünsche ich mir heute nur, dass sich jeder Einzelne von uns seine Verantwortung für die Schöpfung bewusst macht: die Landwirte genauso wie der Handel, die Verbraucher genauso wie die Politik.

Meinen Mitarbeitern und mir wird diese Verantwortung in den nächsten Tagen besonders deutlich vor Augen stehen, wenn wir auf diese prächtige Erntekrone schauen, die bei uns in Schloss Bellevue einen Ehrenplatz erhalten wird. Ich danke dem Bauernverband, den Kirchen und allen Mitwirkenden, die diesen Gottesdienst so festlich gestaltet haben. Meine besondere Bewunderung gilt der Landjugend Haubern, deren Mitglieder die Erntekrone so kunstfertig gebunden haben, und ebenso den Potsdamer Landfrauen, die die Friedrichstadtkirche geschmückt haben.

Haben Sie alle vielen Dank für Ihren Einsatz bei der Gestaltung dieser Erntedankfeier. Es ist eine schöne und wichtige Feier.