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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler bei der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tages der Deutschen Einheit

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult, daneben die Standarte und Blumen Berlin, 4. Oktober 2006 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Gemeinsam mit meiner Frau möchte ich Sie sehr herzlich in Schloss Bellevue begrüßen. Zum ersten Mal seit der Renovierung des Schlosses findet heute in diesen Räumen wieder eine Ordensverleihung anlässlich des Tages der deutschen Einheit statt. Die Anwesenheit so vieler Frauen und Männer, die sich um unser Land verdient gemacht haben, macht dieses Haus heute im wahrsten Sinne des Wortes zum "Bürgerschloss". Darüber freue ich mich.

Warum begehen wir Gedenktage? - Wir tun es, um uns zu erinnern und um gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Der Tag der deutschen Einheit, den wir gestern, am 3. Oktober, begangen haben, erinnert uns an die Überwindung der Teilung unseres Vaterlandes. Er erinnert uns an mutige Frauen und Männer im Osten Deutschlands, die das Wagnis der Freiheit auf sich genommen haben. Der 3. Oktober erinnert uns aber auch an diejenigen, die in den Jahren zuvor für ihr Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit einen hohen Preis bezahlen mussten. Vor ihnen und ihrer Leistung verneigen wir uns mit Dankbarkeit und Respekt.

Und zugleich verpflichtet uns dieser Gedenktag auf die Zukunft. Er verpflichtet uns, das Geschenk der Einheit sorgsam zu bewahren und weiter zu entwickeln. Er mahnt uns, die innere Einheit unseres Landes zu vollenden - nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Alt und Jung, zwischen den unterschiedlichen sozialen Schichten, zwischen Einheimischen und Zugewanderten.

"Dankbare Erinnerung" und "Verpflichtung auf die Zukunft" - diese beiden Schlüssel­begriffe gelten nicht nur für historische Gedenktage, sondern sie sind auch der tiefere Sinn öffentlicher Ehrungen und Auszeichnungen. Wenn der demokratische Staat Bürgerinnen und Bürger ehrt, dann will er ihnen damit für vorbildliches Handeln danken und ihre Leistungen in Erinnerung rufen. Und zugleich soll diese Auszeichnung eine Ermutigung für andere sein, diesem Vorbild nachzueifern.

Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, werden heute mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt, weil Sie sich "Verdienste um Volk und Staat" erworben haben, wie es in der Verleihungsurkunde heißt. Sie haben sich auf unterschiedlichsten Gebieten in herausragender Weise engagiert. Ich freue mich, dass ich heute hervorragende Künstler ehren kann; Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler von Weltrang; erfolgreiche Unternehmer, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind; Frauen und Männer, die sich für benachteiligte Menschen einsetzen - in aller Welt, aber auch hier bei uns. Ich bin dankbar, dass zum Kreis der zu Ehrenden auch Persönlichkeiten gehören, die im Dritten Reich oder unter der SED-Herrschaft in der DDR Widerstand geleistet haben und die die Lehren dieser Zeit später an die junge Generation weitergegeben haben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, so wie Sie heute hier versammelt sind, repräsentieren Sie die besten Seiten unseres Landes; eines Landes, das seine Wurzeln kennt, das sich seiner Verantwortung stellt und das mit Zuversicht in die Zukunft blicken kann. Darauf können wir alle - darauf können vor allem Sie selber - stolz sein.

Und so verschieden wie die Felder sind, auf denen Sie Ihre Verdienste erworben haben, so unterschiedlich sind Ihre Motivationen: Religiöse Überzeugung, Nächstenliebe, wissen­schaft­licher Erkenntnisdrang, Unternehmergeist, ein wacher Bürgersinn, ein ausgeprägtes Ver­ant­wortungsbewusstsein gegenüber den Mitmenschen und der Gesellschaft - das sind die Trieb­kräfte, die Sie zu den Leistungen beflügelt haben, für die Sie heute geehrt werden.

Gemeinsam ist Ihnen, dass Sie alle sich auf Ihren je eigenen Gebieten über Ihre beruflichen Verpflichtungen hinaus für das Gemeinwohl eingesetzt haben. Was Sie getan haben oder immer noch tun, ist eben nicht selbstverständlich. Es ist dieser Mehrwert an Engagement und an Hingabe, der unsere Gesellschaft zusammenhält, der unser Land menschlich und lebenswert macht. Dafür möchte ich Ihnen heute von Herzen danken.

Vor wenigen Tagen habe ich hier in Berlin eine Rede zum Thema "Bildung" gehalten. Dabei ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie sehr wir bürger­schaftliches Engagement brauchen, wenn Bildungsprozesse gelingen und junge Menschen einen guten Platz in unserer Gesellschaft finden sollen. Ich habe großen Respekt vor den "Bildungs­profis", den Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern. Aber darüber hinaus brauchen wir eine breite Partnerschaft für Schule, Bildung und Erziehung. Wir brauchen engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich beispielsweise in der Nachmittagsbetreuung an unseren Ganztagsschulen engagieren; wir brauchen Unternehmer, die jungen Leuten Praktikumsplätze und Lehrstellen anbieten - zur Not auch über ihren eigenen Bedarf hinaus. Wir brauchen Frauen und Männer, die jungen Menschen aus ihrem Leben berichten, die sich als Vorbilder einbringen. Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind solche Vorbilder.

Wer sich engagiert, will etwas zum Besseren verändern. Das tut man nie für sich allein. Deshalb ist ein Engagement immer auch ein Bekenntnis zu der Gemeinschaft, in der man lebt. Heute sagt diese Gemeinschaft Ihnen "Danke". Und als sichtbares Zeichen dieses Dankes darf ich Ihnen nun den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verleihen.

Sie dürfen stolz sein auf diesen Orden und auf die Leistungen, mit denen Sie ihn sich verdient haben. Der Orden ist ein Symbol. Symbole entfalten ihre Wirkung erst, wenn Sie sichtbar sind. Deshalb ermutige ich Sie: Tragen Sie diesen Orden offen. Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Bleiben Sie weiterhin Vorbilder. Zeigen Sie Ihren Mitmenschen, dass es Freude macht, etwas für die Gemeinschaft zu tun.