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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Benefizkonzert zugunsten der Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Bundespräsident Horst Köhler und Eva Luise Köhler sitzen in der ersten Reihe und klatschen Berlin, 6. Oktober 2006 Foto: Jürgen Gebhardt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Jürgen Gebhardt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Oft sind es einzelne Menschen, die mit ihrem Engagement das Schicksal historischer Gebäude und Erinnerungsstätten bestimmen. Schauen wir uns um: Dass wir hier in dieser wunderschönen Goldenen Galerie im Schloss Charlottenburg sein können, haben wir zu einem guten Teil der beherzten Nachkriegs-Direktorin Margarete Kühn zu verdanken. Sie hat nach 1945 unermüdlich um die Rettung und den Wiederaufbau des stark zerstörten Schlosses gekämpft - und zwar in einer Zeit, in der Hunderttausende kein festes Dach mehr über dem Kopf hatten und die meisten Menschen verständlicherweise anderes für dringender hielten, als die Restaurierung einer alten Hohenzollernresidenz.

Heute sind wir froh über ihren Einsatz. Denn wir Nachgeborenen brauchen Orte, an denen das Vergangene lebendig bleibt. Das gilt freilich nicht nur für prächtige Schlösser wie dieses hier, sondern genauso für unscheinbarere Gebäude wie Fachwerkhäuser, Dorfkirchen oder Fabrikgebäude; für architektonische Details wie Tonnengewölbe, Treppengeländer oder Tapeten. Sie helfen uns, Geschichte zu begreifen - wenn möglich sogar im wörtlichen Sinne. Wir erleben dabei die handwerklichen und technischen Fähigkeiten unserer Vorfahren. Wir tauchen ein in ihre Vorstellungswelt. Wir bekommen eine Ahnung vom Reichtum unserer Kulturnation. Es ist wichtig, dass wir diesen Reichtum pflegen und bewahren - gerade auch in Zeiten, in denen bei vielen der Wunsch nach Beständigkeit, nach Zugehörigkeit, ja nach Heimat wächst.

Aus diesem Grund ist die Erhaltung von Denkmalen alles andere als ein sentimentaler Luxus. Und nach wie vor kommt es dabei vor allem auf das Engagement von Einzelnen an.

Ich bin deshalb sehr froh, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit dem Angebot eines Freiwilligenjahres in einer ihrer inzwischen acht Jugendbauhütten ganz gezielt junge Menschen für die Denkmalpflege begeistert. Sie wissen vielleicht, dass ich ein großer Anhänger des freiwilligen sozialen Jahres bin, weil alle durch diesen Dienst gewinnen: Die Gesellschaft im Ganzen, aber auch jeder Einzelne, und damit meine ich nicht nur die beruflichen Chancen, die durch solches Engagement berechtigterweise wachsen. Immer wieder sagen mir junge Leute, wie gut es ihnen tut, sich nützlich und gebraucht zu fühlen.

Sein freiwilliges Jahr auch der Denkmalpflege zu widmen, erscheint mir in vielfacher Hinsicht gewinnbringend: Es vermittelt nicht nur Selbstbewusstsein und das gute Gefühl, gemeinsam mit anderen etwas zu erschaffen oder wiedererstehen zu lassen. Es bringt auch einen ganz praktischen Gewinn an handwerklichen Fähigkeiten. Es lehrt eine Ahnung von der Vergänglichkeit der Menschen und der Dinge, die sie hervorgebracht haben. Es lehrt Respekt vor dem, was unsere Vorfahren vollbracht haben. Es lehrt Geduld und Beharrlichkeit in einer Zeit, in der vieles schnell gehen soll. Und es lehrt, dass das Neue nicht immer das Bessere sein muss.

Mit den Jugendbauhütten hat die Stiftung interessanterweise zugleich auch eine alte Tradition neu belebt, nämlich die der mittelalterlichen Bauhütten. In denen war der Zusammenhalt aller genauso so wichtig wie das Zusammenspiel der Kenntnisse und Fähigkeiten jedes Einzelnen. Ich denke, von diesen Gemeinschaften können wir uns heute noch viel abschauen. Ganz besonders freut mich das Engagement der Stiftung in der Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin. Da lernen junge Menschen aus Deutschland und Polen nicht nur gemeinsam, ihr Kulturerbe zu erhalten, sie lernen auch etwas ganz Wichtiges für unser aller Zukunft, nämlich gute Nachbarschaft, die auf Kenntnis des anderen beruht.Denkmalschutz war schon immer ein Kampf gegen die Zeit und ihre Verschleißerscheinungen - daran wird sich wohl auch nichts ändern lassen. Denkmalpflege war aber auch immer ein Kampf gegen die Missachtung des Überlieferten. Die große Abrisswut der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts war eine Form dieser Missachtung. Glücklicherweise ist sie heute weitgehend überwunden. Heute erfahren historische Gebäude bei uns wieder eine große Wertschätzung. Allerdings ist diese Zuneigung nicht ganz unproblematisch: Manchmal geht es nur darum, gesichtslose Neubauten mit einer pseudohistorischen Fassade zu schmücken. Auch hier leistet die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine wertvolle Arbeit, indem sie die Aufmerksamkeit gerade der jungen Generation auf den Wert des authentischen Denkmals lenkt.

Denkmalschutz war und ist schließlich auch ein Kampf um Mittel. Und je leerer die öffentlichen Kassen sind, desto wichtiger wird das private Engagement. Ich danke darum den vielen, die sich engagieren: Allen voran der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und den zahlreichen Stiftern und Spendern, die Aktivitäten wie die Jugendbauhütten erst möglich machen. Ich danke den internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, die als bundesweit anerkannte Träger das freiwillige Jahr im Denkmalschutz durchführen. Ich danke den jungen Frauen und Männern, die ihr freiwilliges soziales Jahr in den Jugendbauhütten absolvieren, wie auch den Leiterinnen und Leitern der Jugendbauhütten, den Handwerkern, Architektinnen, Museumsfachleuten und den vielen anderen, die den jungen Menschen ihr Wissen und ihr Können vermitteln. Ich danke dem Deutschlandfunk, der sich mit seiner Benefizkonzertreihe "Grundton D" seit nunmehr über anderthalb Jahrzehnten für die Rettung von bedrohten Denkmalen einsetzt, und nicht zuletzt den Berliner Barock Solisten, die auf ihre Weise authentisch Historisches und modern Restauriertes verbinden.

Albert Schweitzer hat einmal gesagt: "Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen." Meine sehr geehrten Damen und Herren, Ihr Engagement für die Erhaltung von Denkmalen verdient einen Platz in unser aller Herzen.