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Grußwort zum 550jährigen Bestehen der Universität Greifswald

Vor der Aula auf der Treppe stehen der Rektor der Universität, Rainer Westermann, Königin Silvia von Schweden und der Bundespräsident; im Hintergrund Frau Köhler und Ministerpräsident Ringstorff Greifswald, 17. Oktober 2006 Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Taufen sind in Kirchen ja nichts Ungewöhnliches. Auch der ehrwürdige Greifswalder Dom hat viele erlebt - Caspar David Friedrich, der große Maler der deutschen Romantik, wurde hier in St. Nikolai in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen. Aber diese Kirche ist nicht nur ein Tauf-, sondern auch ein Geburtsort: Am 17. Oktober 1456 gründete Greifswalds Bürgermeister Heinrich Rubenow mit päpstlicher Erlaubnis und landesherrlicher Unterstützung hier im Dom die Universität. Und heute, 550 Jahre später, ist der Dom deshalb Ort einer besonderen Geburtstagsfeier: "Herzlichen Glückwunsch Alma Mater Gryphiswaldensis!"

Majestät, es ist für uns Deutsche eine große Freude, diesen Festakt mit Ihnen gemeinsam zu begehen. Denn die Universität Greifswald ist nicht nur eine der ältesten deutschen Hochschulen, sondern sie war während der "Schwedenzeit" in Pommern auch die älteste Universität Schwedens. Voller Stolz kann sie heute auf fünfeinhalb Jahrhunderte bewegter Geschichte zurückblicken. Tradition und Zukunft im Ostseeraum - dafür steht die Universität Greifswald. Was aber ist das Besondere dieser kleinen, feinen Universität am Rande Deutschlands, im Herzen Nordosteuropas?

Die Antwort auf diese Frage findet, wer morgens um 9 Uhr sine tempore über den Marktplatz am Dom vorbei zur Aula schlendert; wer um die Mittagszeit über den Berthold-Beitz-Platz zum modernsten Uniklinikum Deutschlands geht oder wer einen Sommerabend am Greifswalder Bodden verbringt. Überall wird er junge Menschen treffen und dabei eine Stadt kennen lernen, die keine Universität beherbergt, sondern die eine Universität ist. Nicht nur an den vielen Fahrrädern im Stadtbild lässt sich erkennen: Greifswald ist voller Schwung und Bewegung. Und was die Menschen in und nach Greifswald bewegt, ist großflächig überall in der Stadt zu lesen: "Wissen lockt - 550 Jahre einfach anfangen!"

Genau dieser Einstellung, nämlich Neues mutig anzupacken, begegnet man in der Geschichte dieser Universität immer wieder. Ferdinand Sauerbruch forschte hier, genau wie der Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, der Palästinaforscher Gustaf Dalman oder der Jurist Bernhard Windscheid. All diese Wissenschaftler verbindet eines: Sie haben sich weit über Greifswald hinaus großes Ansehen erworben. Sie haben ihre Disziplinen vorangebracht. Sie waren bereit, traditionelle Denkmuster hinter sich zu lassen. Und dabei schwammen sie - wenn nötig - manchmal auch gegen den Strom.

Diesen Mut hat auch die Greifswalder Studentenschaft oft bewiesen. Ich erinnere nur an den März 1955, als hunderte Studentinnen und Studenten öffentlich gegen die von der SED angeordnete Umwandlung der Medizinischen Fakultät in eine militärmedizinische Akademie protestierten. 211 von ihnen wurden verhaftet, und die Wortführer bezahlten ihren Mut mit hohen Haftstrafen. Und bereits im September 1989 gab es an dieser Universität erste Schritte zu einer unabhängigen Studentenvertretung. Dieser Mut beeindruckt mich, und Mut braucht, wer Veränderungen bestehen will.

Greifswald ist auch in seiner jüngsten Universitätsgeschichte, in den Jahren nach 1990, durch viele Veränderungen gegangen. Schaut man sich die stetig wachsenden Studentenzahlen an und schenkt man den Uni-Ranglisten Glauben, dann lässt sich der Erfolg des Wandels ablesen: Junge Leute aus ganz Deutschland und aus dem Ostseeraum, besonders aus Skandinavien und dem Baltikum, kommen gern und immer häufiger zum Studieren an den Ryck. Deutsche Nachrichtenmagazine schreiben bewundernd darüber, wie persönlich der Umgang von Professoren und Studierenden an dieser Universität ist. Die hervorragenden Studienbedingungen, die praxisnahe Ausbildung locken: Nicht umsonst ist Greifswald in diesem Jahr zum Beispiel der beliebteste Wunschstudienort für angehende Mediziner.

Die Greifswalder Universität gehört heute zu den viel zitierten Wissenschaftsleuchttürmen in unserem Land. Und weltweit anerkannte Forschungsinstitute wie das Max Planck Institut für Plasmaphysik oder das Friedrich Loeffler Institut auf der Insel Riems verstärken die Strahlkraft der Wissens- und Forschungsregion an der Ostsee.

Die Greifswalder Alma Mater steht wie viele Hochschulen in Deutschland vor großen Herausforderungen. Das Ziel eines Europäischen Hochschulraumes hat unter der Überschrift "Bologna-Prozeß" einen gewaltigen Um- und Aufbruch im deutschen Hochschulwesen bewirkt. Gleichzeitig wird in den nächsten Jahren die Zahl der Studienbewerber deutlich steigen. Darüber sollten wir uns freuen, denn in unserem Land erwerben im internationalen Vergleich immer noch zu wenig junge Menschen akademische Grade. Wir brauchen mehr Studierende, aber wir brauchen auch bessere Bedingungen für ein zügiges und erfolgreiches Studium. Deswegen begrüße ich es, dass Bund und Länder nun gemeinsam über den Hochschulpakt verhandeln, um die Leistungsfähigkeit der Universitäten zu sichern.

Gerade die Hochschulen in den neuen Bundesländern schultern Gewaltiges, weil sie zunehmend weniger Landeskinder, dafür aber mehr junge Menschen aus anderen Teilen Deutschlands zu höheren akademischen Weihen führen. Diese Anstrengung verdient besondere Anerkennung. Sie kommt unserem ganzen Land zugute und macht ein wichtiges Stück Einheit konkret sichtbar.

Ich weiß um die schwierige Finanzlage der Länder und ich kenne die Diskussionen um die daraus resultierenden Umstrukturierungen - auch hier in Greifswald. Und so sehr ich begrüße, dass die Hochschulen stärker über ihr eigenes Profil nachdenken und ihre Ressourcen bündeln, so wichtig sind mir doch zwei Dinge: Erstens: Die Einheit von Forschung und Lehre muss erhalten bleiben: So wie exzellente Forschung auch vom akademischen Nachwuchs lebt, so ist es wichtig, dass auch die Lehre immer wieder frische Impulse aus der Forschung bekommt. Wir sollten zweitens bedenken, dass die Idee der Universität auch vom Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen lebt - zumal in einer Zeit, in der neues Wissen häufig in den Grenzbereichen der Fächer und in den Schnittmengen zwischen ihnen entsteht. Deswegen ist es wichtig, dass interdisziplinär gearbeitet werden kann: in einer Hochschule, zwischen Hochschulen und zwischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Und wir brauchen mehr länderübergreifende Zusammenarbeit: in Deutschland ebenso wie in Europa.

Was in den Universitäten gelehrt, geforscht und entwickelt wird, legt die Basis für unsere Zukunftsfähigkeit. Starke, selbstbewusste Hochschulen sind Kraftquellen für eine ganze Region, ein ganzes Land. Hier in Greifswald lässt sich das sehr genau studieren.

Ich bin sicher: Der Lockruf des Wissens wird auch künftig viele nach Greifswald ziehen - in eine Stadt, an eine Universität, die uns seit 550 Jahren zeigen, worauf es ankommt: auf den Mut und die Entschlossenheit, einfach anzufangen! Danke dafür und alle guten Wünsche für die Zukunft!

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