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Tischrede beim Mittagessen zu Ehren von Uwe Seeler aus Anlass seines 70. Geburtstages

Der Bundespräsident und Uwe Seeler im Gespräch. Berlin, 7. November 2006 Foto: Bernd Kühler, BPA © Foto: Bernd Kühler, BPA

Meine Frau und ich freuen uns sehr, dass Sie gekommen sind, dass wir gemeinsam feiern - und zwar einen der ganz Großen des deutschen Fußballs und des deutschen Sports überhaupt.

Herr Seeler, wenn ich mich hier so umschaue, dann kann der Kreis, der heute zu Ihren Ehren zusammengekommen ist, mit der Widmung Ihrer Autobiographie beschrieben werden: "Für meine Familie und meine treuen Fans". Ich zumindest darf mich zu diesen treuen Fans rechnen.

Was macht das besondere dieses Sportlers aus? Was macht Uwe Seeler zu dieser einzigartigen Persönlichkeit des deutschen Fußballs?

Darauf gibt der Titel seiner Autobiographie eine erste Antwort. Andere Fußballerbiographien heißen etwa: "Einer wie ich" oder "Rebell am Ball" oder gar "Ich habe es allen gezeigt". Das Buch von Uwe Seeler trägt den Titel: "Danke, Fußball!". Kein "Ich" im Titel, sondern das Wort Fußball. Die Sache selbst steht im Vordergrund. So war es in Ihrer Karriere und in Ihrem späteren Leben immer. Nicht zuerst "Ich", sondern zuerst die Sache, das Spiel, die Mannschaft. Nicht auf Kosten anderer glänzen, sondern mit den anderen spielen, kämpfen, siegen und verlieren. Ein "sportsman" im echten Sinn des Wortes.

Und dann, fast noch wichtiger: Das Wort "Danke". Mit Rufzeichen. Sie wissen ganz sicher, lieber Uwe Seeler, was Sie selber geleistet haben. Und Sie wissen - und wir alle wissen es auch -, dass Sie auf dem Platz immer alles gegeben haben. Das, was Sie selber aus sich gemacht haben, das ist ganz fantastisch. Das hat niemand für Sie getan. Ihre Tore haben Sie selber geschossen. Es waren Ihre Beine und Ihr Kopf, die den Ball immer wieder dahin gebracht haben, wo er hingehört. Das ist Ihre Leistung, Ihr Erfolg, und darauf können Sie stolz sein.

Wo aber mancher, der ähnlichen Erfolg hat, buchstäblich abhebt, sind Sie auf dem Boden geblieben. Sie haben nie vergessen, dass man nur nach ganz oben kommt, wenn man den Weg nicht alleine geht.

Wenn Sie im Titel Ihres Buches dem "Fußball" danken, dann meinen Sie damit nicht nur das Runde, das ins Eckige muss. Sie meinen damit das ganze drum und dran: die Mannschaften, in denen Sie gespielt haben, die Trainer, die Vereinsführer, die Firma, für die Sie Ihr Leben lang tätig waren, die Fans, die Sie immer wieder auf Händen getragen und die mit "Uwe, Uwe" einen Schlachtruf erfunden haben, der sogar noch erklang, als Sie Ihre Karriere schon beendet hatten.

Nein, Sie vergessen nicht und Sie haben nie vergessen, zu danken. Das macht Sie so sympathisch - und im heutigen Millionengeschäft Fußball auch so einzigartig. Sie vergessen nicht, dass bei aller eigener Leistung vieles am seidenen Faden hängt, gerade im Sport, und dass wir im Leben die anderen brauchen, so wie sie uns brauchen. Sie danken Ihren Familien und Freunden, angefangen mit Ihrem Vater, Old Erwin, wie man in Hamburg sagte, der Sie im Alter von neun Jahren beim HSV angemeldet hat und der Ihnen einen entscheidenden Ratschlag mit auf den Weg gegeben hat, der nicht nur auf dem Platz gilt: "Gib nie einen Ball verloren!". Die Ergänzung von Sepp Herberger gehört übrigens auch hierhin: "Wenn du den Ball hast, kann ihn der Gegner nicht haben!". Der Fußball lebt von sehr einfachen Wahrheiten!

Sie danken aber vor allem und immer wieder Ihrer Frau. Sie, liebe Ilka Seeler, nun bald fünfzig Jahre mit Ihrem Mann verheiratet, sind nicht das, was man heute so unter "Spielerfrau" versteht. Sie haben an einem entscheidenden Punkt der Karriere Ihres Mannes, als es darum ging, ob er nach Italien wechseln sollte oder nicht, den Ausschlag für das Bleiben gegeben. Das war wahrscheinlich wichtiger als der berühmte offene Brief von Professor Thielicke.

Lieber Uwe Seeler. Danke zu sagen, das kann man also bei Ihnen lernen - und Danke zu sagen, das ist nun meine Aufgabe. Nämlich den Dank an Sie zu formulieren.

Sie haben uns, den Fans in ganz Deutschland, viele unvergessene Spiele geschenkt und unnachahmliche Tore erzielt. Und einige bemerkenswerte Zahlen kann man nennen: Als jüngster Spieler aller Zeiten haben Sie den heiligen Rasen von Wembley betreten, vier mal haben Sie an Weltmeisterschaften teilgenommen, am Ende Ihrer Laufbahn waren Sie der Nationalspieler mit den meisten Berufungen, und das Verhältnis von Einsätzen und dabei erzielten Toren ist wohl nur von Gerd Müller übertroffen.

Aber mehr als Zahlen und Statistik zählen einzelne Szenen und Spiele, die zu Legenden des Fußballs geworden sind.

Als Sie nach Ihrer schweren Achillessehnen-Verletzung 1965 wieder zurückkamen und prompt mit Ihrem Tor Deutschland zur WM nach England schossen.

England 66: Eine fantastische Mannschaft - mit Ihnen, mit dem jungen Beckenbauer und mit dem unvergessenen Lothar Emmerich, dem mit der linken Klebe. Und dann das dramatische Finale, mit dem dritten Tor, das keines war. Das Bild, das Sie nach dem Schlusspfiff in gebeugter Haltung zeigt, ging um die Welt. Sinnbild eines unglücklichen, aber fairen und sportlichen Verlierers.

Und dann Mexiko 70: Im Viertelfinale die Revanche gegen England. Schon so gut wie verloren und dann, nach dem Anschlusstor durch den Kaiser, der Ausgleich durch Ihren Hinterkopfball. Eines der unwahrscheinlichsten Tore der Fußballgeschichte, ein Ergebnis unbändigen Willens und großen Könnens.

Das anschließende Jahrhundertspiel gegen Italien haben Sie mitgemacht und das wird keiner je vergessen. Wann ist eine Mannschaft in der Niederlage jemals so gefeiert und verehrt worden?

Es gäbe noch so viel zu erzählen. Von Kopfbällen und Fallrückziehern, von Siegen und Triumphen, von Sportlichkeit und von Fairness in der Niederlage. Aber ein Ehrenessen dauert 90 Minuten. Deshalb will ich hier nur noch eines sagen: Danke, Uwe Seeler. Danke für ein vorbildliches Sportlerleben, auf dem Platz und außerhalb.

Erheben wir unser Glas auf den einzigen Spieler, zu dessen Namen ein besitzanzeigendes Fürwort gehört, erheben wir unser Glas auf "Uns Uwe"!