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Grußwort anlässlich der Ehrung der Bundessieger des Praktischen Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend

Bundespräsident Horst Köhler vor einer farbigen Wand mit der Aufschrift "Profis leisten was. Schlussfeier des Praktischen Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend PLW 2006" Stuttgart, 25. November 2006 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

I.
Auf der Website des Baden-Württembergischen Handwerkstages steht über den Praktischen Leistungswettbewerb der Handwerksjugend: "Erfolgreiche Teilnehmer erhalten eine Urkunde und viel Aufmerksamkeit in der (...) Öffentlichkeit." Da habe ich mir gedacht: Fahr doch mal nach Stuttgart und hilf dabei.

Liebe Gesellinnen und Gesellen,herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Ausbildungserfolg und herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Sieg im bundesweiten Wettbewerb der Besten! Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie viel Sie in den vergangenen Jahren, Monaten, Wochen gelernt, gearbeitet und getüftelt haben, wie aufregend die Prüfungen waren und wie glücklich Sie nun sind, dass Ihnen alles so hervorragend gelungen ist. Ich habe mir vorhin die Ausstellung der Siegerarbeiten angesehen und bin schon mit einigen von Ihnen ins Gespräch gekommen. Ich kann nur sagen: Sie alle dürfen wirklich stolz sein auf Ihre Leistungen! Lassen Sie sich ruhig ein wenig feiern!

Ich gratuliere auch Ihren Ausbilderinnen und Ausbildern. Ein Handwerk erlernt man ja nicht durch das Lesen von Gebrauchsanweisungen. Handwerkliches Wissen und Können sind lebendiger Geist und müssen von Mensch zu Mensch weitergegeben werden - im Lehrgespräch, beim Einüben unter kundiger Anleitung und bei der gemeinsamen Suche von Lehrling und Meister nach noch besseren Lösungen. Darum empfinde ich Hochachtung für alle, die hervorragende junge Handwerker auszubilden verstehen.

Mein Dank gilt auch dem Zentralverband des Deutschen Handwerks und allen, die zur Durchführung des Praktischen Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend und des Wettbewerbs "Die gute Form im Handwerk" beitragen. Das ist eine ausgezeichnete Werbung für die Vorzüge der handwerklichen Ausbildung und eine wichtige Förderung für besonders begabte junge Handwerker.

Und noch ein Glückwunsch und Dankeschön: Sie alle, liebe Gesellinnen und Gesellen, haben bestimmt Menschen, die Ihnen auf Ihrem Weg geholfen haben - Eltern, Familienangehörige, Freunde. Selbst ein so persönlicher Erfolg wie eine gelungene Gesellenprüfung ist doch immer auch ein Stückchen Teamarbeit. Also: Gruß und Glückwunsch auch denen, die hinter Ihnen stehen, die mitgezittert haben und die weiter zu Ihnen halten.

II.
Vor ein, zwei Jahren stand das Buch eines englischen Schriftstellers ganz oben auf den Bestsellerlisten. Es heißt (auch in der deutschen Ausgabe) "Saturday" und schildert einen Tag im Leben eines Londoner Arztes. Es ist eine ziemlich spannende Geschichte. Ein Thema des Buches ist: Wie gut wir es haben. Zum Beispiel nimmt der Arzt eine Dusche, und da heißt es: "Wenn diese Zivilisation untergeht (...), wird eine Dusche zu dem Luxus gehören, der als erstes verschwindet. Dann werden die am Torffeuer hockenden Alten ihren ungläubigen Enkeln von Strömen heißen, sauberen Wassers erzählen, unter denen sie mitten im Winter standen (...)".

Ein Leben ohne Handwerk - ein Leben am Torffeuer? So viel stimmt jedenfalls: Wir alle genießen auf Schritt und Tritt Handwerksleistungen - vom mühelosen Zugang zu Wasser, Licht und Wärme über Wohnqualität, Mobilität, Umwelt- und Denkmalschutz bis hin zum gepflegten Haarschnitt und schicker Kleidung, zu Brille und Hörgerät und zu gesunden Lebensmitteln. Wir alle vertrauen beständig darauf, dass Handwerkerinnen und Handwerker kenntnisreich, umsichtig und präzise arbeiten - und unser Vertrauen wird selten enttäuscht.

Ich glaube, diese Verlässlichkeit hat viel mit der inneren Einstellung der Handwerker zu tun. Die wissen, was sie können, und sie haben den Ehrgeiz, ihre Arbeit auch wirklich so gut zu machen, wie es objektiv geht. Sie wollen selber zufrieden sein damit, und das Werk soll den Meister loben. Die Leistung soll sich sehen lassen können, fast als ob gleich ein Kollege käme, um sie zu begutachten. Für gute Handwerker hört sozusagen der Praktische Leistungswettbewerb niemals auf. Es soll ja Wirtschaftszweige geben, die verkaufen ihre Erzeugnisse nach dem Prinzip Banane: Produkt reift beim Verbraucher. Für Handwerker ist schon diese Vorstellung ein Gräuel.

Ich wünschte mir solches Qualitätsbewusstsein auch bei mehr Verbrauchern. Leider schauen ja viele ganz ohne Not nur auf den Preis statt auch auf das Preis-Leistungs-Verhältnis; sie verzichten auf fachkundige Beratung, wählen eine Lösung von der Stange und nehmen Materialien und Ausführung in Kauf, die weniger gediegen, weniger gehaltvoll, weniger belastbar sind. Erst später stellt sich dann oft heraus, wie wenig Freude die Schnäppchenlösung macht und dass sie manchmal am Ende sogar teurer kommt, als gleich auf handwerkliche Qualität zu vertrauen.

III.
Und Qualität muss das Markenzeichen des Handwerks bleiben, weil es nur dann auch weiterhin eine wirkliche und wertvolle Alternative zu allen Discountlösungen bieten kann. Sie, liebe Bundessieger, zeigen, womit diese Qualität beginnt: mit exzellenter Ausbildung.

Dafür bietet unser duales System noch immer beste Voraussetzungen. Aber es gibt Veränderungen - insbesondere Verschlechterungen in der Ausbildungsfähigkeit von Schulabgängern und Verlagerungen in der Personalnachfrage der Unternehmen -, Veränderungen, die zum Nachdenken zwingen.

In meiner Berliner Rede vor acht Wochen habe ich gefordert, endlich den Grundsatz "Bildung für alle" zu verwirklichen und mit den Anstrengungen dafür so früh wie möglich anzusetzen, schon im Kindergarten und in der Vorschule. Denn soviel ist klar: Das Erlernen der deutschen Sprache darf nicht erst in der Schule beginnen, und das Erlernen der Grundrechenarten und des verständigen Lesens und Schreibens nicht erst in der Berufsschule und im Betrieb. Im Gegenteil: Wir brauchen gerade dort auch weiterhin hohe Ausbildungsstandards, und das nicht allein im Interesse der Ausbildungsbetriebe, sondern der gesamten deutschen Wirtschaft - die ja insgesamt längst nicht eine so vorbildliche Ausbildungsquote hat wie das Handwerk mit seinen 4,8 Millionen Beschäftigten und 480.000 Auszubildenden und die deshalb gehörig von der Ausbildungsleistung der Handwerksbetriebe profitiert. Ich wünsche jedenfalls den laufenden Beratungen zur Fortentwicklung unseres Berufsbildungswesens allen Erfolg - und den messe ich daran, ob am Ende mehr Bildungschancen und das gewohnt hohe Ausbildungsniveau erreicht sind.

IV.
Natürlich muss eine gute Berufsausbildung nicht beim Gesellenbrief enden. Bestimmt wollen viele von Ihnen, liebe Gesellinnen und Gesellen, weiter vorangehen: hin zur Meisterprüfung, vielleicht auch hin zu einem Studium, hin zur unternehmerischen Selbständigkeit. Dafür werden Sie Leidenschaft für die Sache brauchen, Leistungswillen und Bereitschaft zum Wettbewerb - und alles das haben Sie schon bewiesen, sonst wären Sie nicht hier. Ich kann Sie darum nur ermutigen, Ihren Weg fortzusetzen. Das wird Sie noch viel Gehirnschmalz kosten und noch manche saure Woche, aber es lohnt sich, weil sie spüren werden, wie Sie an Wissen und Können wachsen; weil Sie immer mehr Eigenständigkeit gewinnen und Verantwortung übernehmen und zu sich sagen können: Ja, es ist anstrengend, aber nochmals ja, es liegt Glück darin. Und ich werde mich weiter bemühen, die Politik darauf aufmerksam zu machen, dass sich Leistung lohnen muss, denn erst das macht das Glück des Tüchtigen vollkommen, und wir alle profitieren davon.

Und dann, ehe Sie sich's versehen, werden Sie es sein, die oder der einen Betrieb leitet. Sie werden Kundenwünsche durchdenken und verwirklichen, Kundenwünsche wecken, werden Angebote kalkulieren, werden gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern immer neue Produkte und Verfahren anwenden und vielleicht auch selber entwickeln; Sie werden ihre Berufserfahrung an Auszubildende weitergeben, und Ihr Rat und Ihre Stimme werden begehrt sein - in der Handwerkskammer natürlich, aber auch im Sportclub zum Beispiel, im Stadtrat, in der Kirchengemeinde, im Schulförderverein; denn die Handwerkerschaft ist ja nicht nur ein Kernstück der deutschen Wirtschaft, sie ist auch ein Kernstück unserer Bürgergesellschaft und sie steht zu der vielfältigen Verantwortung, die das mit sich bringt.

Viele Chancen, viele Herausforderungen also, die noch vor Ihnen liegen. Sie haben mit Ihrer erfolgreichen Ausbildung die erste Tür dazu geöffnet und sind hindurchgegangen. Auch für alles Kommende liegt der Schlüssel in Ihrer Hand: Ihr Wissen und Können, Ihr Talent und Elan. Ich wünsche Ihnen von Herzen weiterhin viel Glück und Erfolg!

Und möglicherweise - die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht mal gering - möglicherweise ist heute in Ihrem Kreis frischgebackener Gesellinnen und Gesellen auch jemand, der irgendwann bei einer Siegerehrung des Praktischen Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend als Präsidentin oder Präsident ein Grußwort spricht. Wer immer es ist, wo immer hier im Saal Sie jetzt sitzen, ich kann Ihnen versichern: Es macht Freude!