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Henning Mankell im Gespräch mit Bundespräsident Horst Köhler - erschienen im STERN am 7. Dezember 2006

Bundespräsident Horst Köhler und Henning Mankell sitzen im Garten unter einem Baum Berlin, 7. Dezember 2006 Foto: Volker Hinz, Stern © Foto: Volker Hinz, Stern

Ein schöner Herbsttag in Berlin. Auf der Treppe zum Ethnografischen Museum sitzen Menschen und lesen, essen oder telefonieren. Drinnen in den kühlen Sälen des Museums stehen bemerkenswerteSammlungen aus Lateinamerika und Afrika. Auf der Rückseite findet man ein kleines Gartenlokal. Hier bin ich mit Präsident Köhler verabredet.
Wir haben uns schon einige Male getroffen. Er interessiert mich, denn er ist einer der wenigen europäischen Staatsmänner, die sich ernsthaft für die heutige Situation und die Zukunft des afrikanischen Kontinents engagieren. Bei ihm folgen den Worten auch Taten. So initiiert er Konferenzen und Begegnungen, die es nicht bei theoretischen Ergüssen belassen, sondern nach Wegen suchen, wirklich etwas zu verändern.
Präsident Köhlers Macht und Einfluss sind äußerst beschränkt. Wie der schwedische König: ein Oberhaupt ohne wirkliche Befugnisse. Doch die, die er hat, nutzt er auch. Außerdem besitzt er eine Fähigkeit, die in Europa immer seltener vorkommt. Er kann zuhören. Dies ist auch der Grund, weshalb afrikanische Staatsmänner seinen Einladungen folgen. Er hört zu.
An diesem Tag trinken wir Kaffee in diesem kleinen Café und sprechen über Afrika. Es gibt nur wenige Besucher, die Leibwächter ziehen sich zurück, eine freundliche Bedienung kommt manchmal und schenkt nach.
Es ist immer noch Herbst. Plötzlich ziehen Düfte vorbei, die afrikanische sein könnten. Irgendwo im Hochland, vielleicht in Sambia oder Südafrika. Und unser Gespräch? Fangen wir von vorne an.(In Auszügen)

Henning Mankell: Manchmal weiß man, von welchem Augenblick an eine Sache einen in den Bann zieht. Wann begannen Sie sich für Afrika zu interessieren, Herr Bundespräsident?

Horst Köhler:Der Anfang war in den 70er Jahren in Herrenberg. Da habe ich zusammen mit meiner Frau und Freunden einen Dritte-Welt-Laden gegründet. Wir wollten einfach etwas gegen Armut tun. Richtig aufgewacht bin ich aber auf einer Afrika-Reise als IWF-Chef im Jahr 2000. Dabei habe ich die Brutalität von Armut und Not mit eigenen Augen gesehen. Aber gleichzeitig bin ich mitten im Elend auf Menschen gestoßen, die mit großer Würde ihrem Schicksal trotzten: Nicht aufgeben, das Beste aus der Lage machen, den Kindern Hoffnung, eine bessere Perspektive geben. Diese Haltung, einfach unerschütterlich voran zu gehen, habe ich oft erlebt. Und ein tiefes Gespür für Verantwortung und für den Wert von Umwelt und Natur. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch in Maputo mit Mosambiks damaligem Präsidenten Joaquim Chissano. In meinen Akten hatte ich die Empfehlungen des IWF, das Land solle, um seine miserable Lage zu verbessern, alle Cashewnuts-Betriebe privatisieren.

H. M.: Womöglich kein populärer Vorschlag in einem Land mit einer sozialistischen Tradition seit der Unabhängigkeit.

Horst Köhler:Da hat mich Chissano beiseite genommen und mir, dem jüngeren Fremden aus Washington, offen und vertrauensvoll die Geschichte der Cashewnuts, seines Volkes und der Region erzählt. Und als er fertig war, habe ich gewusst: Eigentlich ist es Unsinn, vom grünen Tisch in Washington über Privatisierung in Mosambik zu entscheiden. Wir sind gut beraten zuzuhören, wie die Afrikaner ihre Wirtschafts- und Sozialstrukturen selbst beurteilen, und dann zu versuchen, gemeinsam mit ihnen voran zu kommen. Und diese Erkenntnis, dass es falsch ist, aus Washington oder Berlin anzureisen und den Afrikanern zu erzählen, was richtig für sie ist, diese Erkenntnis hat sich dort in meinen Kopf gesetzt.

H. M.: Wir sind nahezu gleich alt. Wir haben während unseres Lebens das Ende des Kolonialismus in Afrika gesehen, das Ende der Apartheid in Südafrika, die großen Erwartungen an den Kontinent und schließlich den Rückschlag. Manchmal frage ich mich: Wie viel Verantwortung tragen wir für diesen Rückschlag?

Horst Köhler:Ich glaube, sich dieser Verantwortung zu stellen, ist richtig. Der Westen - besser vielleicht der Norden der Weltkugel - hat sich immer noch nicht ausreichend mit Sklaverei, Kolonialismus und den Stellvertreter-Kriegen in Afrika während des kalten Krieges befasst. Da gibt es viel aufzuarbeiten. Aber es geht um viel mehr als um die Verstrickungen der Vergangenheit. Ob wir unser Wohlergehen in Europa langfristig sichern können, das hängt auch vom Wohlergehen Afrikas ab. Andersherum haben Fehlentwicklungen in Afrika bereits heute handfeste negative Folgen für den Rest der Welt. Armutsbekämpfung ist nicht nur moralisch wichtig - es geht um Existenzsicherung für die Zukunft Europas. Ein Beispiel: Der tropische Regenwald in der Kongo-Region ist das zweitgrößte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Welt nach dem Amazonasgebiet in Lateinamerika. Wenn diese Region abgeholzt würde, wie es auf Madagaskar geschehen ist, hätte das Auswirkungen auf das Weltklima und damit auch auf Europa. Und die Bootsflüchtlinge aus Afrika machen uns klar: Armut braucht zum Reisen keinen Pass.

H. M.: Das ist eine ganz wichtige Frage. Wenn Sie und ich wollen, dass unsere Enkel ein besseres Leben haben, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Enkel auf der ganzen Welt ein besseres Leben haben. Aber wie erklären wir den Menschen bei uns, wie sehr die Welt miteinander verwoben ist, wie sehr unsere Zukunft und die der anderen in Afrika zusammenhängt?

Horst Köhler:Die Bilder von den Bootsflüchtlingen sind erschreckend und schockierend. Sie wühlen auch unsere jungen Leute auf, und sie stellen Fragen: Wie kommt es, dass Menschen heutzutage solches Leid durchmachen müssen? Wieso sprechen wir in der Schule von Ethik und Moral, und auf der ganzen Welt passieren ständig Dinge, die nichts mit Moral zu tun haben? Darauf sollten wir Antwort geben können, und wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir das nicht tun. All unser Reden über Menschenrechte, über die Würde des Menschen wäre dann entlarvt als künstlich und aufgesetzt. Ich erlebe die junge Generation als aufgeschlossen und neugierig, aber es ist auch eine skeptische Generation, die sich nichts vormachen lässt. Unsere Antworten auf die ethischen Herausforderungen der Zeit sollten überzeugend sein. Afrika fordert uns dazu auf.

H. M.: Aber viele junge Menschen interessieren sich nicht für Afrika. Ihre Zukunft entscheidet sich für sie hier bei uns, nicht auf einem fernen Kontinent in unterentwickelten Ländern. Wie erreichen wir diese Menschen?

Horst Köhler:Durch gute und auch geduldige Information. Und, nicht zu unterschätzen: auch durch solche Dinge wie Fußball. Ich habe mich wirklich darüber gefreut, wie viel Jubel bei der WM die afrikanischen Mannschaften erhalten haben. Und Spieler wie Gerald Asamoah und Sammy Kuffour haben in Deutschland allein durch ihr sportliches Verhalten viel für Afrika erreicht. Da lässt sich eine Menge Neugier und Aufgeschlossenheit wecken.

H. M.: Aber erzählen wir diesen jungen Leuten auch von der anderen Seite des Mondes? Davon, dass heute mehr afrikanische Ärzte in Europa arbeiten als in Afrika?

Horst Köhler:Ja, aber auch das hat zwei Seiten. Ein engagierter afrikanischer Arzt in einem deutschen Krankenhaus, der seine Patienten kompetent versorgt, trägt viel bei zum Abbau von Vorurteilen. Wenn aber alle diese gut ausgebildeten afrikanischen Ärzte wirklich für immer weggehen aus ihren Heimatländern, dann ist das keine gute Lösung. Darum denke ich auch darüber nach, wie wir hier in Deutschland eine Diskussion mit Afrikanern führen können: Welche Brücken lassen sich zurück nach Afrika bauen, die hilfreich sind für das Leben dort? Wie können wir dazu beitragen, dass Afrikaner mit Spitzenqualifikation wieder in die Heimat zurückkehren?

H. M.: Es gibt eine Menge Vorurteile und jede Menge Legenden, wenn das Gespräch auf Europas Hilfe für Afrika kommt. Viele Leute glauben zum Beispiel, dass wir zu viel Hilfe geben. Aber wenn wir uns fragen, welche Summen tatsächlich gezahlt werden, stellen wir fest, dass die Bundesrepublik Deutschland viel mehr in die neuen Länder transferiert hat seit 1989 als ganz Europa in derselben Zeit nach Afrika. Es kommt also auf die Perspektive an, wenn wir über viel oder zu viel Geld reden. Im übrigen sollten wir weniger über Geben sprechen, mehr über Nehmen. Und wir sollten besser zuhören, was die Afrikaner uns sagen wollen.

Horst Köhler:Das sehe ich genauso. Und ich glaube sogar: Wenn wir den Afrikanern besser zuhören, werden wir Gewinn daraus ziehen. Dann entdecken wir nämlich, dass Afrika und seine Menschen einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Reichtum auf diesem Globus leisten. Unsere Welt wäre ärmer ohne das, was die Afrikaner einbringen. Wissen Sie: Wir hatten ja hier in Berlin vor einigen Monaten den internationalen Pen-Kongress, und in diesem Rahmen gab es auch Dichter-Lesungen von afrikanischen Schriftstellern. Ich bin hingegangen und habe zugehört. Das war weit mehr als Unterhaltung. Da war Inspiration.

H. M.: Mögen Sie Gedichte?

Horst Köhler:Ja.

H. M.: Wer ist ihr Lieblingsdichter?

Horst Köhler:Na, als Tübinger Student fällt mir natürlich Hölderlin ein. Heute lese ich gern Gedichte von Heine und Brecht, Kunze und Enzensberger.

H. M.: Schreiben Sie selbst Gedichte?

Horst Köhler:Leider nein.

H. M.: Das sollten Sie aber!

Horst Köhler:Ich kann es ja mal versuchen, wenn ich im Ruhestand bin (beide lachen). Vorbilder gäbe es auch in Afrika. Ich jedenfalls habe afrikanische Schriftsteller und Schauspieler kennen gelernt, die wirklich große, ausdrucksstarke Kunst hervorbringen. Sie sind bedeutenden Künstlern in Europa oder Amerika ebenbürtig. Ich war in Mosambik im Theatro Avenida. Das Theater hat Schillers "Räuber" aufgeführt. Dann habe ich gehört, dass die auch Büchners "Woyzeck" gezeigt haben. Waren Sie eigentlich daran beteiligt?

H. M.: Ja, ich gehörte zum Team, das Woyzeck auf die Bühne gebracht hat.

Horst Köhler:Wunderbar. Es ist wichtig zu vermitteln, dass es ein Afrika gibt jenseits von Leid, Hunger und Armut. Ein intellektuelles Afrika, ein künstlerisch kreatives Afrika.

H. M.: Müssen wir nicht auch begreifen, dass die Korruption in Afrika in vielen Fällen von uns überhaupt erst gebracht worden ist? Wir müssen uns selbstkritisch unter die Lupe nehmen und nicht nur über die Afrikaner reden.

Horst Köhler:Ja, ich stimme zu. Und ich finde das bedrückend. Denn es gibt UN-Direktiven, es gibt OECD-Richtlinien gegen Korruption. Trotzdem machen viele weiter damit. Es gibt auch unfaire Handelsbedingungen. Es wird viel geredet, aber da, wo es entscheidend ist, z.B. beim Marktzugang für die Afrikaner im Agrarbereich, da kneifen wir im Norden und hüten unsere Subventionen. Hier sind Doppelstandards und Unglaubwürdigkeit im Spiel.

H. M.: Mir scheint, wir beide haben etwas gemeinsam: Ich glaube, wir sind beide wütend.

Horst Köhler:Stimmt. (lacht) Heuchelei macht mich wirklich manchmal zornig. Es ist schon richtig: Wir haben uns jahrelang gefreut an unserem Wohlstandswachstum, und es ging uns immer besser. Dabei hat es uns nicht interessiert, worauf dieser Wohlstand eben auch aufgebaut war: auf billigen Rohstoffen aus Afrika zum Beispiel. Da werden wir unsere Haltung ändern müssen. Und wir sollten das Feld auch nicht den Chinesen überlassen. Natürlich vertreten die Chinesen ihre Interessen in Afrika nicht gerade zimperlich, und das Kriterium gute Regierungsführung kommt oft zu kurz. Trotzdem müssen wir sehen: China hat den Afrikanern auch etwas zu bieten. Bessere Handelsperspektiven, Kredite, Aufbau von Fabriken und Infrastruktur. Wenn es also hilft, dass Sie und ich und ein paar mehr bei uns im Norden ärgerlich werden, um der Gleichgültigkeit etwas entgegenzusetzen, dann bin ich ganz auf dieser Seite. Immerhin ist auch schon einiges auf den Weg gekommen. In Deutschland gibt es sehr viele Initiativen der Zivilgesellschaft, die sich in Afrika engagieren. Die haben die Gleichgültigkeit durchbrochen. Wichtig ist: Die Afrikaner haben Anspruch auf einen fairen Anteil am natürlichen Reichtum ihres Kontinents, um aus eigener Kraft voranzukommen.

H. M.: In fünf Jahren sind Sie womöglich nicht mehr Präsident Ihres Landes. Sie sehen sich dann die deutsche Lage aus einer anderen Perspektive an. Werden Europas und Deutschlands Beziehungen zu Afrika dann besser sein?

Horst Köhler:Ich bin da zuversichtlich. Weil ich glaube, dass immer mehr Menschen erkennen, wie sehr wir auf diesem Planeten voneinander abhängen und aufeinander angewiesen sind. Vor allem die jungen Leute erkennen das.

H. M.: Erzählen Sie mir etwas, was Ihnen in Afrika passiert ist.

Horst Köhler:Vor allen Dingen Begegnungen mit afrikanischen Frauen haben mir Hoffnung gegeben. Dort ist Kraft, Kreativität und menschliche Würde. In Sierra Leone habe ich eine Mutter besucht mit zwei Kindern; beiden Kindern haben sie die Hände abgehackt. Das war die Art, wie dort Krieg geführt wurde - Bürgerkrieg.

H. M.: Gleich beide Hände?

Horst Köhler:Dem Jüngeren eine Hand, dem älteren beide Hände. Und du fragst dich: Was für eine Zukunft haben diese Kinder in einem solchen Land? Die Mutter hat mir die Geschichte erzählt. Und dann hat sie gesagt: Wir brauchen das und das. Ich möchte Prothesen haben. Nicht abgrundtief pessimistisch, sondern ganz sachlich. Und da dachte ich: "Mensch, wo nimmt die Frau ihre Zuversicht her?"

H. M.: Es gibt noch eine Frage, die ich Ihnen gern stellen würde. Wenn man heute Menschen fragen würde: "Wo liegt das Zentrum Europas?" dann würden einige sagen: Brüssel. Denn da sitzt die EU. Einige würden Berlin nennen oder Paris, weil sie diese Städte für kulturelle Zentren halten. Einige würden London oder Frankfurt sagen, weil das die Finanzzentren sind. Ich dagegen als Intellektueller glaube, das Zentrum Europas liegt heute auf der kleinen Insel Lampedusa, südlich von Sizilien, weil dort jeden Morgen tote Afrikaner angespült werden, die versucht haben, nach Europa zu kommen. Im Augenblick könnte das Zentrum auch die kanarischen Inseln sein. Spaniens Innenminister hat den Ansturm der Flüchtlinge "einen friedlichen Aufschrei gegen die Armut" genannt. Finden Sie nicht auch, wir sollten die Verantwortung dafür übernehmen, symbolisch oder wörtlich, indem wir eine Brücke zwischen Gibraltar und Nordafrika bauen?

Horst Köhler:Lampedusa ist ein Symbol für eine Entwicklung, die uns zeigt: Etwas ist nicht in Ordnung. Als Europäer haben wir für die Lösung dieses Problems schon aus geographischen Gründen eine besondere Verantwortung, denn Afrika ist nicht fern. Aber es geht auch um die Glaubwürdigkeit unserer Werte. Zu Europa gehört die Erfahrung von Krieg, Leid und Unterdrückung, aber auch die Erfahrung von Nächstenliebe und Aufklärung. Für mich erwächst daraus ein Auftrag.

H. M.: Auch der Rassismus ist in Europa entstanden.

Horst Köhler:Wenn den Europäern das Leid der Menschen in Afrika gleichgültig wäre, dann hätten wir nichts gelernt aus der Geschichte. Doch es geht um mehr als die Vergangenheit: Unsere gemeinsame Verantwortung für das Miteinander auf diesem Planeten sollten wir nicht nur aus Schuld ableiten, sondern aus einer gemeinsamen Zukunftsvorstellung. Es gibt auf diesem Planeten keine gute Zukunft mehr, wenn nicht alle zumindest eine Perspektive haben.

H. M.: Nehmen wir an, wir beide könnten in fünfzig Jahren für dreißig Sekunden auf die Erde zurückkehren und uns Afrika ansehen. Glauben Sie, dass Afrika dann besser dran sein wird als heute?

Horst Köhler:Ja. In 30 Jahren können die Afrikaner uns vielleicht sogar einiges voraus haben. Sie haben die Erfahrung, was es heißt, durch ein langes Tal von Not, Unterdrückung, Arroganz anderer Völker zu gehen, und sie lernen daraus. Dabei haben sie neue Fähigkeiten entwickelt, mit Widrigkeiten umzugehen und auch schlimme Erfahrungen zu meistern. Ich glaube, Europa steht es noch bevor, um seinen Platz zu kämpfen vor dem Hintergrund, dass andere Völker dieser Welt - nicht nur in Afrika und Asien - Kraft entwickeln, kreativ sind und sich nicht aufhalten lassen. Es kann also durchaus sein, dass wir in fünfzig Jahren Erfolgsgeschichten haben in Afrika. Und die Europäer gehen dann hin, um zu fragen: "Können wir mal genauer erfahren, wie ihr's gemacht habt?"

H. M.: Also werden wir uns in 50 Jahren wieder sehen?

Horst Köhler:Ja. (lacht)

H. M.: Dieser Tisch wird 2056 für uns beide reserviert sein.

Die Zeit ist abgelaufen. Wir setzen einen provisorischen Punkt und beschließen, dass ich im nächsten Jahr mit ihm nach Ghana reisen werde. Als er in seinem schwarzen Auto verschwindet, sitzen immer noch Menschen auf der Treppe und lesen, essen oder telefonieren. Einige haben kaum gemerkt, dass da gerade ihr Präsident vorbeigegangen ist. Einige sehen wahrscheinlich nicht ein, dass das, was auf dem afrikanischen Kontinent geschieht, auch uns betrifft. Präsident Köhler ist sich dieses Problems bewusst. Wenn Europa es nicht schafft, ein anständiges Verhältnis zum afrikanischen Kontinent zu entwickeln, werden die Schäden für beide Seiten erheblich sein.
Das Gespräch braucht also Fortsetzung. Dies ist meiner Meinung nach die größte Leistung von Präsident Köhler: Er schafft Raum für den Dialog. In welchem es genauso wichtig ist, selber zu sprechen wie zuzuhören.