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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur ersten Verleihung des Deutschen Schulpreises

Bundespräsident Horst Köhler spricht und lächelt; im Hintergrund eine grüngemusterte Wand mit dem Logo des Schulpreises, einem geflügelten Stuhl auf einer Kugel, in weiß Berlin, 11. Dezember 2006 Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Heute geht es um einen Stuhl - um ein Sitzmöbel also. Wer darauf sitzt, bewegt sich meist nicht allzu sehr - mal abgesehen von Ausnahmen wie Stühlekippeln im Unterricht oder aufgeregtem Hin- und Herrutschen bei Preisverleihungen.

Der Stuhl aber, um den sich heute alles dreht, ist alles andere als ein Stillsitz-Möbel. Er hat nicht nur Beine, er hat auch Flügel. Wer auf ihm Platz nimmt, will hoch hinaus. Diesen Geflügelten Stuhl darf ich heute dem Gewinner des ersten Deutschen Schulpreises überreichen. Und ich finde: Der Preis ist ein schönes Symbol für das, was wir hier heute erstmals auszeichnen: Schulen, in denen sich Lehrende und Lernende gemeinsam und erfolgreich auf den Weg gemacht haben, Bildung für alle zu ermöglichen.

Wir wissen: Die Fähigkeiten eines jeden Einzelnen in unserem Lande sind der wichtigste Schatz, den wir haben. Es gilt, sie zu entdecken und zur vollen Entfaltung zu bringen. Denn das verdient jeder einzelne Mensch und das schulden wir unserem Land. Wir wissen: Bildung prägt die Persönlichkeit und stiftet Selbstvertrauen, Bildung entscheidet über Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung; und sie ist Voraussetzung für eine freiheitliche, demokratische und solidarische Gesellschaft. Wir wissen aber auch: dieses Ziel - gute Bildung für alle - ist längst nicht überall in Deutschland erreicht. Politik, Wirtschaft und jeder einzelne von uns - wir alle sind gefordert, uns für bessere Bildung einzusetzen: damit ungleich verteilte Bildungschancen, im internationalen Vergleich nur mittelmäßige Schulleistungen und eine viel zu hohe Zahl von Schulabbrechern nicht länger unser Bildungssystem kennzeichnen.

Wichtig ist mir dabei auch: Die durchaus berechtigte Kritik an unserem Bildungswesen darf nicht dazu führen, Schulen, Lehrer und Schüler pauschal schlecht zu reden. Denn an vielen Schulen wird Tag für Tag Großartiges geleistet. Daran sollten wir anknüpfen.

Der Deutsche Schulpreis kann dabei helfen. Denn er will den Blick auf die vielen Schulen in unserem Land lenken, die es geschafft haben, für Leistung und Kreativität zu begeistern, Lernfreude und Lebensmut zu stärken und zu Fairness und Verantwortung zu erziehen. Er will gute Vorbilder hervorheben und dafür sorgen, dass ihr Beispiel Schule machen kann. Der "Geflügelte Stuhl" ist kein Thron, auf dem die ausgezeichnete Schule sich ausruhen kann. Vielmehr ist er - dem griechischen Gott Hermes gleich - ein geflügelter Bote. Er soll in die deutsche Schullandschaft die Nachricht tragen: So kann Schule gelingen.

Die für den Preis nominierten Schulen zeigen zum Beispiel vorbildlich, wie behinderte und nicht-behinderte und wie lernschwache und hochbegabte Schüler erfolgreich gemeinsam unterrichtet werden können. Sie nutzen die Vielfalt der Herkunftsländer ihrer Schülerinnen und Schüler, um ihnen den kulturellen Reichtum unserer Welt nahe zu bringen und um Respekt und Toleranz im Umgang miteinander einzuüben. An diesen Schulen ist es selbstverständlich, dass Lehrer im Team arbeiten und sich als Lehrende und Lernende begreifen. Hier wird jeder einzelne Schüler gefordert und gefördert. Die Schüler wiederum lernen, dass sie selbst mit verantwortlich sind: für ihren Lernerfolg und für das gute Zusammenleben der Schulgemeinschaft.

Die nominierten Schulen beschränken ihre Aufmerksamkeit für die ihnen anvertrauten Schüler dabei nicht auf die Zeit zwischen Einschulung und Abschlussfeier. Sie kümmern sich auch um eine bessere Verzahnung der Übergänge: vom Kindergarten in die Grundschule, von der Grundschule zur weiterführenden Schule und von dort in Ausbildung oder Studium. Diese Übergänge sind sensible Phasen - hier werden entscheidende Weichen für die Entwicklung eines jungen Menschen gestellt. Gerade deshalb ist es gut und wichtig, dass diese Schulen sich auch als Teil ihres sozialen Umfelds verstehen: Sie binden Eltern, Vereine und auch Unternehmen selbstverständlich als Partner in ihre Arbeit mit ein.

"Es geht auch anders" - ich finde, dieses Motto des Schulpreises ist wirklich gut gewählt, denn jede Schule steht vor ihren eigenen Herausforderungen. Die Schüler, die Schulen, das Umfeld sind verschieden. Verschieden können und müssen darum auch die Wege zur guten Schule sein. Doch ein Erfolgsgeheimnis teilen alle guten Schulen: Sie alle haben engagierte Schulleiter und eine Lehrerschaft, die von der Aufgabe beseelt ist, Kindern das zu geben, was sie - frei nach Goethe - brauchen: Wurzeln und Flügel.

Auch wenn jede Schule etwas Besonderes ist, so können und sollen Schulen doch voneinander lernen. Auch das fördert der "Deutsche Schulpreis": Die prämierten Schulen werden jedes Jahr zu einer "Akademie für Schulentwicklung" eingeladen. So wird - Jahr um Jahr - ein Netzwerk von Schulen wachsen, die ausgezeichnete Vermittler sind: von Bildung für ihre Schüler, von Praxiserfahrung für andere Schulen.

Mit dem Deutschen Schulpreis und der Akademie wollen die Heidehof-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung nachhaltige Verbesserungen im Bildungswesen unterstützen. Dafür möchte ich den beiden Stiftungen meinen Dank aussprechen. Ihr Engagement zeigt einmal mehr, wie viele wichtige Impulse gerade von den Stiftungen für das Thema "Bildung in Deutschland" ausgehen. Sie loben nicht nur Wettbewerbe aus, geben Studien in Auftrag und stoßen Modellprojekte an. Sie unterstützen auch die tägliche Arbeit von Schulen und anderen Bildungsträgern, vergeben Stipendien, fördern sozial benachteiligte Jugendliche ebenso wie Hochbegabte. All das zeigt, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement für die Bildung der heranwachsenden Generation ist.

Von Robert Bosch ist überliefert, er habe in seiner Jugend keine Freude an der Schule gehabt. Und doch hat er später, als erfolgreicher Unternehmer, mit einer seiner ersten größeren Spenden den Bau eines neuen Schulgebäudes in Albeck ermöglicht - dem Ort, an dem er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte. Das Engagement der Bosch-Familie für gute Schule hat also lange Tradition und ich bin überzeugt, die Idee des Deutschen Schulpreises hätte dem alten Bosch gut gefallen. Er war an neuen Entwicklungen und Erfindungen stets interessiert. Und um die ständige Weiterentwicklung von Schule, um das Finden neuer Wege zu anderer, zu besserer Bildung geht es auch beim Deutschen Schulpreis.

Welche Schule dabei am erfolgreichsten war? Wer seinen Sitzplatz gegen einen geflügelten Stuhl eintauschen und "beschwingt" nach Hause fahren wird? - In einer Stunde wissen wir mehr.