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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Verleihung des Medienpreises Entwicklungspolitik 2006

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Berlin, 11. Dezember 2006 Foto: Christian Thiel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Christian Thiel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Neulich war vom Phänomen des sogenannten drei-dreißig Intellektuellen die Rede. Dieser müsse es fertig bringen, in dreieinhalb Minuten zu allen möglichen Themen ein Interview zu geben. Für die Beiträge der heutigen Preisträger muss man sich etwas mehr Zeit nehmen. Das ist gut so. Dreieinhalb Minuten sind schon wenig Zeit für Themen, die einem geläufig erscheinen. Sie sind aber nicht ausreichend, um die komplexen Zusammenhänge der Entwicklungspolitik zu verstehen. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell hat einmal geschrieben, dass wir "heute in den Massenmedien alles darüber lernen, wie Afrikaner sterben, aber nichts darüber, wie sie leben". Ich ermutige daher die Medien, sehr viel stärker als bisher bei ihrer Berichterstattung über Entwicklungspolitik auch längeren Beiträgen den notwendigen Platz einzuräumen, damit die Leser mehr und differenzierter über das Leben der Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika erfahren.

Die Beiträge der diesjährigen Preisträger decken eine Vielzahl von Themenbereichen ab. Dabei zeigen sie auf sehr eindringliche Art die menschlichen Dimensionen der Globalisierung. Manchmal geben sie Antworten, manchmal hinterlassen sie offene Fragen. Aber sie tragen zu einem dringend notwendigen besseren Verständnis der Zusammenhänge bei. Dafür gebührt Ihnen Dank und auch Respekt.

Ich möchte über zwei der vielen Aspekte sprechen, die in den Beiträgen angeschnitten werden. Zum Einen: In der Globalisierung steckt ein großes Potential für Wohlstandsgewinne für alle. Die prominentesten Beispiele für erfolgreiches Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung sind China und Indien; aber auch kleinere Volkswirtschaften wie Vietnam zeigen beachtliche Erfolge. In manchen Ländern der Welt hat sich die Lage aber nicht nennenswert verbessert; in einigen Ländern Afrikas nimmt die Armut sogar wieder zu. Eine Globalisierung, die die Gegensätze zwischen Arm und Reich sowohl in den einzelnen Ländern als auch international verschärft, ist nicht akzeptabel. Hoffnungslosigkeit ist einer der Gründe für Gewalt. Daher brauchen wir unbedingt bessere internationale Regeln zur Gestaltung der Globalisierung, das heißt einer Globalisierung, die für alle Völker von Nutzen ist.

Uns in Deutschland muss bewusst sein, dass es Milliarden von Menschen schlechter geht als uns und dass sie jetzt mit Ideen und Fleiß um ihren Anteil am weltweiten Wohlstand konkurrieren. Protektionismus in Europa würde neue Ungerechtigkeit schaffen und uns am Ende selber schaden.

Lassen Sie mich zum zweiten Punkt kommen: Viele Kurzberichte stellen Menschen in Entwicklungsländern größtenteils als Opfer dar. Auch hier unterscheiden sich die Berichte der Preisträger wohltuend. Sie beschönigen nichts. Aber sie zeigen Menschen, die ihr eigenes Schicksal auf sehr kreative und unterschiedliche Weise in die Hand nehmen. Ich wünschte mir, davon würde man öfter hören. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Entwicklungszusammenarbeit eine Mentalität der Abhängigkeit fördert. Ohne Eigenverantwortung und Eigeninitiative kann sich die Lage nicht verbessern.

Ich weiß dabei aus persönlicher Erfahrung, dass manche Eigeninitiativen den Ratschlägen von außen zuwiderlaufen. Wir sind gut beraten, hier zuzuhören, anstatt nur mit eigenen Konzepten einzufliegen. Die Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern müssen Wege gehen können, die neue Ideen mit den eigenen Kulturen und Traditionen verknüpfen.

Ein hervorragendes Beispiel für diese Verknüpfung ist das Wirken des diesjährigen Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus. Vor dreißig Jahren gründete er die Grameen Bank für Mikrokredite. Heute vergibt die Bank hunderte von Millionen Dollar an Krediten und operiert in 60.000 Dörfern. Er ermutigt auch andere, trotz der oft sehr schwierigen Startbedingungen ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Bei meinen Besuchen habe ich mich mit Frauen und Männern unterhalten, die Kleinstkredite bekommen haben. Sie haben mir stolz und selbstbewusst von ihren wirtschaftlichen Erfolgen erzählt. Wir können hier Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Dies gilt nicht nur für die staatliche Entwicklungszusammenarbeit, sondern auch für die vielen privaten Initiativen, die sich für eine Verbesserung der Lebensumstände einsetzen.

Wir alle sind auf fundierte Informationen zu den Zusammenhängen der Entwicklungspolitik angewiesen. Daher ist der Medienpreis Entwicklungspolitik des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung so wichtig. Er ist Anerkennung, gewiss aber auch Ansporn für die Preisträger. Ich würde mich freuen, mehr von ihnen zu lesen, und hoffe, dass die Chefredakteure mitspielen. Entwicklungspolitik geht uns alle an.

Ich gratuliere den Preisträgern noch einmal herzlich zu ihren Beiträgen.