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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Mittagessen zu Ehren von Otto Graf Lambsdorff aus Anlass seines 80. Geburtstages

Gruppenbild: Alexandra Gräfin Lambsdorff, Bundespräsident Horst Köhler, Otto Graf Lambsdorff und Eva Luise Köhler Berlin, 2. Februar 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Seien Sie alle noch einmal herzlich willkommen in Schloss Bellevue.

Lieber Graf Lambsdorff, Ihnen wird das Zitat zugeschrieben: "Nach meiner Überzeugung wirken wir alle am besten, wenn wir arbeiten - nicht wenn wir reden." Das ist ein Grundsatz, den Ausnahmen bestätigen. Erstens kann Reden Schwerstarbeit sein, zweitens haben viele Ihrer Reden bewiesen, wie fruchtbringend es sich auch durch Worte wirken lässt, und drittens gehört zu einem festlichen und fröhlichen Miteinander wie dem unseren eine Preisrede auf den Jubilar zwingend dazu.

Sie, sehr geehrter Graf Lambsdorff, gehören der Generation an, die unser vom Krieg verwüstetes Land wieder aufgebaut und die Bundesrepublik politisch auf einen guten Weg gebracht hat. Bei Kriegsende waren Sie 18 Jahre alt, hatten als Soldat ein Bein verloren und waren kriegsgefangen. Manche zerbrechen unter solchen Schicksalsschlägen, und das ist nicht verwunderlich. Sie dagegen waren entschlossen, persönlich keine Zeit zu verlieren und politisch dafür zu arbeiten, dass sich eine solche Tragödie in Deutschland nie mehr wiederholt.

Innerhalb weniger Jahre machten Sie das Abitur nach, studierten, promovierten und begannen eine erfolgreiche Karriere in der Wirtschaft. Heute wird oft darüber geklagt, dass viele erfolgreiche Führungskräfte aus der Wirtschaft den Sprung in die Politik scheuen. Sie, lieber Graf Lambsdorff, besaßen den Mut zu einem solchen Wechsel: Sie hatten klare Überzeugungen und Sie wollten politisch gestalten. Das war - und ist bis heute - der tiefere Grund Ihres politischen Engagements.

1976 übernahmen Sie das Wirtschaftsministerium von Hans Friderichs. Dort haben sich unsere Wege zum ersten Mal gekreuzt. Im Telefonverzeichnis des BMWi aus dem Jahr 1978 findet man unter "L" Minister Graf Lambsdorff und unter "K" den Referenten Horst Köhler aus der Grundsatzabteilung. Lieber Graf Lambsdorff, ich darf sagen: Wir waren damals stolz darauf, die Grundsatzabteilung eines Ministers zu sein, dem man abnahm, dass er selber Grundsätze hatte. Wir haben Ihre Gradlinigkeit bewundert.

Und wenn es galt, das als richtig Erkannte dann auch umzusetzen, gingen Sie keinem Konflikt aus dem Weg. Sie selbst haben es einmal so ausgedrückt: "Ich weiß, dass ich einigen von Ihnen mit meinen Reden Verdruss bereitet habe - Sie dürfen sicher sein, das war meine Absicht."

Wirtschaftspolitik bedeutete für Sie immer und zuerst auch Ordnungspolitik. Sie wurden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Freiheit, Eigeninitiative und Wettbewerb die unverzichtbaren Voraussetzungen für das Funktionieren unseres Wirtschafts- und Sozialsystems sind.

Als Sie vor einigen Jahren nach Ihrem größten wirtschaftspolitischen Erfolg gefragt wurden, antworteten Sie: "Ich habe dazu beigetragen, das Bewusstsein für marktwirtschaftliche Politik in Deutschland am Leben zu erhalten." Nicht umsonst haben Sie sich den Ruf des "Markt-Grafen" erworben, der sich gegen jede Form von Protektionismus, gegen ein Übermaß an Staatseingriffen und gegen zu lockere Haushaltspolitik aussprach.

Die ordnungspolitische Gradlinigkeit spiegelt sich auch in dem nach Ihnen benannten "Lambsdorff-Papier" von 1982 wider. Mit diesem Papier legten Sie die zentralen Differenzen der damaligen sozialliberalen Koalition offen und leiteten so letztlich den Regierungswechsel in Bonn ein.

Einer der Kernsätze Ihres Papiers lautete: "Wichtig ist aber, dass die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als politische Aufgabe Nummer Eins in den nächsten Jahren allgemein anerkannt wird und das daraus die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen werden". Auch wenn im Moment eine Verbesserung am Arbeitsmarkt zu beobachten ist, die uns alle hoffnungsvoll stimmt, hat Ihre damalige Aussage nach 25 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren. Wir dürfen daher in unseren Re-formanstrengungen nicht nachlassen. Wenn wir allen Menschen unserer Gesellschaft echte Teilhabemöglichkeiten eröffnen wollen, müssen wir uns vor allem den zentralen Herausforderungen bei Bildung und Integration zuwenden. Dies verlangt in vielen Politikbereichen größere Anstrengungen und den Mut zu Prioritäten.

Auch Ihre Warnung vor einer "Krise des politischen Systems im Falle sich verschärfender Wachstums- und Beschäftigungsprobleme" müssen wir weiterhin ernst nehmen. Das zeigen die zunehmende Politikverdrossenheit und die Abwanderung von Menschen, die sich allein gelassen fühlen, zu extremistischen Parteien und Grüppchen.

Lieber Graf Lambsdorff, für Sie ist die Freiheit der Märkte untrennbar mit der Freiheit der Menschen verbunden. Die Freiheit der Wirtschaft hat der Freiheit der Menschen zu dienen. Und umgekehrt ist wirtschaftlicher Erfolg langfristig nur dann möglich, wenn auch die Freiheit und die elementaren Grundrechte der Menschen respektiert werden. Ihr Eintreten für diese Grundsätze war stets kompromisslos. So waren Sie nie bereit, zu Menschenrechtsverletzungen zu schweigen, nur weil dies vielleicht gerade wirtschaftlich opportun gewesen wäre.

Diese mutige und menschliche Haltung hat Ihnen weltweit großen Respekt eingebracht. Der Dalai Lama, der zu Ihren Freunden zählt, hat Ihnen 2005 dafür die höchste Auszeichnung Tibets, den Preis "Licht der Wahrheit" verliehen.

Zum Wesen der Freiheit gehört es auch, dass sie den Menschen nicht vor Fehlern schützt. 1982 wurde Ihre politische Laufbahn durch eine Affäre überschattet, die zu Ihrem Rücktritt vom Amt des Bundeswirtschaftsministers führte und die ein langwieriges juristisches Nachspiel hatte. Es ist damals viel geschrieben und geredet worden über Sie. Manches davon mag man heute mit einer Sentenz von Lichtenberg abtun: "Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen." Inzwischen ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen. In dieser Zeit haben Sie weiter gezeigt, dass es Ihnen ernst ist mit dem Dienst an unserem Land und an Ihren Idealen. Und diese Verdienste sind bleibend.

Die wohl schwierigste Aufgabe Ihrer Karriere nahmen Sie nach Ihrem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag an. 1999 wurden Sie gebeten, für die deutsche Seite die Leitung der Verhandlungen über die Entschädigung der Zwangsarbeiter zu übernehmen, die während des Dritten Reiches unter menschenunwürdigen Bedingungen Sklavenarbeit für deutsche Firmen und Einrichtungen verrichten mussten. Es ist ein Glück für unser Land, dass Sie zur Übernahme dieser sensiblen Aufgabe bereit waren. Niemand vereint besser als Sie die Eigenschaften in sich, die bei dieser schwierigen Mission erforderlich waren: den politischen Überblick, die juristischen Kenntnisse, den guten Draht zur Wirtschaft, das Einfühlungsvermögen in die Situation der Opfer und schließlich den langen Atem, der nötig war, um die schwierigen Verhandlungen zu einem guten Abschluss zu bringen.

Sie haben mit Ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag dafür geleistet, dass Deutschland seine moralische und historische Verantwortung gegenüber diesen Menschen angenommen hat. Mein Vorgänger im Amt, Johannes Rau, hat Sie dafür mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Und auch ich möchte Ihnen an dieser Stelle nochmals dafür danken.

In Ihrem Wirken haben Sie Spuren hinterlassen. Der Weg, der hinter Ihnen liegt und auf den wir heute gemeinsam zurückblicken können, ist lang. Es gab viele wichtige Wegmarken, die ich heute nicht genannt habe. Und es gab viele Weggefährten, die Sie auf Ihrem Weg ein Stück begleitet haben und auf deren Rat und Unterstützung Sie sich immer verlassen konnten. Einige Jugendfreundschaften haben bis heute überdauert. Hieran haben auch die "Zöglingstreffen" der von Ihnen besuchten Ritterakademie ihren Anteil.

Gern erinnere ich mich auch an unseren gemeinsamen Besuch des Brandenburger Doms. Es ist Ihrem und dem Einsatz Ihrer Mitstreiter zu danken, dass der Brandenburger Dom heute wieder eine sichere Zukunft hat.

Lieber Graf Lambsdorff, Sie haben Ihre Kraft auch immer aus Ihrer Familie schöpfen können. Meine Frau und ich freuen uns besonders, Ihre Frau und Ihre Kinder zu Gast zu haben. Die Karrieren Ihrer Kinder wären eigene Reden wert, und es ist erstaunlich, wie sich in den Berufen Ihrer Kinder auch große Themen Ihres Lebens wieder finden: Die juristische Neigung, der unternehmerische Geist, die Weltläufigkeit und das Engagement für Benachteiligte. Sie können stolz sein auf Ihre Kinder und Ihre Kinder können stolz sein auf Sie.

Liebe Gäste, erheben Sie nun gemeinsam mit mir das Glas auf unseren Ehrengast: Otto Graf Lambsdorff - ad multos annos!