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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Besuchs der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult, dahinter eine holzvertäfelte Wand mit Gemälden und einer weißen Büste Heidelberg, 7. Februar 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Wer diesen erhabenen Raum mit seinen wunderbaren Holzvertäfelungen betritt, der spürt sofort, welchen einzigartigen Wert die Alte Aula für die Universität hat. Die Hochschule für Jüdische Studien besitzt keinen imposanten Bau - noch nicht jedenfalls. Und doch weiß jeder, der sie kennt: Die Universität Heidelberg ist zu Recht auch stolz auf sie und weiß ihren einzigartigen Wert zu schätzen.

Die Hochschule für Jüdische Studien ist eine Institution, an der nun schon seit fast dreißig Jahren jüdisches Leben und Denken bewahrt, gepflegt und entfaltet wird, an der sich Lehrkräfte und Studenten den Texten der Hebräischen Bibel und des Talmuds widmen, an der die Geschichte des jüdischen Volkes, seiner Philosophie und seiner Kunst gelehrt wird.

Sehr geehrter Herr Professor Hommelhoff, ich danke Ihnen, dass Sie die Chancen nutzen, die die Hochschule für Jüdische Studien bietet, und mit ihr hervorragend kooperieren. Sie schmückt Ihre Universität. Sie schmückt, Herr Oberbürgermeister, auch Ihre Stadt. Sie schmückt Baden-Württemberg, sehr geehrter Herr Minister. Ich bin für unser ganzes Land froh, dass wir eine solche Einrichtung wieder in unserer Mitte haben.

Ich sage bewusst "wieder". Denn bei jedem Schritt durch die Räume der Hochschule für Jüdische Studien schwingen auch Trauer und Schmerz mit. Das, was ist, vermittelt zugleich einen Eindruck davon, was war und was unter der Herrschaft der Nationalsozialisten vernichtet wurde. Millionen Menschen jüdischer Herkunft wurden damals entwürdigt, entrechtet, enteignet, vertrieben und ermordet. Das Grauen kannte keine Grenzen. Eine Religion, ja eine ganze Kultur sollte erlöschen. Und die meisten merkten nicht einmal, dass man sich der eigenen Wurzeln beraubte, der Basis der jüdisch-christlichen Tradition, in der wir stehen. Daran muss immer wieder erinnert werden - gerade auch hier in der Universität Heidelberg, die einst den "lebendigen Geist" durch den "deutschen Geist" meinte ersetzen zu müssen.

1945 konnte sich kaum einer der Überlebenden vorstellen, das Trümmerfeld, das zurückblieb, neu zu bestellen. An eine neue Hochschule für Jüdische Studien war wohl nicht zu denken.

Und doch wurzelten nach und nach neue Triebe im Boden. 1979 gründete der Zentralrat der Juden in Deutschland die Hochschule für Jüdische Studien. Der Ausbildungsbetrieb begann, wenn auch immer wieder neue Hürden genommen werden mussten. Als Sie, Herr Professor Bodenheimer, vor einem guten Jahr ihre Antrittsvorlesung hielten, waren alle froh, dass endlich wieder ein Leiter jüdischen Glaubens für die Institution gefunden worden war. Und ich habe mich gefreut, dass Sie selbst die Aufgabe mit Begeisterung annehmen. Heute nun sind alle Lehrstühle besetzt, so dass Sie, liebe Studierende, die gesamte Breite des Lehrangebots nutzen können.

Ihre Fähigkeiten sind gefragt: Die jüdischen Gemeinden bewältigen den Zustrom Zehntausender neuer Mitglieder aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Dazu braucht es Menschen, die qualifiziert und kompetent über ihren Glauben Auskunft geben können. Es liegt in unser aller Interesse, dass dieses Bedürfnis auch befriedigt werden kann. Ich wünsche mir deshalb, dass alle jüdischen Institutionen und die öffentlichen wie die privaten Förderer Hand in Hand arbeiten. Mein Besuch hier gilt allen, die sich mit darum mühen, dass den wachsenden Gemeinden gut ausgebildeter theologischer Nachwuchs zu Verfügung steht. Denn dass sie wachsen, ist ein Segen für unser Land. Zwar bleibt vieles aus der Zeit vor 1933 unwiederbringlich verloren, aber es gibt einen hoffnungsvollen Neuanfang.

Das Interesse am Judentum - an der Religion, an der Kultur - ist groß in unserem Land und es geht weit über die Begeisterung für Klezmer-Musik hinaus. Die neue Synagoge in München kann den Besucheransturm kaum bewältigen. Das Jüdische Museum in Berlin findet viel Anklang. Und unter Ihnen, liebe Studierende, sind viele Nichtjuden, die aus Interesse das Fach Jüdische Studien gewählt haben. Das finde ich sehr schön.

Der Austausch, der dadurch stattfindet, ist wichtig. Denn wer eine Synagoge oder ein jüdisches Museum besucht, wer jüdische Schriftsteller, Theologen und Philosophen liest, der entdeckt viel Bekanntes. Das Fremde verliert seine trennende Kraft. Vorbehalte werden entkräftet. Ein Dialog beginnt.

Machen wir uns nichts vor: Die Träume von einer stärkeren Unbefangenheit jüdischen Lebens in Deutschland stoßen sich auch heute an einer Wirklichkeit, in der es offenen und latenten Antisemitismus gibt. Sind die Anständigen in unserem Land wachsam genug? - Das mag sich manch einer fragen: angesichts persönlicher Beleidigungen, Hakenkreuzschmiere­reien auf jüdischen Friedhö­fen und angesichts der traurigen Notwendigkeit, jüdische Einrichtungen und Gotteshäuser durch die Polizei schützen zu müssen.

Wachsam sein heißt: Die Missstände beim Namen zu nennen, klare Grenzen zu ziehen, aufzuklären und zu vermitteln. Viele Bürger handeln bereits danach. Aber: Ich denke, es muss noch mehr geschehen. Und jeder, wirklich jeder Einzelne, ist aufgefordert, das Seine für ein friedliches und tolerantes Miteinander beizutragen und dort einzuschreiten, wo alte und neue Reflexe von Rassismus und Antisemitismus sichtbar werden.

Gerade Menschen, die Vorbild sein können für junge Leute, sollten scharf nachdenken, wessen Gedanken sie vertreten. Der Umgang mit der Vergangenheit ist all zu oft noch von Unüberlegtheit und Unachtsamkeit geprägt.

Bewusstsein für die Vergangenheit und entsprechende Wachsamkeit heute ist Voraussetzung dafür, dass sich etwas verändert. Wahres Engagement entsteht, wenn jemand sich etwas zu Herzen nimmt und handelt. Das gilt für die Arbeit an den Schulen und in den Gemeinden, für konkrete Aktionen und symbolische Gesten. Leere, formelhafte Bekenntnisse bringen uns nicht weiter.

Deshalb plädiere ich auch vehement für Ehrlichkeit. Wir müssen genau wissen, wo wir in der Aufarbeitung der Vergangenheit und im Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenhass stehen. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat einmal geschrieben: "Aufgeregter Alarmismus, der unentwegt vermutet, die Situation sei so ernst wie nie zuvor und der überall Judenfeindschaft argwöhnt, steht dem Verständnis des Phänomens ebenso im Wege wie die selbstzufriedene Gewissheit, Antisemitismus sei den Deutschen fremd, und das, was Juden ängstige, entspringe deren Einbildungskraft oder Überempfindlichkeit."

Damit bin ich wieder bei der Wissenschaft. Um einschätzen zu können, wo wir stehen und was die nächste Zeit uns bringen könnte, brauchen wir kompetente Analysen. Um aufzuklären, zu vermitteln, bedarf es kluger Köpfe, die tief in ihr Metier eindringen und ihr Wissen weitergeben. Bildung ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft. Und sie ist der Schlüssel, um hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Aber wem sage ich das! Für Studierende der Jüdischen Studien ist der Wert der Bildung selbstverständlich. Sie werden das Zitat aus dem Talmud kennen: "Sobald der Knabe zu sprechen beginnt, spricht sein Vater mit ihm in der heiligen Sprache und lehrt ihn die Tora. Spricht er nicht mit ihm in der heiligen Sprache und lehrt er ihn nicht Tora, so ist es, als ob er ihn begraben würde."

Nun zeigen die Professorinnen und Studentinnen hier im Saal: Die Zeiten ändern sich. Aber die Essenz der Aussage bleibt aktuell wie eh und je.

Sehr geehrter Herr Professor Korn, meine Damen und Herren, der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich mit der Hochschule für Jüdische Studien hohe Ziele gesetzt. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sie verwirklichen können: zum Wohl aller Juden in unserem Land und zum Wohl aller Menschen, die in Deutschland leben.

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