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Vorbereitung auf Europa - Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Besuch des Europäischen Gymnasiums in Waldenburg

Der Bundespräsident und Frau Köhler sitzen mit Schülern in einem Klassenraum. Waldenburg/Sachsen, 17. April 2007 Foto: Guido Bergmann, BPA © Foto: Guido Bergmann, BPA

Vielen Dank für den eindrucksvollen Vormittag. Ich habe heute hier in der Schule viel Gutes gesehen. Dazu gehört das gute Schulklima, auf das mich vor allem die Schüler hingewiesen haben, und zu dem Schüler und Lehrer gemeinsam beitragen.

Den Lehrerinnen und Lehrern dieser Schule gelten mein Lob und meine Anerkennung. Das sage ich nicht nur so dahin. Ich habe die Schülerinnen und Schüler gefragt, ob Sie dieses Lob auch verdient haben. Und die Schüler haben mir bestätigt, dass Sie, die Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule, Großartiges leisten: Sie sind für die Schülerinnen und Schüler immer ansprechbar. Sie nehmen sich auch außerhalb des Unterrichts Zeit für ihre Schüler. Und sie bestärken sie darin, eigene Wege zu gehen.

Das Attribut "Europäisch" führt dieses Gymnasium nicht umsonst in seinem Namen: Das Erlernen europäischer Sprachen, das Erleben europäischer Räume, die Begegnung mit Menschen und Ideen aus allen Teilen unseres Kontinents sind fest im Schulalltag verankert. Das gefällt mir. Denn Europa ist mehr als ein Konstrukt aus Verträgen und Verordnungen, ist mehr als Politik und Wirtschaft. Europa - das ist und bleibt 50 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge eine große Idee des Friedens und der Partnerschaft. Diese Idee muss von Menschen getragen, von Menschen verwirklicht werden. Hier in Waldenburg werden junge Menschen auf ein Leben in und für Europa vorbereitet. Und sie lernen dabei auch, dass Europa keine Insel ist - für diese Außenperspektive sorgen schon die vielen Mitschüler aus Asien.

Zu Europa gehört das gemeinsame kulturelle Erbe. Im Unterricht am Europäischen Gymnasium Waldenburg und in der Kooperation mit der Jugendkunstschule hat deshalb die musische und künstlerische Erziehung ihren festen Platz - einige der Arbeiten konnte ich mir ansehen. Die jungen Musiker haben ihr Können eben eindrucksvoll bewiesen: Was Ihr leistet, das kann sich sehen und hören lassen!

Das Europäische Gymnasium in Waldenburg gehört zu der dynamisch wachsenden Zahl der Privatschulen in Deutschland. Was macht die Attraktivität von Privatschulen aus? An erster Stelle ist es sicherlich ihr eigenständiges pädagogisches Profil. Oft - und davon konnte ich mich heute bei Ihnen überzeugen - gehen Privatschulen neue pädagogische Wege und entwickeln innovative Bildungsangebote. Die individuelle Förderung von besonders begabten, aber auch von schwächeren Schülern ist vielen Privatschulen ein besonderes Anliegen. Dass diese individuelle Förderung hier am Europäischen Gymnasium in Waldenburg gelingt, haben die Schülerinnen und Schüler, mit denen ich heute sprechen konnte, mehrfach selbst betont.

Gute Privatschulen wie hier in Waldenburg sind ein Gewinn für das Bildungssystem. Sie leisten einen Beitrag zur Vielfalt unserer Bildungslandschaft und ermöglichen einen fruchtbaren Wettbewerb um die besten Konzepte: einen Wettbewerb, von dem vor allem unsere Kinder profitieren und bei dem alle Beteiligten voneinander lernen können - und lernen sollen.

Der Schlüssel zum Erfolg privater Schulen ist die enge Zusammenarbeit von Trägern, Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern und den Schulförderern - zu denen immer auch die öffentliche Hand gehört und gehören muss.
Privatschulen wie das Europäische Gymnasium in Waldenburg sind ein Beleg dafür, dass Eltern bereit sind, sich in besonderer Weise für den Bildungsweg ihrer Kinder einzusetzen; dass sie sich um das für das einzelne Kind passende und beste Bildungsangebot bemühen; und dass sie sich gute Bildung etwas kosten lassen. Damit meine ich nicht nur das Schulgeld, sondern auch den persönlichen Einsatz, das Engagement und die Zeit, die viele Eltern aufbringen, um die Schule bei ihren Aufgaben zu unterstützen. Diese Unterstützung durch die Eltern brauchen wir - und das nicht an Privatschulen allein.

Die wachsende Zahl der Privatschulen ist erfreulich - aber diese Entwicklung wirft auch Fragen auf: zum Beispiel wenn private Schulen nicht neben staatliche Schulen treten, was dem Wettbewerb um gute Schule durchaus gut tut, sondern an ihre Stelle treten. Trotz der Sparzwänge der öffentlichen Kassen, trotz des Anpassungsdrucks, den der demographische Wandel mit sich bringt, muss die Frage erlaubt sein: Wie weit darf sich der Staat aus seiner bildungspolitischen Verantwor-tung zurückziehen? Welche Leistungen muss er erbringen? Welche Anstrengungen darf man von Eltern und Schülern erwarten - zum Beispiel bei den täglich zu bewältigenden Schulwegen?

Problematisch ist der Trend zur Privatschule, wenn die Schulwahl weniger vom pädagogischen Profil der Schule als vom Prestigedenken der Eltern bestimmt wird. Wenn Eltern glauben, Qualität sei eine Frage des Preises und nur was etwas kostet, könne auch gut sein. Oder gar, wenn manch einer hofft, das eigene Kind werde sich an einer Privatschule in "besserer" Gesellschaft befinden.

Privatschulen als Ausdruck bildungspolitischer Vielfalt bereichern die Schullandschaft. Privatschulen als Fluchtraum aus dem staatlichen Schulwesen - das wäre eine Entwicklung, die unsere Gesellschaft in eine Sackgasse führen würde.

Das Europäische Gymnasium in Waldenburg habe ich heute nicht als einen solchen Fluchtraum, sondern als einen Ort vielseitiger und attraktiver Bildungsangebote erlebt. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass den Schülerinnen und Schülern ein interessantes und anregendes Umfeld für ihre Entwicklung geboten wird. Die Schülerinnen und Schüler haben das bestätigt. Hier in Waldenburg versteht man, warum es viele gute Gründe für Privatschulen gibt. Darüber freue ich mich. Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement, das diesen Erfolg jeden Tag aufs Neue ermöglicht. Dem Europäischen Gymnasium Waldenburg wünsche ich weiterhin eine gute Entwicklung und seinen Schülerinnen und Schülern viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg. Machen Sie weiter so!

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