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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des Staatsbanketts zu Ehren I.I.E.E. der Präsidentin der Republik Finnland, Frau Tarja Halonen, und Herrn Dr. Pentti Arajärvi

Blick in den Großen Saal mit runden Tischen und Gästen, der Bundespräsident steht am Rednerpult Berlin, 3. Mai 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Meine Frau und ich heißen Sie, Frau Präsidentin, Ihren Mann und Ihre Delegation in Deutschland ganz herzlich willkommen.

Sehr gerne denken wir an unseren Besuch in Finnland vor zwei Jahren zurück. Die zahlreichen Gespräche, die wir damals und seitdem geführt haben - zu zweit hier in Berlin und auch im Kreise europäischer Kollegen, wie im letzten Jahr in Dresden und noch im vergangenen Monat in Riga, haben mich stets bereichert.

Ihr Staatsbesuch in Deutschland bedeutet mir viel: aus persönlicher Verbundenheit und auch deshalb, weil Finnland und Deutschland traditionell gute Partner sind. Und seit Finnland Mitglied der Europäischen Union ist, sind unsere Beziehungen besonders intensiv.

Viele meiner Landsleute schätzen Finnland außerordentlich: Nicht nur wegen seiner unvergleichlichen und ursprünglichen Natur, sondern vor allem auch wegen der herausragenden Leistungen, die die Bürgerinnen und Bürger Ihres Landes auf vielen Gebieten hervorgebracht haben, sehen wir voller Respekt nach Finnland.

Finnland hat einen unverwechselbaren Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte geleistet: Ich denke beispielsweise an die Werke des großen Komponisten Jean Sibelius, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt und der seinem Heimatland mit der sinfonischen Dichtung "Finlandia" ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Oder an die Filme der Brüder Kaurismäki, die auch bei uns in Deutschland ein treues Publikum gefunden haben. Oder nehmen Sie die Bauwerke, die Architekten wie Alvar Aalto in der ganzen Welt und auch bei uns in Deutschland errichtet haben. Vielleicht sind die Gebäude von Alvar Aalto ja auch eine Antwort auf den deutschen Architekten Carl Ludwig Engel, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das klassizistische Gesicht Helsinkis und zahlreicher anderer finnischer Städte mit seinen Bauwerken maßgeblich geprägt hat.

Nicht nur die Sportbegeisterten erinnern sich noch an die packenden Zweikämpfe von Mika Häkkinen und Michael Schumacher in der Formel 1, die Mika Häkkinen auf McLaren-Mercedes zweimal für sich entschied: ein weiteres gelungenes Beispiel deutsch-finnischer Zusammenarbeit.

Bei uns Deutschen genießt Finnland hohe Wertschätzung. Das mag nicht zuletzt auch damit zu tun haben, dass viele von uns jeden Tag ein kleines Stück Finnland in der Hand halten, wenn sie zu ihrem Mobiltelefon greifen.

Frau Präsidentin, zu dem ausgezeichneten Ruf Ihres Landes trägt vor allem sein erfolgreiches Bildungssystem bei. Das stellt Finnland immer wieder eindrucksvoll in der internationalen Bildungsvergleichsstudie PISA unter Beweis. Heute ist Finnland das Ziel zahlreicher Besuche von Bildungspolitikern und Wissenschaftlern aus Deutschland. Vor allem bei der schulischen Bildung von Kindern und Jugendlichen, aber auch hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen können wir viel von Finnland lernen: In keinem anderen Land der Erde werden - gemessen an der Bevölkerungszahl - so viele junge Menschen in mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Fächern ausgebildet wie in Finnland. Ich mache mir Sorgen über die Entwicklung in Deutschland in der Hochschulbildung. Zwar ist es richtig, die geisteswissenschaftlichen Fächer nicht zu vernachlässigen. Doch müssen wir feststellen, dass derzeit auch deshalb keine neuen Arbeitsplätze in Deutschland entstehen, weil es nicht genügend junge Ingenieure gibt. Die gute naturwissenschaftliche Ausbildung in Finnland zahlt sich aus: Finnland hat gerade auch im technologischen Wettbewerb der Nationen einen guten Namen. Und fast schon legendär ist die Geschichte jenes finnischen Papier- und Reifenherstellers, der heute der bei weitem größte Mobiltelefonhersteller der Welt ist. Dieses Beispiel zeigt übrigens, wie man sich durch kluge und rechtzeitige Anpassung der Geschäftspolitik erfolgreich in der Globalisierung behaupten kann.

Bei unserem kürzlichen Treffen in Riga haben Sie, Frau Präsidentin, betont, welch hohen Stellenwert Ihr Land der Grundbildung der Kinder einräumt. Sie haben hinzugefügt, dass sich jeder ein Leben lang um seine Fort-Bildung - im wahrsten Sinne des Wortes - bemühen muss. Der hohe Standard in Bildung und Ausbildung in Ihrem Land war sicher auch ein Grund dafür, dass Ihr Land die tief reichenden wirtschaftlichen Strukturverwerfungen nach dem Zusammenbruch des Comecon so glänzend bewältigt hat. Das war schon atemberaubend, wie schnell und gut diese Phase von Ihrem Land durchgestanden wurde. Für mich ist dies ein lehrreiches Beispiel dafür, was geschulter Geist, Eigenverantwortung und Lernbereitschaft zusammen bewirken können.

Auch bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist Finnland Pionier und Vorbild: Schon 1906 erhielten die finnischen Frauen als erste in Europa das allgemeine und gleiche aktive und passive Wahlrecht. Und gleich bei der ersten Parlamentswahl zogen 19 Frauen in das finnische Parlament ein. Auch heute noch gilt Finnland als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt, wenn es um die Gleichberechtigung geht. Im neuen finnischen Kabinett sind von 20 Ministerposten 12 von Frauen besetzt!

Ihr Land hat zu Beginn dieses Jahres den Staffelstab der Präsidentschaft in der Europäischen Union an uns weitergegeben. Finnland hat mit einer sehr erfolgreichen Präsidentschaft die Union ein gutes Stück vorangebracht und darauf können Sie und Ihr Land mit Recht stolz sein. Finnland hat sich in seiner Präsidentschaft von der Überzeugung leiten lassen, dass nur konkrete Lösungen, von denen die Bürgerinnen und Bürger profitieren, Europa die nötige Legitimität verleihen, die es für große Entscheidungen wie die über eine erneuerte gemeinsame Grundlage für die Europäische Union benötigt. Unser Dank gilt der finnischen Unterstützung für das Vorhaben der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, diese Grundlage ein bedeutendes Stück voranzubringen. Finnland hat das bürgernahe Europa gefördert. Bedeutende Schritte zum Bürokratieabbau wurden in der finnischen Präsidentschaft unternommen. Finnland hat für mehr Transparenz gesorgt und fast alle gesetzgebenden Tagungen des Ministerrats öffentlich abgehalten. Mit der Verabschiedung des 7. Forschungsrahmenprogramms und der Entwicklung einer umfassenden Innovationspolitik wurden wichtige Weichen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas gestellt. Außenpolitisch ist es Finnland gelungen, dass Europa in zwei wichtigen Fragen schließlich doch mit einer Stimme sprach: in der Libanon-Krise im Sommer 2006 und in der Frage, wie Europa seine Beziehungen zu Russland gestaltet. Ihre lange Erfahrung mit dem Nachbarn Russland, mit dem Sie in schwierigsten Zeiten intelligent und pragmatisch, vor allem aber unbeirrbar, umgegangen sind, ist hier eingeflossen. Nicht zu Unrecht sprechen wir vom Helsinki-Prozess, der einer der wesentlichen Gründe dafür ist, dass wir heute in einem geeinten Europa friedlich unsere Zukunft gestalten können.

Frau Präsidentin, Sie persönlich setzen sich ganz besonders für soziale Gerechtigkeit auf globaler Ebene ein, denn Sie wissen: Armut ist eine der Hauptursachen für Unsicherheit, Krieg, Flucht und Vertreibung. Sie werben beharrlich für die Erkenntnis, dass wir alle in der Einen Welt leben und dass uns das Schicksal der Menschen, die diese Welt mit uns teilen, nicht gleichgültig sein darf. Wir stehen heute vor Herausforderungen, die uns alle gemeinsam betreffen und die sich im nationalen Rahmen allein nicht lösen lassen. Es geht nur mit Kooperation. Das gilt für den Klimawandel genauso wie für die Beseitigung der extremen Armut, den Einsatz gegen Gewalt und Terrorismus oder die Bekämpfung schwerer Krankheiten wie AIDS. Ich freue mich darüber, dass unsere beiden Länder gerade auch bei diesen Fragen große Gemeinsamkeiten haben.

Ich bitte Sie, nun mit mir das Glas zu erheben auf das persönliche Wohlergehen von Staatspräsidentin Halonen und Herrn Dr. Arajärvi, auf die deutsch-finnische Zusammenarbeit und auf den Erfolg unserer gemeinsamen Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit in der Einen Welt.