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Rede von Bundespräsident Horst Köhler beim Staatsbankett, gegeben vom Präsidenten der Sozialistischen Republik Vietnam, Herrn Nguyen Minh Triet, und Frau Tran Thi Kim Chi

Bundespräsident Horst Köhler und Präsident Triet schreiten die Ehrenformation der Armee ab. Hanoi, Vietnam, 21. Mai 2007 Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Bernd Kühler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Deutschland und Vietnam, die Menschen und die Geschichte unserer Länder sind seit vielen Jahrzehnten auf vielfältige Weise verbunden. Umso mehr freue ich mich, dass ich die Ehre habe, der erste deutsche Bundespräsident zu sein, der mit seiner Delegation in Ihrer schönen Hauptstadt "zwischen zwei Flüssen" (Ha Noi) so herzlich empfangen wird.

Hanoi - die erste Hauptstadt Vietnams - hier wurden vor mehr als 900 Jahren der Tempel der Literatur zu Ehren von Konfuzius und die erste Universität des Landes errichtet. Welchen besseren Ort als diese älteste noch erhaltene Hauptstadt Südostasiens hätte ich wählen können für den Beginn meiner Reise.

Seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialistischen Republik Vietnam im Jahre 1975 hat sich unser bilaterales Verhältnis sehr dynamisch entwickelt. Es ist sicher nicht übertrieben, unser heutiges Verhältnis als hervorragend zu bezeichnen. Ausdruck dessen sind die zahlreichen und vielfältigen hochrangigen Kontakte zwischen unseren beiden Ländern. Es gibt außerhalb Europas nur sehr wenige Länder, mit denen der Besuchsaustausch Deutschlands auf höchstem Niveau so eng ist wie mit Vietnam.

So wichtig hochrangige politische Kontakte und der Wirtschaftsaustausch für die Beziehungen zwischen zwei Ländern sein mögen, sind es doch die Beziehungen zwischen den Menschen, die den Ausschlag geben.

Über hunderttausend Vietnamesen sprechen deutsch - dies ist in der Region einzigartig. Zurzeit studieren über 2 200 junge Menschen aus Vietnam bei uns. Wir haben die feste Absicht, unsere Zusammenarbeit im Bildungsbereich noch weiter zu intensivieren. Daher wurden heute Absichtserklärungen über die Einführung von Deutsch als 2. Fremdsprache an Mittel- und Oberschulen sowie zur Gründung einer Deutschen Universität in Vietnam unterzeichnet. Diese Vereinbarungen sind ein Meilenstein in unseren Beziehungen, auf den wir stolz sein können.

Allerdings braucht ein Land nicht nur Universitätsabsolventen. Es braucht auch ein Berufsbildungssystem auf der Höhe der Zeit. Die Hälfte Ihrer Bürger ist unter 25 Jahre alt. Diese jungen Menschen sind auf eine gute Berufsausbildung angewiesen. Es freut mich daher, dass Deutschland mit seiner Erfahrung im dualen System hier einen Schwerpunkt setzt und sowohl Berufsschulen als auch Ausbildungszentren für Berufsschullehrer in Vietnam fördert.

Mein Aufenthalt heute hat mir einen ersten Eindruck von der bemerkenswerten wirtschaftlichen Dynamik Ihres Landes vermittelt. Diese Dynamik hat auch unsere bilateralen Wirtschaftsbeziehungen erfasst. Im letzten Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern erstmals über 3 Milliarden Dollar. Ich hoffe, dass die mich begleitenden Wirtschaftsvertreter die guten Nachrichten in die Heimat zurückbringen und sich der Handelsaustausch zum Nutzen unserer beiden Länder kontinuierlich weiterentwickeln wird. Ihr Land ist seit Anfang des Jahres 150. Mitglied der WTO - ein wichtiger Schritt für die Integration Vietnams in der Welt. Ich bin überzeugt davon, dass dadurch unsere beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen profitieren werden.

Der wirtschaftliche Aufschwung ist das Ergebnis marktwirtschaftlicher Reformen gepaart mit dem Fleiß und den Fähigkeiten Ihres Volkes. Deutschland stand Vietnam dabei in den letzten Jahren mit seiner entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zur Seite. Seit 1990 haben wir Projekte mit insgesamt über 800 Mio. € zugesagt. Und wenn "Not am Mann" ist, so wie im vergangenen Jahr, als mehrere Taifune mit zerstörerischer Gewalt über Ihr Land gezogen sind, ist es selbstverständlich, dass wir als Freunde helfen. Deutschland wird auch weiterhin ein verlässlicher Partner Vietnams bleiben.

Unsere Partnerschaft erstreckt sich auf viele Bereiche. Wir werden morgen weitere Gespräche führen, um auszuloten, wie wir Vietnam auch bei den weiterhin notwendigen Reformen unterstützen können. Beim Rechtsstaatsdialog gibt es dafür bereits konkrete Vorstellungen, die wir - aufbauend auf die gemeinsamen Initiativen beim Vietnambesuch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder - entwickelt haben. Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen im Aufbau eines modernen Rechtssystems zur Verfügung zu stellen.

Rechtssicherheit, Fairness und Transparenz sind nicht nur für nachhaltiges Wirtschaftswachstum wichtig. Sie bilden auch das Fundament einer modernen Gesellschaft, an deren Gestaltung sich die Bürger offen und kritisch beteiligen können. Ich sage bewusst kritisch, weil Vielfalt der Meinungen in einer modernen Gesellschaft nicht nur völlig normal ist, sondern sie auch stärkt.

Wenn ich mir noch einmal vor Augen führe, welche Willensstärke Ihr Land bei der Überwindung der gewaltigen Kriegsfolgen an den Tag gelegt hat, so bin ich zuversichtlich, dass Sie jetzt die günstige Gelegenheit des wirtschaftlichen Wachstums ergreifen können, um der wirtschaftlichen auch mehr gesellschaftliche Vielfalt folgen zu lassen. Die damit verbundene Freiheit und Kreativität werden Vietnam bei den Herausforderungen unserer Zeit helfen.

Ich möchte meine Rede nicht schließen, ohne die vietnamesische Gemeinde in Deutschland zu erwähnen, die ein weiteres wichtiges Bindeglied in unseren Beziehungen ist. Ihre 100 000 Mitglieder haben sich einen festen Platz in der Gesellschaft erarbeitet. Ihre Lernbereitschaft und Tüchtigkeit sind vorbildlich.

Ich wünsche mir, dass durch diesen ersten Staatsbesuch eines Bundespräsidenten noch mehr meiner Landsleute zu einer Entdeckungsreise in Ihr so reiches, schönes und faszinierendes Land angeregt werden.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben und einen Toast auszubringen: auf die Gesundheit von Staatspräsident Triet und seiner Frau, auf das Wohl des vietnamesischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Vietnam und Deutschland.