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Bundespräsident Horst Köhler im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Fragen stellten Rainer Clos und Thomas Schiller.

Ehepaar Köhler sitzt in der ersten Reihe einer großen Menschenmenge unter freiem Himmel Berlin, 29. Mai 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

epd:Viele Beobachter sprechen von einer Rückkehr der Religionen. Erleben Sie eine Rückbesinnung der Politik auf christliche Werte?

Horst Köhler:Die Frage nach der Wertegrundlage der Politik wird nach meinem Empfinden heute wieder neu und ernsthafter gestellt. Das begrüße ich. Ich erinnere an die Diskussion um einen Gottesbezug im Verfassungsvertrag der Europäischen Union. In den intensiven Beratungen der letzten Jahre hat sich dieses Ziel als nicht durchsetzbar erwiesen, und doch fand ich diese Debatte wertvoll.

epd:Verspüren Sie in der Bevölkerung eine Suche nach Religiosität?

Horst Köhler: In meinen Begegnungen stelle ich zumindest immer wieder fest, dass sich die Menschen zunehmend die Frage nach dem Sinn des Lebens in umfassender Form stellen. Anscheinend wächst das Bewusstsein, dass Erfüllung, Glück und Wohlbefinden sich nicht allein auf rein materiellen Fortschritt gründen lassen. Aus dem Gefühl heraus, dass es mehr geben sollte als materielle Wohlstandssteigerung, stellt sich auch die Frage nach der Religion neu. Ich finde, darin liegt eine Chance, die man ergreifen sollte.

epd:Sie haben mehrfach Fortschritte in der Ökumene angemahnt. Wo sehen Sie Defizite und Hürden?

Horst Köhler: Nach meinem Empfinden wünschen sich die Christen beider Konfessionen, dass stärker das Verbindende zwischen ihnen in den Vordergrund rückt als das Trennende. Das betrifft nicht zuletzt das Abendmahl. Auch wenn es theologische Gründe gibt, die eine Lösung schwer machen, sollten die Kirchenführer im 21. Jahrhundert die Herausforderung annehmen. Ich weiß, dass solche Fortschritte Zeit brauchen. Aber das darf nicht dazu führen, letztlich der Frage auszuweichen. Die Kirchen würden eine Chance verspielen, wenn sie nicht aufgreifen könnten, was die Menschen bewegt.

epd:In Ihrer Antrittsrede haben Sie gesagt, Ihr Kompass sei das christliche Menschenbild. Was bedeutet das?

Horst Köhler: Bei allem, was ich zu entscheiden habe, führe ich mir vor Augen: Es geht um Menschen. Menschliche Politik, das heißt für mich, den einzelnen Menschen in seinen Stärken und Schwächen zu sehen, in seinen Wünschen, Hoffnungen und Unsicherheiten. Das ist für mich der Ausgangspunkt. Christliche Orientierung heißt für mich, dass ich in letzten Sinnfragen für mich erkannt habe: Es gibt etwas, das über mir steht und das ich mit meinem eigenen Geist nicht voll durchdringen kann. Das ist Gott, und der Glaube an ihn gibt mir Halt und Orientierung.

epd:Erschwert ein dezidiertes Bekenntnis zum christlichen Menschenbild den Dialog mit Muslimen?

Horst Köhler: Nein, denn das Gegenbild anderer Religionen hilft uns doch bei der Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich mein eigenes Bild von mir und meiner Religion? Selbstvergewisserung in der Frage, wo ist meine eigene christliche Position im Gespräch mit Muslimen, halte ich für eine Grundvoraussetzung für einen gehaltvollen und ehrlichen Dialog. Wenn ich den anderen richtig verstehen will, muss ich mich selbst und meinen Glauben richtig kennen. Und das gleiche gilt natürlich auch umgekehrt für Muslime im Dialog mit Christen.

epd:Sind wir diesen Fragen religiöser Klarheit in der Vergangenheit ausgewichen?

Horst Köhler: Es waren Symptome von Gleichgültigkeit festzustellen. Auch weil viele Menschen sich von den eigenen christlichen Wurzeln entfernt haben. Diese Gleichgültigkeit war auch ein politisches Phänomen. Über Jahrzehnte haben wir nicht gemerkt, dass gesellschaftliche Gruppen unter uns leben, von denen wir kaum wussten, was sie machen, was sie wollen oder was sie beschwert. Diese Gleichgültigkeit reichte teilweise bis zur Ignoranz.

epd:Vor der letzen Islamkonferenz haben sich die Muslime in Deutschland zu einem Koordinierungsrat zusammengeschlossen. Hat damit die Politik den zentralen Ansprechpartner, der seit Jahren auf islamischer Seite vermisst wurde?

Horst Köhler: Das lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Die Gründung ist ein Fortschritt und sollte den Dialog erleichtern. Es ist aber wichtig, dass die Vielfalt der muslimischen Stimmen beachtet wird.

epd:Sind Sie mit den Fortschritten zur Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes zufrieden?

Horst Köhler: Die Dinge sind in Bewegung geraten, aber für ein abschließendes Urteil ist es noch zu früh. Es ist wichtig, ein Angebot in deutscher Sprache und mit Lehrkräften zu machen, von denen man weiß, wer ihre Qualifikation attestiert. Ich bin insgesamt froh, dass Bildungspolitik mehr Aufmerksamkeit bekommt.

epd:Woran machen Sie das fest?

Horst Köhler: Das Bewusstsein ist eindeutig gestiegen, dass dies eine Schlüsselfrage für die Zukunft unserer Gesellschaft ist. Allerdings reicht die Geschwindigkeit nicht aus, mit der wir bei der Beseitigung von erheblichen Defiziten in der Bildung unserer Kinder vorankommen. Dies betrifft vor allem die Schüler in Hauptschulen und vergleichbaren Schulformen. Es gibt noch viel zu viele Aussteiger ohne Schulabschluss. Und die Bildungschancen hängen noch viel zu sehr von der Einkommenslage des Elternhauses ab. Das muss besser werden.

epd:Liegen die Probleme ausschließlich in der Schule?

Horst Köhler: Auch die Betreuung in Kindertagesstätten muss man entschlossen voran bringen. Wir müssen schlicht zur Kenntnis nehmen, dass viele Kinder nicht die Erziehung bekommen, die wünschenswert wäre. Natürlich liegt die Basis im Elternhaus. Aber wenn im Elternhaus etwas nicht stimmt, reicht es nicht zu sagen, dass die Familie der Kern der Gesellschaft ist. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Kinder ihre Chance erhalten - auch die, die zu Hause nicht genügend Förderung bekommen.

epd:Am 9. Juni besuchen Sie den Deutschen Evangelischen Kirchentag. Was ist ihre Botschaft an den Kirchentag?

Horst Köhler: Ich komme als Kirchentagsbesucher wie jeder andere auch. Für mich ist es eine schöne Gelegenheit, Menschen meines Glaubens zu begegnen. Die Fröhlichkeit und die Vielfalt der Diskussionspartner haben mir bisher bei Kirchentagen immer gefallen. Darüber hinaus diskutiere ich in einem Forum über Armutsbekämpfung. Das mache ich natürlich gern. Ich freue mich auch auf das Musik-Abendprogramm, weil ich über Musik schon immer viel Gemeinschaft und Aufbauendes erfahren habe.

epd:Zeitgleich mit dem Kirchentag findet der G-8-Gipfel in Heiligendamm statt ...

Horst Köhler: Das beeinflusst auch die politischen Diskussionen des Kirchentags. Das Thema ist die soziale Lage bei uns und in der Welt - das reicht von der Armut bis zu Klimafragen. Wir beobachten weltweit, dass sich eine Schere auftut zwischen den Einkommen der abhängig Beschäftigten und derjenigen, die Vermögenseinkommen haben. Dies muss ein Anlass sein, auch über Gerechtigkeit wieder neu zu diskutieren.

epd:Was ist der globale Aspekt einer solchen fälligen Gerechtigkeitsdebatte?

Horst Köhler: Wir müssen in Deutschland trotz aller Unzulänglichkeiten, die es bei uns gibt, begreifen, dass wir aus globaler Perspektive zu einer Minderheit der Weltbevölkerung gehören, die oben ist. 80 Prozent der Menschen geht es sehr, sehr viel schlechter. Ein Eintreten für weltweite Gerechtigkeit bedeutet konkret, dass wir unsere Zusagen zur Verwirklichung der Entwicklungsziele der Vereinten Nationen einhalten und uns dem Fleiß und der Kreativität der armen Völker im internationalen Wettbewerb nicht entgegenstellen.

epd:Sie haben für Deutschland eine "Entwicklungspolitik für ein entwickeltes Land" gefordert. Eine der größten Baustellen ist der Umbau des Sozialstaats. Geht die Entwicklung Ihrer Auffassung nach rasch genug voran?

Horst Köhler: Der Begriff "Entwicklungspolitik für ein entwickeltes Land" macht deutlich: Die Menschen müssen nachvollziehen können, warum Veränderung notwendig ist. Es geht nicht um die Abschaffung des Sozialstaats, sondern darum, ihn auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts einzustellen, z.B. auf den demographischen Wandel und neuen internationalen Wettbewerb.

epd:Was erwarten Sie konkret vom G-8-Gipfel?

Horst Köhler: Ich hoffe auf ein Signal, dass sich die Beteiligten der Probleme dieser Welt bewusst sind. Dass zum Beispiel die Frage der Einkommensschere, die weltweit immer mehr auseinander klafft, ein Problem ist, dem sich niemand entziehen kann. Anstöße erwarte ich auch beim Problem des Klimawandels. Bei allen unterschiedlichen Bewertungen geht es letztlich darum, dass die G-8-Staaten ihre Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln vermitteln.

epd:Kann der G-8-Gipfel weiter kommen als die gescheiterte UN-Klimakonferenz?

Horst Köhler: Das hoffe ich. Die großen Staaten haben eine Führungsverantwortung. Das Thema ist drängend. Nötig ist ein entschlossenes, ernsthaft angelegtes Handeln. Ich rate aber dazu, auf alarmistische Übertreibungen zu verzichten. Wir müssen darauf achten, dass nicht durch aufgeregte Diskussionen die ohnehin vorhandenen Unsicherheiten noch vergrößert werden.

epd:Hemmt eine strikte Klimapolitik des Nordens die armen Länder in ihrer Entwicklung?

Horst Köhler: Überhaupt nicht. Zunächst müssen wir allerdings begreifen, dass wir im Norden immer noch die Haupt-Verursacher von CO2-Ausstoß sind, und die Länder des Südens schon heute die Hauptlast der Schäden tragen, die von Treibhausgasen verursacht werden. Wir dürfen nicht nur anderen predigen, was sie zu tun haben, sondern müssen anfangen, bei uns selbst den Emissionsausstoß pro Kopf zu reduzieren. Ich sehe in einer Politik, die den Emissionsausstoß reduziert, große Chancen.

epd:Wie sehen die aus?

Horst Köhler: Es muss eine neue industrielle Revolution geben, um energieeffizientes und Ressourcen sparendes Wirtschaften voran zu bringen. Das ist in der Tat nötig und auch möglich. Wir haben jetzt schon statistische Erkenntnisse beispielsweise über das Handelsvolumen für energieeffiziente Techniken. Die expandieren in zweistelligen Raten. Dieser Bereich schafft Wachstum und Arbeitsplätze in den Industrieländern. Deutschland hat hier alle Chancen.

epd:Die Verantwortung für das Klimaproblem liegt also bei Politik und Wirtschaft?

Horst Köhler: Nein, nicht allein. Ich hoffe, dass jeder einzelne von uns begreift, was sein eigenes Verhalten auslöst - und sich in seinem Konsumverhalten darauf einrichtet, etwa beim Autofahren oder bei Anschaffungen. Es liegt in der Hand jedes einzelnen von uns, weniger Öl zu verbrauchen oder weniger Emissionen zu verursachen.

epd:Ist für die globale Entwicklung das europäisch-nordamerikanische Wertemodell als Leitbild für die Entwicklung des Südens überholt? China engagiert sich zunehmend in Afrika, und in Lateinamerika zeigen der venezolanische Präsident Hugo Chavez und anderen Linkspolitiker ein neues Selbstbewusstsein des Südens. Was passiert da?

Horst Köhler: Der Norden muss erkennen, dass sein eigenes Modell der Entwicklung nicht mehr als Blaupause für die Entwicklung des Südens dienen kann. Diese Annahme ist überholt. Wir müssen begreifen, dass wir sehr viel stärker als in der Vergangenheit die eigenen Vorstellungen des Südens zu respektieren haben. Eine Schlussfolgerung aus dem zum Teil bescheidenen Erfolg der Entwicklungspolitik ist ja, dass viele Versuche der Hilfe sich als nicht nachhaltig erwiesen haben. Leider lassen wir zu, dass Hugo Chavez immer wieder Beispiele für eine überzogene und anmaßende Rhetorik findet. Mit China müssen wir einen Weg finden, gemeinsame Standards guter Regierungsführung und der Transparenz in der Praxis der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit umzusetzen.

epd:Was ist die Alternative?

Horst Köhler: Wir müssen respektieren, dass die Länder Afrikas oder Lateinamerikas stärker ihre eigenen Wege gehen. Unsere Hilfe wird dann effizient und nachhaltig sein, wenn wir in den Industrieländern nicht mit Doppelstandards arbeiten und auch beispielsweise stärker afrikanische Ideen unterstützen. Ich bin nicht sicher, ob wir dazu schon heute die Kraft aufbringen.

epd:Sie plädieren für eine grundlegend neue Afrika-Politik?

Horst Köhler: Wir müssen lernen, auf gleicher Augenhöhe miteinander umzugehen. Unser Dialog muss geprägt sein von wechselseitigem Respekt. Wir können Afrika nicht mehr den Rücken zuwenden. Dann kommen nämlich die Probleme Afrikas zu uns: etwa per Migration oder durch die Folgen der Abholzung der tropischen Regenwälder. Es wäre bloß eine Frage der Zeit, bis uns das einholt, ob wir das wollen oder nicht. Deshalb müssen wir ernsthaft unsere Hilfe anbieten, aber gleichzeitig offen und direkt dem Partner sagen, wo Probleme sind und seine eigene Verantwortung liegt. Wir sind in der globalisierten Welt alle aufeinander angewiesen.