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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung der "Woche der Umwelt" im Park von Schloss Bellevue

Der Bundespräsident auf der Bühne im Park von Schloss Bellevue Berlin, 5. Juni 2007 Foto: Brigitte Hiss, BPA © Foto: Brigitte Hiss, BPA

Spätestens wenn eine Veranstaltung zum dritten Mal stattfindet, darf man sie in unserer schnelllebigen Zeit wohl eine Tradition nennen. Vor fünf Jahren hat Bundespräsident Johannes Rau zur ersten "Woche der Umwelt" in den Park von Schloss Bellevue eingeladen. Heute freue ich mich, die dritte "Woche der Umwelt" zu eröffnen. Über 180 Aussteller aus ganz Deutschland sind gekommen, rund 10.000 Gäste haben sich angekündigt - so viele wie noch nie. Sie alle heiße ich ganz herzlich willkommen!

Die "Woche der Umwelt" versteht sich als eine Leistungsschau des Umweltschutzes in Deutschland. Sie zeigt: Unser Land hat im Umweltschutz eine Menge erreicht. Dass dies so ist, dazu haben viele beigetragen: die Wissenschaft mit kritischen Analysen, die Politik mit Vorgaben, die Wirtschaft mit Milliardeninvestitionen in schadstoffärmere Produktion und nicht zuletzt die Bürgerinnen und Bürger mit wachsendem Umweltbewusstsein und tatkräftigem Engagement. Deutsche Umwelttechnik ist heute weltweit ein Verkaufsschlager und schafft in Deutschland viele Arbeitsplätze. Heute sind es bereits 1,5 Millionen. Auf alles das können wir stolz sein.

Das fällt uns freilich nicht immer leicht. Gerade in den letzen Jahren wurde angesichts hoher Arbeitslosigkeit und einer schwachen Wirtschaftsentwicklung öfter mal die Frage laut, ob sich unser Land die weltweite Vorreiterrolle im Umweltschutz, vor allem auch im Klimaschutz, weiterhin leisten kann und will. Umso mehr habe ich mich über einige Nachrichten in den letzten Monaten gefreut: Im März gründete der BDI die Initiative "Wirtschaft für Klimaschutz". Mitte Mai schlossen sich elf Vorstandsvorsitzende führender deutscher Unternehmen zur "Initiative 2 Grad - Deutsche Unternehmer für Klimaschutz" zusammen. Der Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Energieversorgungsunternehmens erklärte den Klimaschutz gar zur "Messlatte des unternehmerischen und gesellschaftlichen Handelns".

Beigetragen zu dieser Entwicklung hat nicht zuletzt eine Reihe wissenschaftlicher Studien, die in den vergangenen Monaten veröffentlicht wurden. Der im Frühjahr dieses Jahres vorgelegte Bericht des Weltklimarates IPCC kommt zu dem Schluss, dass das Klima auf unserem Planeten sich infolge des CO2-Ausstoßes verändert und dass dieser Prozess die Lebensgrundlagen vieler, vieler Menschen bedroht. Es muss also entschlossen gegengesteuert werden. Dabei werden die Klimaschutzmaßnahmen umso teurer, je länger wir warten.

Für die Experten waren diese Erkenntnisse nicht neu. Neu war, dass sie plötzlich auch auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen zu lesen waren. Mancher hielt das für Hysterie. Nun, Hysterie ist sicher das Letzte, was wir gebrauchen können. Doch ich sehe die Berichterstattung in den letzten Wochen und Monaten nicht so kritisch. Mir ist wichtig, dass es gelungen ist, die breite Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren. In der Bevölkerung wächst das Bewusstsein dafür, dass der Klimaschutz uns alle angeht. Und darüber bin ich froh.

Jeder von uns trägt durch sein Verhalten und seinen Lebensstil zum Klimawandel bei. Und jeder von uns kann einen Beitrag zur Reduzierung der schädlichen Folgen dieses Wandels leisten. Allzu lange haben wir beim Ressourcenverbrauch gegen den Grundsatz der Nachhaltigkeit verstoßen. Und wenn heute die ganze Welt so leben wollte wie wir, dann bräuchten wir schon jetzt mehr als nur eine Erde. Also müssen endlich alle ihre Einstellungen und Verhaltensweisen überprüfen und auf eine neue Balance hinwirken zwischen den Wünschen des einzelnen und dem, was die Erde aushält. Auch in diesem Zwang zur Selbstprüfung liegen Chancen, auch er kann heilsam sein. Wir können zum Beispiel wieder stärker beherzigen, dass unser Leben einen Sinn hat, der über die Mehrung materiellen Wohlstands hinausgeht. "Gut leben statt viel haben", so hieß es schon vor zehn Jahren in der vom B.U.N.D. und Misereor herausgegebenen Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" - ein Motto, das ich sehr bedenkenswert finde.

Es besteht in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die weltweiten Treibhausgasemissionen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts halbiert werden müssen, wenn wir die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen wollen. Dabei werden die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel - die Industrieländer - auch die größte Minderungslast zu tragen haben. Ich begrüße es, dass sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union im März verpflichtet haben, den CO2-Ausstoß der EU bis 2020 um mindestens 20 Prozent zu reduzieren, sogar um 30 Prozent, wenn andere mitziehen. Dabei wissen wir natürlich: Europa alleine kann das Weltklima nicht retten. Ich finde es aber richtig und wichtig, dass wir mit gutem Beispiel vorangehen, weil wir nur dann glaubwürdig verlangen können, dass andere Länder wie die USA, China und Indien ebenfalls entsprechende Anstrengungen unternehmen.

Das ist im Übrigen auch eine Frage der globalen Fairness und Verantwortung. Denn vom Klimawandel sind besonders nachteilig gerade die Länder betroffen, die am wenigsten zu ihm beigetragen haben und die am wenigsten in der Lage sind, mit seinen schädlichen Folgen zurecht zu kommen. Diesen müssen wir helfen. Ein wichtiger Weg besteht im Transfer effizienter Technologien in die Entwicklungsländer. Ich freue mich daher, dass eine ganze Reihe von Projekten und Diskussionsforen auf der "Woche der Umwelt" sich gerade mit diesem Aspekt beschäftigen und Lösungsansätze vorstellen. Damit wird deutlich: Umweltschutz und Entwicklungspolitik gehören zusammen.

Auch beim G 8-Gipfel ab morgen in Heiligendamm werden die Themen Klimaschutz und Energieeffizienz weit oben auf der Tagesordnung stehen. Schon das ist wichtig. Ich gehe davon aus: Das Thema geht nicht mehr weg, es bleibt. Ja mehr noch: Sowohl die G 8 als auch die aufstrebenden Nationen wissen, dass es mit Aussitzen nicht getan ist. Alle haben die Bedeutung des Problems erkannt, noch sucht jeder vor allem für sich nach Lösungen. Gerade erst konnte ich feststellen, dass China schon beachtliche Umweltgesetze beschlossen hat und Bürgerinitiativen sogar ermuntert, bei der Umsetzung dieser Gesetze zu helfen. Und aufstrebende Staaten wie etwa Brasilien und Indien wissen, dass unser Wunsch nach weltweitem Klimaschutz kein Vorwand ist, den wirtschaftlichen Aufbau ihrer Länder und die Bekämpfung der Armut dort zu erschweren. In den westlichen Industrienationen wächst die Erkenntnis, dass man mit dem Jahrhundertthema Klimaschutz Wahlen gewinnen (oder verlieren) kann. Und noch etwas: Es war doch von jeher ein wichtiger Teil westlichen Denkens, neue Horizonte zu erschließen und Neuland zu gestalten - und für beides gibt es noch viel Bedarf bei der Orientierung am Grundsatz der Nachhaltigkeit. Kurz: Die Staaten und Nationen erkennen mehr und mehr, dass Klimaschutz eine Sache des internationalen Gemeinwohls ist und dass alle dazu beitragen müssen. Daraus kann doch Vertrauen erwachsen und darauf sollte die Staatengemeinschaft - am besten im Rahmen der Vereinten Nationen - aufbauen, mit Redlichkeit und auf gleicher Augenhöhe. Ich bin sicher, der Gipfel in Heiligendamm wird uns hierzu ein gutes Stück voranbringen. Und wir alle wissen: Es liegt auch dann noch eine tüchtige Wegstrecke vor uns.

Ehrgeizige Klimaschutzziele sind nötig. Sie müssen aber auch umgesetzt werden. Machen wir uns nichts vor: Das wird auch in Deutschland weitaus größere Anstrengungen verlangen, als bisher zur Erfüllung unserer Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll unternommen wurden. Professor Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung spricht von der Notwendigkeit einer neuen industriellen Revolution. Ich bin davon überzeugt: Sie wird kommen und uns eine massive Steigerung der Ressourcenproduktivität und Energieeffizienz sowie eine CO2-ärmere Lebensweise bringen. Und Deutschland sollte dabei an der Spitze sein. Das wird bei uns auch gute Arbeit und gute Einkommen schaffen.

Damit dies gelingt, bedarf es seitens der Politik eines stimmigen Konzepts, das für Unternehmen wie Verbraucher klare Rahmenbedingungen schafft und, wo es geht, die Marktkräfte nutzt. Zu einem solchen Konzept gehört für mich zum Beispiel auch, dass der Emissionshandel nach den bislang eher ernüchternden Erfahrungen so umgestaltet wird, dass von ihm tatsächlich Impulse für eine Modernisierung der Stromversorgung und der industriellen Produktion ausgehen. Die geplante deutliche Verknappung der Emissionsrechte erscheint mir daher ebenso vernünftig wie die Überlegung, die Zertifikate künftig zu versteigern.

"Klimaschutz kostet Billionen" war vor kurzem als Schlagzeile in den Zeitungen zu lesen. Und natürlich wird Klimaschutz nicht zum Nulltarif zu haben sein. Wir werden kräftig investieren müssen. Doch diese Investitionen werden sich auszahlen. Schließlich bedeutet weniger Energieverbrauch auch weniger Energiekosten. Und wenn wir uns die dramatischen Schäden ersparen, die der Klimawandel hervorrufen kann, dann ist auch das ein Vorteil, der bares Geld wert ist.

Die deutsche Wirtschaft hat allen Grund, im Klimaschutz für sich eine riesige Chance zu sehen. Bei den dafür notwendigen Technologien ist Deutschland bereits heute Weltmarktführer. Wenn in Zukunft weltweit verstärkt in den Klimaschutz investiert wird, dann sollte die Technik dazu "Made in Germany" sein.

Dass Umweltschutz sich wirtschaftlich rechnet, dass Ökologie und Ökonomie kein Gegensatz sein müssen, sondern Hand in Hand gehen können - dafür bietet auch diese "Woche der Umwelt" jede Menge praktischer Beispiele. Ich lade Sie herzlich ein: Lassen Sie sich informieren und überzeugen - vielleicht ist ja auch für Sie etwas dabei. Helfen Sie mit, dass diese Beispiele Schule machen!

Die "Woche der Umwelt" ist eine Gemeinschaftsleistung - sie wäre nicht möglich ohne starke und engagierte Mitstreiter. An erster Stelle danke ich der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Nicht nur für ihre großzügige finanzielle Unterstützung, sondern vor allem auch für die professionelle und fachkundige Organisation. Ihnen, lieber Herr Dr. Brickwedde und Ihrer ganzen Mannschaft, allen voran Herrn Dr. Große-Ophoff, Herrn Gruber und Herrn Schulte, ganz herzlichen Dank für Ihre hervorragende Arbeit!

Bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Professor Fritz, Herrn Jogeshwar, Herrn Korn und Herrn Professor Troge. Sie haben gemeinsam mit Herrn Weinzierl und Herrn Dr. Brickwedde in diesem Jahr als Juroren die schwierige Aufgabe gehabt, unter über 400 Bewerbungen jene Aussteller auszuwählen, die sich heute und morgen im Park von Schloss Bellevue mit ihren Projekten, Erfindungen und Initiativen präsentieren. Meine Mitarbeiter haben mir gesagt, dass Sie eine hervorragende Wahl getroffen haben. Ich werde mich gleich selbst davon überzeugen.

Und schließlich gilt mein Dank allen Ausstellern sowie den Teilnehmern der Diskussionsforen, die unserer Einladung gefolgt sind und diese "Woche der Umwelt" zu einer wahren Leistungsschau des deutschen Umwelt- und Naturschutzes machen.

Ich heiße Sie alle noch einmal herzlich willkommen und wünsche Ihnen spannende Entdeckungen, interessante Begegnungen und fruchtbare Gespräche hier im Park von Schloss Bellevue.

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