Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Horst Köhler auf dem 32. Deutschen Seeschifffahrtstag

Der Bundespräsident während seiner Rede. Emden, 7. Juni 2007 Foto: Stadt Emden © Foto: Stadt Emden

Politik und Seefahrt haben ja vieles gemeinsam. Sie gebrauchen zumindest teilweise dieselben Begriffe. Egal, ob die Engländer von "government" sprechen, die Franzosen vom "Gouvernement" oder die Italiener und Portugiesen vom "governo": immer steht im Hintergrund das lateinische Wort "gubernator", das niemand anderen bezeichnet als den Steuermann eines Schiffes. Und in Deutschland kennen wir das Bild vom "Staatsschiff", das von kluger Hand sicher zwischen Strömungen und Klippen hindurchgelenkt wird, hoffentlich. Wir "halten Kurs" oder sprechen von der Notwendigkeit "gegenzusteuern". Wir suchen "sichere Häfen" und "feste Verankerungen". Wir freuen uns über "Rückenwind" und fürchten uns vor "Untiefen". Hinter all diesen Formulierungen, die unser Bild von Politik und weite Bereiche unseres Alltagslebens prägen, stecken die Sprache und die Erfahrungswelt von Seefahrern.

Seit der Antike ist die Seefahrt der Inbegriff für Tätigkeiten, bei denen es auf vorausschauende Planung, auf die präzise Koordination unterschiedlicher Abläufe, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auf Verlässlichkeit und nicht zuletzt auf persönlichen Mut ankommt.

Durch die Jahrhunderte waren es vor allem Seefahrernationen, die die Geschicke unserer Welt bestimmten. Schiffe verbinden Menschen und Märkte. Schiffe verbinden, Seeschifffahrt verbindet. Das ist das Motto. Über 90 Prozent des weltweit grenzüberschreitenden Warentransportes erfolgt auf dem Seeweg. Internationaler Handelsaustausch und Deutschlands Status als "Exportweltmeister" - beides ist ohne Seeschifffahrt nicht denkbar.

Eine leistungsfähige Handelsflotte, gut ausgebaute Häfen und eine moderne Werftindustrie -das sind Schlüsselfaktoren, um erfolgreich am Welthandel partizipieren zu können. Unser Land hat alle diese Joker für den globalen Wettbewerb. Ich möchte hier keine Rede zur Globalisierung halten. Deshalb nur soviel: Es gibt Probleme, es gibt aber noch mehr Chancen. Die Bundesrepublik Deutschland verdankt ihren Wohlstand in hohem Maße der Offenheit des internationalen Warenaustausches, den man Globalisierung nennt. Wir profitieren davon, deshalb sollten wir uns auch an einer menschenwürdigen Gestaltung der Globalisierung beteiligen. Es ist richtig, dass wir kritische Aspekte diskutieren, aber wir sollten auch wissen: Die Globalisierung hilft uns allen und hilft vor allem auch den armen Menschen in der Welt.

Deutschland verfügt über die drittgrößte Handelsflotte der Welt und liegt bei den Containerfrachtern weltweit an der Spitze. Die deutsche maritime Wirtschaft ist also leistungsstark und modern. Und Sie können stolz darauf sein. Die maritime Wirtschaft erlebt gerade in letzter Zeit einen regelrechten Boom mit Zuwachsraten von mehr als 10 Prozent im Jahr. Die beständigen Ausbaumaßnahmen und Investitionen der zurückliegenden Jahre zahlen sich ganz offensichtlich aus. Zu dieser guten Entwicklung haben viele beigetragen, und nicht wenige davon sind heute hier im Saal. Ihnen allen herzlichen Dank für das Geleistete. Und ich sage das noch einmal bewusst, indem ich auch Bezug nehme auf meine eigene Herkunft: Herzlichen Dank sage ich auch im Namen all der Menschen, die nicht an der Küste leben, die drinnen im Land leben, und auch der Leistungsfähigkeit der maritimen Wirtschaft ihren Wohlstand verdanken.

Beim Weg der Waren vom Anbieter zum Kunden nehmen die Seehäfen eine Schlüsselstellung ein. Die deutschen Häfen verfügen über modernste Anlagen und dienen nicht nur unserem Land, sondern auch vielen europäischen Nachbarn als Tor zur Welt. Ich bin erst vor einer Woche von einem Staatsbesuch aus China zurückgekommen und ich habe dort unter anderem mit dem chinesischen Staatspräsidenten diskutiert, wie moderne Häfen aussehen müssen, sollen und können. Er hat mir voller Stolz berichtet, dass die großen Brücken für die Containerentladung in Hamburg aus China kommen. Ich habe ihm gesagt, das sei eine gute Form der Zusammenarbeit, aber heimlich auch gedacht, wir müssen aufpassen, dass wir nicht alles aus China bekommen, sondern unsere eigene Wertschöpfung hinzufügen. Die ganze maritime Wirtschaft ist ein besonders wichtiger Arbeitgeber in der Küstenregion - direkt und indirekt. Und das müssen wir uns immer vor Augen führen.

Seit einiger Zeit ist nun aber zu beobachten, dass die landseitige Anbindung mit der Entwicklung der Häfen nicht unbedingt Schritt gehalten hat, und auch auf die sind Anbieter und Kunden angewiesen. Es zeichnet sich ab, dass möglicherweise das schwächste Glied in der Transportkette nicht auf dem Wasser und auch nicht an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land liegt, sondern Straßen und Schienen drohen zum Nadelöhr für den weiteren Warentransport zu werden.

Der Erfolg unserer Seehäfen und damit auch unsere Fähigkeit, im internationalen Wettbewerb erfolgreich mitzuhalten, hängen also wesentlich davon ab, dass es uns gelingt, die Verkehrsinfrastruktur auch an Land zu modernisieren. Auch das ist politisch eine Gemeinschaftsaufgabe. Eine moderne Verkehrsinfrastruktur ist ein zwingendes Erfordernis unserer europäischen Mittellage und der damit verbundenen Chance, Wegekreuz zu sein für den friedlichen Handel und Wandel. Und natürlich suchen wir auch beim Verkehr zu Lande nach den ökonomisch und ökologisch besten Lösungen.

Es ist noch gar nicht lange her, da waren die deutschen Werften ein Sorgenkind unserer Industrie. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe mal zwei Jahre in Kiel gelebt und gearbeitet. Damals war es kritisch an der Küste. Spektakuläre Zusammenbrüche, wie etwa beim Bremer "Vulkan", mit Arbeitsplatzverlusten, die ganze Regionen lähmten, und einem hohen öffentlichen Subventionsbedarf bestimmten damals die Schlagzeilen. Inzwischen hat sich die Situation gründlich gewandelt: In aller Stille hat sich die Branche zu einer der Vorzeigeindustrien in Deutschland gemausert. Heute gehört Deutschland bei einigen Schiffstypen zu den führenden Schiffbauländern. Die deutschen Werftbetriebe wirtschaften profitabel und sichern damit Arbeitsplätze. Selbst im süddeutschen Binnenland arbeiten führende Unternehmen der Elektro- und der Maschinenbaubranche für die deutschen Werften. Sie alle profitieren davon, dass unsere Schiffsbauer sich in den letzten Jahren erfolgreich den Herausforderungen des Strukturwandels gestellt haben. Und insoweit ist eben auch der Schiffbau ein Beweis dafür, dass man sich von schlechten Prognosen nicht überrollen lassen soll. Der Schiffbau ist Beweis, dass mit Tatkraft, und auch manchmal mit Investitionen, wieder neue Perspektiven entstehen. Mit ihrem Know-how, ihrer hohen Zuverlässigkeit und technischer Perfektion genießt die deutsche Werftindustrie weltweit heute hohe Wertschätzung.

Ich freue mich besonders auch darüber, dass die Dynamik des maritimen Sektors gerade auch in den neuen Bundesländern jetzt zu wirken beginnt. Heute können wir feststellen: Es war die richtige Entscheidung, die Seefahrtsindustrie in den neuen Ländern in den ersten Jahren nach der friedlichen Revolution auch mit staatlicher Hilfe zu unterstützen. Heute gibt es in den neuen Ländern maritime Weltmarktführer: Es hat sich zum Beispiel noch gar nicht genug herumgesprochen, dass weltweit jeder vierte Propeller aus der kleinen Stadt Waren an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern kommt.
Und gute Nachrichten gibt es nicht allein vom Schiffbau. Ich freue mich ganz besonders, dass bei uns in Deutschland auch der Trend zur Ausflaggung gebrochen werden konnte. Es ist gut, dass die deutschen Reeder immer mehr Schiffe unter deutscher Flagge fahren lassen. Ich freue mich darüber.

In nächster Zeit sollen in Deutschland jährlich über 70 neue Schiffe in Dienst gestellt werden. Das ist vortrefflich. Diese Schiffe brauchen allerdings auch gut ausgebildete Kapitäne, nautische Offiziere und Mannschaften. Und an diesem Punkt, auch das wurde schon angesprochen, wird es kritisch. Einer der größten und modernsten Handelsflotten der Welt droht in gewisser Weise mitten im Boom der qualifizierte Nachwuchs auszugehen. Jetzt rächen sich doch manche Versäumnisse der vergangenen Jahre. Nach Prognosen fehlen den deutschen Reedereien in den nächsten Jahren möglicherweise rund 1.000 Kapitäne und fast 2.000 Offiziere. Zu lange wurde eine vorausschauende Ausbildung möglicherweise vernachlässigt. Zwar interessieren sich junge Leute für diese Berufe, aber die Fach- und Hochschulen haben in den Jahren mit geringer Nachfrage die Zahl der Ausbildungsplätze verringert und müssen jetzt erst neue Kapazität aufbauen.

In dem kleinen, hoch spezialisierten Bereich der Seeschifffahrt wird wie in einem Brennglas deutlich, was für weite Teile unseres Bildungssystems insgesamt gilt und was mir doch große Sorgen macht: Wir haben zu wenig investiert, und wir haben auf diese Weise zu wenig Vorsorge für die Zukunft betrieben. Vor allem bleiben die Studenten- und Absolventenzahlen in den Ingenieurswissenschaften weit hinter dem Bedarf zurück. Es ist inzwischen so, dass manche Ingenieure nur mit hohen Prämien angeworben werden können, einen Arbeitsplatz anzunehmen. Und laut einer ganz aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft konnten in Deutschland im Jahr 2006 knapp 48.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden, davon allein in Baden-Württemberg mehr als 12.000. Nach Berechnungen dieses Instituts hat die deutsche Volkswirtschaft dadurch insgesamt dreieinhalb Milliarden Euro an Wertschöpfung verloren. Ich glaube, hier haben diejenigen, die in der Politik Verantwortung tragen, die in unserem Land für Bildung und Ausbildung zuständig sind, eine Menge zu tun. Mir ist es peinlich, wenn ich im Land immer wieder darauf hingewiesen werde, dass wegen Ingenieurmangels Investition und damit Arbeitsplatzschaffung unterbleibt. Und das will ich heute und hier ganz deutlich sagen: das muss anders werden!

Ich denke auch, dass die öffentliche Wahrnehmung der maritimen Berufsbilder geschärft werden sollte. Wer heute - gleich in welcher Funktion - in einem modernen Hafen arbeitet, ist ein hoch qualifizierter Logistik-Experte. Und wer zur See fährt, braucht ausgezeichnete fachliche Fähigkeiten und muss in der Lage sein, jedes denkbare Problem als teamorientierter Generalist "mit Bordmitteln" in den Griff zu kriegen. Davon darf ruhig die Rede sein in den Arbeitsämtern und Hochschulen, in der Berufsberatung und im Studium. Und auch Sie selbst sollten mehr darüber berichten, was die Seefahrt und die maritime Wirtschaft beruflich so attraktiv macht.

Eine gute Gelegenheit dafür sind die Seeschifffahrtstage, die Sie mit Recht "maritime Schaufenster" nennen. Diese Schaufenster zeigen Ihre Erfolge, und das ist gut so. Machen Sie sie auch noch stärker zu einem Forum der Nachwuchsgewinnung und der Vermittlung des Stolzes auf ein gutes Berufsbild.

Seeleute kommen viel herum in der Welt, sie lernen mancherlei kennen, und sie haben etliches zu erzählen. Sie wissen durch ganz persönliche Erfahrung, welche Bedeutung der Handel für eine funktionierende Wirtschaft hat. Sie beobachten, wie die Entwicklung in anderen Ländern unserer Erde vorangeht, zum Teil mit atemberaubendem Tempo. Sie sehen, wie die Menschen dort mit Problemen und Herausforderungen umgehen. Allen, die mit der Seeschifffahrt zu tun haben, sage ich: Berichten Sie unseren Landsleuten von all dem! Zeigen Sie an Hand Ihrer Erfahrungen und Ihrer Leistungen, dass wir im internationalen Wettbewerb mithalten und ihn ganz vorne mitgestalten können.

Bis weit ins Mittelalter hinein herrschte die Vorstellung, unsere Welt sei eine Scheibe. Die Menschen hatten Angst, sie könnten über den Rand dieser Scheibe hinabstürzen, wenn sie sich zu weit aufs Meer hinauswagten. Es waren Mathematiker und Astronomen, die die Theorie von der Kugelgestalt der Erde entwickelten. Aber es waren Seefahrer, die bewiesen, dass man den Globus umrunden kann; und dass die Angst vor dem Absturz unbegründet ist. Auch heute, angesichts einer ambivalenten Diskussion über die Globalisierung, können Seefahrer mit ihrer Erfahrung viel dazu beitragen, Unsicherheiten entgegen zu wirken und solides Urteilsvermögen zu stärken.

Die Seefahrt wird wohl immer beides sein: eine faszinierende Erweiterung des Horizonts der Seeleute und ihrer Zeitgenossen, aber eben auch harte Arbeit. Ich wünsche Ihnen allen und der deutschen maritimen Wirtschaft insgesamt weiterhin Freude und Erfolg bei Ihrer Arbeit. Seien Sie unserem Land gute Botschafter und erschließen sie uns weiterhin neue Horizonte. Und all denen, die vor dem Mast oder auf der Brücke oder im Maschinenraum auf Fahrt gehen: Allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und immer eine glückliche Heimkehr! Ich danke Ihnen.