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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Vorstellung der neuen Kunstausstattung der Villa Hammerschmidt

Der Bundespräsident am Rednerpult. Bonn, 9. Juni 2007 Foto: Engelbert Reineke, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Engelbert Reineke, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Wenn Häuser sprechen könnten, dann würde ich jetzt vermutlich gar nicht zum Reden kommen. Die Villa Hammerschmidt hat in den letzten einhundertfünfzig Jahren ihres Bestehens so viele Geschichten erlebt - oder besser noch: Geschichte -, dass sie wohl pausenlos davon erzählen könnte.

Wovon könnte die Villa erzählen? Zunächst natürlich von den Politikern, den Philosophen und Wissenschaftlern, die in ihr ein- und ausgegangen sind. Aber auch davon, dass es schon vor 150 Jahren ein Phänomen gab, das wir heute "Globalisierung" nennen, und für das damals ihr zweiter Besitzer stand. Er brachte es vom Bäckersohn zum "Zuckerkönig" Russlands und verpasste der Villa ordentlich Türmchen und Zierat. Sie könnte auch berichten, wie Theodor Heuss diesen - wie er meinte - "Zuckerguss" sieben Jahrzehnte später wieder abtragen ließ, als er 1951 als erster Bundespräsident hier einzog. Er fand es unangemessen, in - wie er es ausdrückte - "großbourgeoisen Pseudo-Draperien" das "deutsche Wesen" zu repräsentieren: Politisches Symbolverständnis im Wandel der Zeit.

Die Villa könnte erzählen von ihrem Mobiliar und ihrer Kunstausstattung und damit vom Kunstgeschmack und dem Leben von Unternehmer-Familien; vom wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, als die reichen Kunstschätze des Namensgebers Hammerschmidt verloren gingen; von der Not nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Möbel, Teppiche und Bilder von überallher zusammengeborgt werden mussten, und von den vielen weiteren Veränderungen in ihrer Zeit als Amtssitz der Bundespräsidenten. Und natürlich könnte sie von den zahllosen gekrönten und ungekrönten Häuptern berichten, die hier bis heute ein- und ausgehen.

Mit diesem Tag beginnt nun - so kann man, glaube ich, ohne Übertreibung sagen - ein neues Kapitel in der Geschichte der Villa Hammerschmidt: Sie hat eine von Grund auf erneuerte, erstklassige Kunstausstattung bekommen. Wunderbare, auch provozierende Werke, die ihrerseits viele Geschichten zu erzählen haben, von wunderbaren Künstlern, die international bekannt und zugleich im Rheinland verwurzelt sind.

Hugo Erfurth und August Sander haben beide Fotografiegeschichte geschrieben; ihre Porträtfotografien vermitteln - auf je ganz eigene Weise - tiefe Einblicke in die deutsche Geistes- und Gesellschaftsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Karl Otto Götz, den ich mit seiner Frau Rissa sehr herzlich hier unter uns begrüße, und Bernard Schultze, dessen Witwe, Frau Doris Schultze-Berger, ich ebenso herzlich begrüße, prägten die deutsche Kunstentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Werke werden einen neuen, spannungsvollen Dialog zwischen den Jahrhunderten in Gang setzen, die diese Villa erlebt hat.

Es ist also ein echter Neuanfang, den wir heute erleben. Er war aus verschiedenen Gründen nötig: So wurden nach dem Umzug des Bundespräsidialamts manche Bilder von Leihgebern zurückerbeten und andere - vor allem die Portraits von Reichspräsident Friedrich Ebert und Bundespräsident Theodor Heuss - ins Berliner Schloss Bellevue gebracht. Die Werke aus der so genannten "Linzer Sammlung" wurden zurückgegeben, als bei einigen von ihnen der Verdacht geäußert wurde, zur Raubkunst zu zählen.

Auch wenn es in den letzten Jahren ein wenig ruhiger geworden ist in dieser Villa: Hier finden noch immer hochrangige Begegnungen und wichtige Veranstaltungen des Bundespräsidenten statt. Und ich möchte bei dieser Gelegenheit bekräftigen, was ich schon mehrfach gesagt habe: Die Villa Hammerschmidt ist keineswegs der zweite Amtssitz des Bundespräsidenten - sie ist sein Bonner Amtssitz. Sie steht für den glücklichen demokratischen Neubeginn unseres Landes nach den Schrecken von Krieg und Diktatur und für viele gute Jahre deutscher Geschichte.

Es war gewiss nicht einfach, für einen Ort mit einer so ausgeprägten Vergangenheit die geeigneten Werke zu finden - das Ergebnis des Versuchs verdanken wir dem Direktor des Museum Ludwig, Herrn Professor König, dem Kurator für Malerei, Herrn Dr. Diederich, und dem Leiter der Fotografischen Sammlungen, Herrn Professor von Dewitz - Ihnen allen herzlichen Dank für die mit ebensoviel Herzblut wie Kunstverstand betriebene Suche. Großer Dank auch an die Leihgeber - das Museum Ludwig, Karl Otto Götz und seine Frau sowie die SK-Stiftung. Ich bin sicher, Ihre Bilder werden sich hier wohl fühlen und sich einiges zu erzählen haben. Wir werden selber erleben, wie sie auf uns wirken. Jetzt aber bin ich selbst gespannt auf das, was Herr Dr. Diederich vom Museum Ludwig über die Künstler und ihre Werke zu berichten weiß.

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