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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an verdiente Bürgerinnen

Gruppenbild mit Bundespräsident Horst Köhler und den Ordensträgerinnen Berlin, 21. Juni 2007 Foto: Thomas Köhler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Thomas Köhler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Ein Tag hat 24 Stunden - das gilt für jeden Menschen, ob er ein hohes Amt bekleidet oder nicht, ob er alt ist oder jung, ob er ein Mann ist oder eine Frau. Wie der oder die Einzelne diese Stunden nutzt, ist allerdings sehr unterschiedlich - so unterschiedlich wie die gesellschaftliche Anerkennung, die man für dieses Tun erhält. "Arbeit" - das wurde und wird zumeist mit "Erwerbsarbeit" gleichgesetzt. Es hat lange gedauert, bis man erkannte, dass auch die vielen Stunden, in denen wir ohne Bezahlung füreinander sorgen und uns um die Belange anderer kümmern, eine enorme Bedeutung haben - für die Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft, vor allem aber für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und das soziale Klima in unserem Land.

Und damit sind wir hier, bei der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Sie, verehrte Damen.

Sie alle verbindet, dass Sie sich in den 24 Stunden, die Ihnen täglich zur Verfügung stehen, für mehr einsetzen als für Ihren Beruf, für Ihr eigenes Wohl oder das Ihrer Familie und Freunde. So verschieden Ihre Lebenswege und Lebenssituationen auch sind: Sie alle eint das entscheidende Mehr an Zeit und Engagement, das Sie auf den unterschiedlichsten Feldern erbringen: für das Wohl Ihrer Mitmenschen oder das Zusammenleben in unserem Land und in unserer Einen Welt.

Viele von Ihnen engagieren sich sogar mehrfach, an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Funktionen. Wenn ich Ihre Lebensläufe betrachte, dann frage ich mich: Wie schaffen Sie das bloß, so viel zu bewegen und zu bewältigen? Und manchmal beschleicht mich auch der Verdacht: Ihr Tag muss mehr als 24 Stunden haben!
Gewünscht hat sich das die eine oder andere von Ihnen bestimmt schon mal. Es braucht viel Energie und Organisationstalent, um - neben der alltäglichen Arbeit in Haushalt und Beruf - in weiteren Lebensbereichen aktiv zu sein. Vor allem Frauen mit kleinen Kindern müssen - weit mehr als Männer - zwischen Berufs- und Familienarbeit balancieren, oftmals auf Kosten der Zeit für gesellschaftliches Engagement.

Aber auch ganz allgemein unterscheiden sich die Tagesabläufe von Frauen noch immer sehr deutlich von denen der Männer: Bei Frauen liegt das Schwergewicht ganz eindeutig auf der (unbezahlten) Hausarbeit, bei Männern auf der Erwerbsarbeit. Und auch bei der freiwilligen Arbeit gibt es große Unterschiede: Das Engagement der Frauen ist tendenziell eher familienbezogen und sozial bestimmt, während sich Männer stärker in berufsnahen Bereichen engagieren und in solchen, die traditionell mit mehr Prestige verbunden sind.

Ich weiß, verehrte Damen, Ihre Verdienste für unser Gemeinwesen sind sehr unterschiedlich und mit Sicherheit nicht darauf zu reduzieren, dass Sie sie als Frauen oder in einem typisch weiblichen Bereich erworben haben. Mir liegt sehr viel daran, auf Maßstäbe in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, die vielleicht erklären können, warum noch immer weit weniger Frauen als Männer für eine Auszeichnung mit dem Verdienstorden vorgeschlagen werden. Zwar ist der Anteil der Ordensträgerinnen seit 1990 von 16 auf 25 Prozent angestiegen. Doch gemessen am Anteil der Frauen an unserer Bevölkerung und an ihrem vielfältigen Engagement ist das immer noch viel zu wenig! Deswegen nehme ich seit Oktober letzten Jahres Vorschlagslisten nur noch an, wenn von zehn Kandidaten mindestens drei Frauen sind.

Dass bei uns so wenige Frauen mit dem Verdienstorden ausgezeichnet werden, liegt zum einen daran, dass die Verdienste von Frauen noch lange nicht so selbstverständlich anerkannt werden wie die von Männern - und zwar genau deshalb, weil sie oft als selbstverständlich gelten und von vielen Frauen auch selbst so gesehen werden: Dass eine Frau nicht nur ihre Eltern und Schwiegereltern pflegt, sondern auch die allein stehende Nachbarin, oder dass eine Mutter sich im Förderverein der Schule ihrer Kinder engagiert. Das Gelingen unseres Zusammenlebens hängt aber gerade von der Qualität solcher scheinbar selbstverständlichen Arbeit ab.

Ein zweiter Grund: Frauen engagieren sich zwar zeitlich gesehen in ähnlichem Maße wie die Männer - sie stehen aber seltener an herausgehobener Stelle; sind selten Vorsitzende, Leiterin oder Geschäftsführerin. Sie kennen ja vielleicht die volkstümliche Deutung des Wortes "Ehrenamt": "Den Männern die Ehre; den Frauen das Amt - will sagen: die Arbeit." Wenn wir die Leistungen von Frauen besser würdigen wollen, dann müssen wir darauf achten, dass wir herausragende Leistung nicht mit herausragenden Ämtern verwechseln, denn das versperrt den Blick auf das, was unterhalb von Führungs- und Funktionärsebenen gerade auch von Frauen geleistet wird.

Wir sollten aber zugleich auch mehr als bisher dafür tun, dass Frauen die Positionen einnehmen können, die ihren Leistungen angemessen sind. Eine moderne, zukunftsfähige und zugleich solidarische Gesellschaft braucht die Kreativität, die Phantasie und die Kompetenz der Frauen an verantwortlicher Stelle - in Wirtschaft und Politik genauso wie im Bereich der freiwilligen und gemeinnützigen Arbeit. Dazu braucht es auch Männer, die Haus- und Familienarbeit nicht scheuen und dafür gegebenenfalls auch im Beruf zurückstecken. Es braucht gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die es Frauen wie Männern möglich machen, berufliches, privates und öffentliches Engagement zu verbinden. Und schließlich braucht es Vorbilder.

Sie, meine verehrten Damen, sind solche Vorbilder. Sie zeigen, wie viel Sie als Frauen mit Ihrer Stimme, Ihrer Zeit und Ihrem Herzblut bewegen können - ob als Wissenschaftlerin oder Künstlerin, als Unternehmerin oder Begleiterin von Bedürftigen, ob in Vereinen, Bürgerinitiativen oder in der Politik. Früher hat man solches Engagement oft "selbstlos" genannt. Aber das trifft es nicht. Denn wer sich engagiert, handelt im Gegenteil sehr selbstbewusst: um Ziele zu erreichen und etwas zu bewegen; aber auch, weil es erfüllend ist und - jedenfalls überwiegend - Freude bringt.

Ich freue mich sehr darüber, Sie heute mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland auszuzeichnen. Bitte tragen Sie den Orden ebenso selbstverständlich wie selbstbewusst! Schlagen Sie andere verdiente Frauen zur Auszeichnung vor! Und machen Sie anderen Frauen Mut, ähnliche Wege zu gehen - und Männern auch!
Nun will ich aber lieber schließen, sonst kommt mir nachher noch eine von Ihnen mit dem Satz: "Gute Taten werden hauptsächlich von Männern gepredigt und von Frauen getan."