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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der 58. Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Kiel, 29. Juni 2007 Foto: Christian Thiel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Christian Thiel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein - schon deshalb natürlich, weil ich Ihnen so "live und in Farbe" zur Wiederwahl gratulieren kann, lieber Herr Professor Gruss. Für mich ist diese Festversammlung der vorläufige Höhepunkt einer Reise durch die Welt der Max-Planck-Gesellschaft. Sie hat mich über vier Stationen hierher geführt: Dresden, Rostock, Berlin und Manaus am Amazonas - vier Orte, an denen ich viel über die Bedeutung der Grundlagenforschung und die herausragende Arbeit der Max Planck Gesellschaft erfahren habe.

Nur wenige Tage nach meinem Amtsantritt habe ich im Juli 2004 in Dresden das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik besucht. Gewissermaßen am lebenden Objekt konnte ich dort studieren, welche enorme Aufbauarbeit die Max-Planck-Gesellschaft in den Neuen Ländern geleistet hat. Ich war begeistert von dem "spirit", der in Dresden herrscht; von dem Elan, mit dem Forscherinnen und Forscher aus 31 Ländern - viele von ihnen gerade einmal 30 Jahre alt - den Geheimnissen der Zelle auf den Grund gehen. Beeindruckt hat mich dort auch die - im doppelten Sinne des Wortes - gute Nachwuchsbetreuung. Die wird in Dresden nämlich nicht nur in der - gemeinsam mit der Technischen Universität betriebenen - Research School für Doktoranden geleistet, sondern auch in der institutseigenen Kita. Das ist echte Pionierarbeit: für die Forschung, aber auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie! Und für die müssen wir mehr tun, wenn wir genügend junge Menschen - vor allem junge Frauen - für wissenschaftliche Karrieren in Deutschland gewinnen wollen.

Das ist zum einen ganz schlicht eine Frage der Chancengerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, zum anderen aber auch ein Gebot der Vernunft. Denn schon heute zeichnet sich ein gravierender Nachwuchsmangel ab. Das gilt ganz besonders für die Natur- und Technikwissenschaften, aber auch für die Entwicklung unserer Bevölkerung insgesamt. Und auch hier hat die Max-Planck-Gesellschaft schon früh die Zeichen der Zeit erkannt.

Lange bevor die Zeitungen voll waren von Berichten über sinkende Geburtenzahlen und die Überalterung unserer Gesellschaft; lange bevor die Politik zu begreifen begann, welche enorme Herausforderung das Altern und Schrumpfen unserer Gesellschaft mit sich bringt, hatte die Max-Planck-Gesellschaft bereits das Institut für Demografische Forschung in Rostock gegründet. Im letzten Sommer konnte es sein 10jähriges Bestehen feiern - mit einer wissenschaftlichen Tagung, bei der ich als zuhörender Gratulant viel gelernt habe für meine eigene Beschäftigung mit dem demografischen Wandel. Ich begrüße auch sehr, dass es demnächst ein eigenes Max-Planck-Institut zur Erforschung der Biologie des Alterns geben wird.

Beim Thema "alternde Gesellschaft" zeigt sich eine besondere Stärke der Max-Planck-Gesellschaft: Interdisziplinäre Forschung ist hier kein bloßes Schlagwort, sondern tägliche Praxis - der jüngst erschienene Report über die "Zukunft des Alterns", den Sie, lieber Herr Professor Gruss, herausgegeben haben, ist ein Beleg dafür. Dort bündeln Biologen und Psychologen, Mediziner und Mathematiker, Philosophen und Soziologen verschiedener Max-Planck-Institute ihre Erkenntnisse - das dient nicht nur der Wissenschaft, sondern hilft auch Politik und Gesellschaft.

Dass Grundlagenforschung alles andere als alltags- und anwendungsfern sein kann, habe ich auch im letzten November in Berlin erlebt - und damit wäre ich bei der dritten Station meiner Reise. Dort konnte ich Ihnen, lieber Herr Professor Hell, den Deutschen Zukunftspreis - den Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation - überreichen. Ich gebe gerne zu, dass ich die kleine wissenschaftliche Revolution, die Sie mit der Überwindung der Abbeschen Beugungsgrenze angezettelt haben, noch nicht ganz verstanden habe. Umso mehr freue ich mich deswegen auf Ihren Vortrag gleich und auf meinen Besuch in Ihrem Institut in Göttingen im September. Verstanden habe ich aber, dass Sie mit Ihrem neuen Verfahren der Lichtmikroskopie anderen Forschern im wahrsten Sinne des Wortes neue Einsichten ermöglichen - und dass sich damit zugleich auch ein Geschäft machen lässt: Noch in diesem Jahr sollen die ersten Mikroskope mit "Hell inside" auf den Markt kommen.

Die vierte Etappe meiner Exkursion durch die Welt der Max-Planck-Gesellschaft erreichte ich schließlich im Frühjahr in Manaus in Brasilien, wo ich die "Tropenaußenstelle" des MPI für Limnologie bzw. für Chemie kennen gelernt habe. Wir alle kennen die Bilder von Brandrodungen im Amazonas-Regenwald, wir alle machen uns Sorgen darüber, wie dieser Raubbau an der Natur die Artenvielfalt und unser Klima weltweit beeinflusst. Die Sorgen kann uns die Arbeit des MPI nicht nehmen, wohl aber kann sie uns ein besseres Verständnis davon vermitteln, wie das Ökosystem Amazonas funktioniert. Dieses Grundlagenwissen brauchen wir zum Handeln - und handeln müssen wir, bevor die menschengemachten Folgen des Klimawandels möglicherweise unbeherrschbar werden. Deswegen ist es gut, dass es diesen Außenposten in Manaus gibt.

Er ist zugleich ein gutes Beispiel für die Internationalität der Max-Planck-Gesellschaft. Die Dependancen im Ausland, die vielen Kooperationsprojekte mit ausländischen Forschungseinrichtungen und Universitäten, die zahllosen Publikationen von Max-Planck-Wissenschaftlern in den international einflussreichsten Fachzeitschriften - all das macht die Max-Planck-Gesellschaft zu einem, wenn nicht dem Aushängeschild der deutschen Wissenschaft, ja unseres ganzen Landes in der Welt. Ich bin überzeugt: Ein Land, das viel zu bieten hat an grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen, an Bahn brechenden Erfindungen und innovativen Produkten; ein Land, das der Welt ein guter und attraktiver Partner in Wissenschaft und Wirtschaft ist - ein solches Land hat auch und gerade in der globalisierten Welt alle Chancen, in eine gute Zukunft zu gehen.

Deutschlands Ruhm als Wissenschaftsnation hat Tradition - und man kann ohne Übertreibung sagen, dass wir einen guten Teil dieses Erfolgs einem Mann zu verdanken haben, der vor 149 Jahren hier in Kiel geboren wurde und vor 60 Jahren in Göttingen starb. Ich bin mir gewiss, dass Sie im nächsten Jahr den 150. Geburtstag Ihres Namensgebers würdig begehen werden, zugleich aber wundere ich mich fast ein wenig, dass es derzeit noch so ruhig ist um Max Planck.

Ihm selbst wäre das wahrscheinlich ganz recht gewesen: Max Planck war und ist kein "Popstar der Wissenschaft". Von ihm gibt es nur Bilder mit steifem Kragen und keine mit herausgestreckter Zunge wie von seinem Zeitgenossen und Fachkollegen Albert Einstein. Wie Einstein prägte Planck das "Goldene Zeitalter der deutschen Physik" im letzten Jahrhundert. Auch Planck war ein Grenzgänger zwischen Naturwissenschaft und Philosophie. Was die beiden aber vor allem unterscheidet, ist ihre Einstellung zu Autorität und Konvention. Während Planck gewissermaßen wider Willen mit der Quantentheorie die Physik revolutionierte, hatte Einstein große Freude am Bruch mit dem Überkommenen - in der Wissenschaft genauso wie im gesellschaftlichen Leben. Planck war der Wissenschaft verpflichtet - und zwar auf eine Weise, die schon manchen Zeitgenossen "konservativ" erschien: Seine nüchterne Leidenschaft für die Forschung, sein beharrliches Engagement für die Wissenschaft, ihre Institutionen und Vertreter, aber auch seine Bereitschaft, auf der Suche nach Erkenntnis neben der Wissenschaft auch den anderen großen Weg - die Religion - zu respektieren - all das macht ihn auch und gerade heute zu einem Vorbild. Aktueller denn je ist seine Überzeugung, dass moderne Wissenschaft auf Wegweiser und ethische Grundsätze angewiesen ist - oder, wie er es einmal ausdrückte: "Die Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln."

Der Name Max Planck verpflichtet zu Exzellenz. Die aber fällt nicht vom Himmel - sie ist eine Folge von Begabung, Bildung und Ausstattung. Für die Begabung sind Gott oder die Gene zuständig, Bildung und Ausstattung sind Faktoren, die von uns Menschen beeinflusst werden. Wir wissen, dass unser Bildungssystem verbesserungsbedürftig ist - sowohl in der Vermittlung von solidem Wissen in der Breite als auch in der Förderung von Spitzenleistungen. Dafür gibt es viele Ansatzpunkte. Entscheidend aber ist, dass wir Schulen und Hochschulen künftig wieder besser bei ihrer Aufgabe unterstützen, junge Menschen zu ihren Bestleistungen zu bringen. Ich begrüße es deshalb sehr, dass die Max-Planck-Institute nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Ausbildung von jungen Wissenschaftlern stärker den Schulterschluss mit den Universitäten suchen: Davon zeugen etwa die Max Planck Research Schools , Kooperationsverträge wie die zwischen der Universität Heidelberg und den dortigen MPI oder die gemeinsamen Projekte im Rahmen der Exzellenzinitiative. Wir müssen mehr dafür tun, dass unsere Hochschulen wieder Trainingslager für Spitzenforschung sein können - und deswegen brauchen wir jetzt dringend auch eine Spitzeninitiative für die Lehre.

Exzellenzförderung ist nicht zuletzt eine Frage der Ausstattung und damit des Geldes. Im Fall der Grundlagenforschung heißt das immer noch: Es sind vor allem staatliche Zuwendungen, die den Forscherinnen und Forschern die Freiheit geben, ad fontes zu gehen - allein dem Ziel des Erkenntnisgewinns verpflichtet. Zweckfrei forschen - das heißt nicht: sinnlos forschen. Wir wissen zwar nicht, was morgen aus dem Wissen entsteht, das heute in den Max-Planck-Instituten erarbeitet wird. Wir wissen aber: Wir wären schlecht beraten, wenn wir in der Forschung nur nach möglichen Anwendungen schauen und darüber die Grundlagen vernachlässigen würden - zumal wir nicht das einzige Land auf der Welt sind, in dem sich Menschen fieberhaft bemühen, die Grenzen des Wissens weiter nach vorne zu verschieben. Und dieses unermüdliche Streben der Menschen nach Erkenntnis hat letztlich ein Ziel: dem Menschen mehr zu sagen über und mehr zu geben für sein Leben.

Die fundamentale Bedeutung der Grundlagenforschung muss sich auch niederschlagen in entsprechender Unterstützung. Überhaupt müssen wir in Deutschland weiter daran arbeiten, der Wissenschaft ebenso wie der Bildung mehr Priorität zu geben. Deswegen ist es auch gut, dass die Max-Planck-Gesellschaft sich dank des Paktes für Forschung und Innovation über höhere öffentliche Mittel freuen kann. Ich bin sicher, dass sie auch von dem aufgestockten Forschungsrahmenprogramm der EU in besonderer Weise profitieren wird. Und ich freue mich, dass sich private Mäzene bereit finden, die Pionierarbeit der Max-Planck-Gesellschaft zu unterstützen. Es ist gut, dass es diese Unterstützung für die Grundlagenforschung gibt und dass viele Menschen in unserem Land von ihrem Wert und ihrer Bedeutung überzeugt sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Deshalb ist es wichtig, dass Sie, liebe Forscherinnen und Forscher, auch gegenüber der Öffentlichkeit immer wieder erklären, was Sie tun, warum Sie es tun, und worin die Relevanz Ihrer Arbeit für uns alle liegt. Ich bin sicher: Sie können spannende Geschichten erzählen, die viele Menschen begeistern werden. Ich will auch künftig dabei helfen, den so wichtigen Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu stärken - nicht zuletzt deswegen bin ich heute hier. Vielen Dank!