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Rede von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich eines Empfangs in Bukarest

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult, im Hintergrund Flaggen Bukarest, Rumänien, 2. Juli 2007 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

Es ist schön, hier bei Ihnen in Bukarest zu Gast zu sein. Ich bin soeben mit Staatspräsident Basescu zusammengetroffen, mit dem ich einen breit angelegten, freundschaftlichen Meinungsaustausch hatte. Seit sechs Monaten gehört Rumänien nun zur Europäischen Union. Ich freue mich über die Gelegenheit, Ihnen dazu persönlich gratulieren zu können und einen eigenen Eindruck von Ihrem Land zu gewinnen.

Rumänien hat in den vergangenen 18 Jahren eine beeindruckende Modernisierung in nahezu allen Lebensbereichen vollzogen. Gewiss, es wird noch seine Zeit brauchen, ehe das Wohlstandsniveau manch anderer EU-Länder erreicht sein wird. Doch schon jetzt profitiert Rumänien von den Möglichkeiten, die der europäische Binnenmarkt bietet, und Verbesserungen in der Lebenssituation der Menschen sind allenthalben sichtbar. Voller Respekt beobachte ich das Wirtschaftswachstum Rumäniens in den vergangenen Jahren.

Ich freue mich, dass deutsche Unternehmen nicht unerheblich zu einer guten wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens beitragen. Ich freue mich, dass viele der heute anwesenden Gäste im Wirtschaftsleben unserer beiden Länder engagiert sind. Und ich freue mich, dass ich feststellen kann: Deutschland ist Rumäniens Handelspartner Nr. 1. Deutschland will diesen Platz auch nicht wieder aufgeben. Die deutschen Direktinvestitionen in Rumänien wachsen dynamisch. Und ich war zum Beispiel überrascht zu erfahren, wie viele Teile eines deutschen Autos in Rumänien produziert werden. Die Deutsch-Rumänische Industrie- und Handelskammer in Bukarest macht gute Arbeit bei der Förderung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Und deutsche Wirtschaftsclubs in Bukarest, Hermannstadt, Temeschwar, Arad und Klausenburg tragen zusätzlich zu Handel und Wandel zwischen Deutschland und Rumänien bei. Wesentlich für die weitere gedeihliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Rumäniens ist, dass die begonnenen Reformen weitergehen, denn wir wissen, dass es immer noch erhebliche Defizite gibt. Besonders wichtig sind dabei die Bemühungen um eine unabhängige und effiziente Justiz und eine wirksame Korruptionsbekämpfung auf allen Ebenen. Es liegt im ureigenen Interesse Rumäniens und seiner Menschen, die Korruption zu bekämpfen. Übrigens auch, weil Korruption vor allem den Ärmeren in der Gesellschaft und den kleinen und mittleren Betrieben schadet.

Die Mitgliedschaft Rumäniens in der Europäischen Union wird - wie bereits die Vorbereitungen auf den Beitritt - das Leben der Menschen verändern. Aber ich habe keinen Zweifel, dass Europa letztlich für alle von Vorteil ist, besonders auch für Rumänien.

Wir brauchen überall in der Europäischen Union Veränderungsbereitschaft, Flexibilität, Offenheit für Neues und Lernwilligkeit, um den neuen Herausforderungen begegnen zu können. Denn wir erleben in diesen Tagen einen globalen Transformationsprozess - und müssen uns als Europäer entscheiden, ob wir ihn mitgestalten oder uns treiben lassen wollen.

Als Europäer stehen wir heute vor Herausforderungen, die uns alle gemeinsam betreffen und die sich im nationalen Rahmen nicht lösen lassen. Das gilt für die Bewältigung des Klimawandels genauso wie für die Beseitigung der extremen Armut, den Einsatz gegen Gewalt und Terrorismus oder die Bekämpfung von Krankheiten wie AIDS. Diese Aufgaben mögen gewaltig erscheinen. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt: Wir Europäer können mit selbstbewusster Bescheidenheit einen Beitrag dazu leisten, dass die Geschicke der Weltgemeinschaft sich zum Guten entwickeln.

Europa muss um seine Position in der Welt des 21. Jahrhunderts kämpfen. Und diesen Kampf werden wir umso besser bestehen, je mehr wir für die großen Aufgaben unsere Kräfte bündeln. Als "gehobene Freihandelszone" wird Europa jedenfalls keinen nachhaltigen Einfluss auf die entstehende neue Weltordnung und die Gestaltung der Globalisierung ausüben können.

Ich bewerte es deshalb positiv, dass sich die Staats- und Regierungschefs in der vorletzten Woche auf dem Europäischen Rat in Brüssel auf Leitlinien für einen Reformvertrag für die Europäische Union geeinigt haben. Er war ein Zeichen dafür, dass Europa seinen Stillstand überwinden kann. Die Voraussetzungen sind geschaffen, damit das politische Projekt Europa wieder Richtung und neue Dynamik gewinnt. Rumänien hat daran konstruktiv mitgewirkt. Dafür sind wir in Deutschland dankbar.

Ich bitte Sie nun, mit mir das Glas zu erheben und auf das Wohl Rumäniens und auf die deutsch-rumänische Zusammenarbeit in Europa zu trinken.