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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Abendessen zu Ehren von Herrn Dr. h.c. André Leysen

Der Bundespräsident und André Leysen stehen nebeneinander vor der Standarte Berlin, 7. Juli 2007 Foto: Sandra Steins, BPA © Foto: Sandra Steins, BPA

Bei manchen Geburtstagsfeiern spreche ich allein von Amts wegen, bei anderen ergreife ich ganz privat das Wort. Heute aber spreche ich aus Pflicht und Neigung, spreche ich von Freund zu Freund und zugleich als Staatsoberhaupt zu einem Freunde Deutschlands.

Ich habe André Leysen vor knapp siebzehn Jahren kennen gelernt, im Verwaltungsrat der Treuhandanstalt. Er war dort Mann der ersten Stunde und blieb bis zuletzt - der einzige Nichtdeutsche, was ihm zwischen uns Ossis und Wessis die Artbezeichnung "Bossi" einbrachte, das hieß Belgier in Ostdeutschland -, und er war Mitglied im fünfköpfigen Präsidium. Ich habe damals knapp drei Jahre mit ihm zusammengearbeitet.

Natürlich hatte ich von Beginn an eine ungefähre Vorstellung davon, mit wem ich es zu tun hatte: ein Antwerpener, Flame, Belgier, der ausgezeichnet Deutsch sprach, mit einem leichten Akzent, der dem Ohr angenehm ist. Ein Unternehmer, der schon in überraschend vielen Branchen sehr erfolgreich gewesen war: als Reeder, als Zeitungsverleger, als Chef von Agfa-Gevaert. Eine Führungspersönlichkeit, die offenbar Weitblick mit Durchsetzungskraft verband und soziales Verantwortungsbewusstsein mit klaren ordnungspolitischen Grundsätzen - es hatte nämlich bundesweit Aufsehen erregt, wie er Anfang der achtziger Jahre das Agfa-Kamerawerk in München schloss: unternehmerisch konsequent angesichts der dortigen Verluste; ordnungspolitisch sauber bis hin zur Ablehnung staatlicher Hilfen, die freilich den Todeskampf vermutlich doch nur verlängert hätten; und den von der Schließung betroffenen Arbeitnehmern aufrichtig zugewandt, mit deren Vertretern er auch und gerade in dieser schwierigen Lage vertrauensvoll zusammenarbeitete. Ein Wirtschaftsführer mit einem transeuropäischen Netz hervorragender Beziehungen, der in wichtigen deutschen Aufsichtsräten saß, der sich auch in den wichtigen gut auskannte, in denen er nicht saß, und der ein gutes Verhältnis zum europäischen Wettbewerbskommissar Karel van Miert hatte - was der Arbeit der Treuhandanstalt sehr zugute kommen sollte, ich nenne nur das Stichwort EKO Stahl. Ein überzeugter Europäer schließlich, dessen Bekenntnis zum europäischen Einigungswerk so von Herzen zu kommen schien, wie ich es sonst eigentlich nur von Helmut Kohl kannte.

Ein Europäer aus Antwerpen also und eine überragende Unternehmerpersönlichkeit von tadellosem Ruf - das waren so ungefähr die Eigenschaften, die ich mit André Leysen verband.

Und nun hätten wir diese drei Jahre Seite an Seite arbeiten können und uns am Ende verabschieden und wären wie Schiffe gewesen, die sich freundlich begegnen und wieder aus den Augen verlieren. Aber wir kamen ins Gespräch, und dieses Gespräch dauert nun an seit siebzehn Jahren.

Dabei hat mich von Anfang an beeindruckt, wie weit der Gesichtskreis von André ist und wie tief sein Blick reicht: Die Aufgaben der Treuhandanstalt waren wahrlich groß genug, um einem den Horizont zu verstellen, aber André ordnete sie in einen viel größeren historischen und politischen Zusammenhang: in den der Zerreißung Deutschlands und Europas, die nun mit politischem Geschick und mit harter Arbeit geheilt werden konnte; in den Zusammenhang der Europäischen Union, die bis zum Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten doch nicht mehr sein konnte als ein schöner Torso; und in den Zusammenhang der Geschichte Belgiens, das eintausendeinhundert Jahre Krieg erlitten hat und immer wieder zwischen die Mühlsteine der deutsch-französischen Feindschaft geraten ist. Lieber André, Sie haben damals auch mir den Blick geschärft für das schon Erreichte, für die Größe der noch anstehenden Aufgaben und für Deutschlands gewachsene Verantwortung in der Welt, und ich bin dankbar dafür.

Ich spürte auch: Diese Weite und Tiefe des Blicks lässt sich vielleicht aus Büchern schöpfen, und ein großer Leser vor dem Herrn ist André allemal; aber bei ihm ist das Wichtigste nicht erlesen, sondern erlebt. André Leysen hat in seinen Jugenderinnerungen ("Hinter dem Spiegel") berichtet, durch welch harte Schule der Enttäuschung, der Demut und der Skepsis er gegangen ist. Er war einer von Millionen Gutgläubigen, die von den Nazis verführt wurden; er hat die Schrecken des Krieges in Belgien erlebt und Berlin in Trümmer sinken gesehen; und wenn er heute gleich nebenan über den Gendarmenmarkt schlendert, dann gehen seine Gedanken wohl auch zurück zu dem Tag im Jahre 1944, als er den Französischen Dom in Flammen sah.

Lieber André, viele aus Ihrer Generation haben das in jenen Jahren Erlebte und die eigene Rolle darin zu verdrängen und zu vergessen versucht. Sie dagegen haben beharrlich gefragt: Wie konnte es so weit kommen? Wo lagen die verborgenen Anfänge jener Veränderung, jener politischen Mutation, die in Diktatur, Krieg und Völkermord führte? Was hätte ich selber anders, besser machen können, so jung ich war? Und nicht zuletzt: Wie erkennen und bekämpfen wir solche gefährlichen Anfänge; wie setzen wir ihnen in ganz Europa starke demokratische Institutionen entgegen; und wie erziehen wir verantwortungsbewusste, vorausschauende Politiker und Bürger, die sich für die Demokratie interessieren und engagieren? Zu solchen Fragen führt Ihr Bericht über "eine Jugend in Flandern 1939 - 1945", und wer ihn liest, der versteht Ihre Passion für die Einheit Europas, für Freiheit und Demokratie und für ein Miteinander, in dem die Selbstverantwortung des einzelnen und seine ethische Verpflichtung zur Leistung mindestens denselben Rang haben wie sein Anspruch auf Hilfe im Notfall.

Lieber André, Sie sind ein wahrer Freund Deutschlands; aber die wahren Freunde sind nicht immer die bequemen. Ihr trockener Humor - der mit einer ausgesprochen sympathischen Selbstironie einhergeht - kann gelegentlich ganz schön zwiebeln. Ich sage das eher als Beobachter denn als Betroffener, weil wir wirtschafts- und ordnungspolitisch meist einer Meinung sind, aber allzu sicher fühle ich mich lieber auch nicht. Jedenfalls haben wir Deutsche von Ihnen schon manche liebevolle Vorhaltung zu hören und zu lesen bekommen, die dank ihrer Geschliffenheit im Gedächtnis bleibt. Eine kleine Blütenlese: Der Sozialstaat darf weder eine "Schürfkonzession" für die Bürger sein noch für die Politiker ein Mittel, "um sich den Goodwill der Bürger für den nächsten Wahltermin zu erkaufen". Und "die Politiker, vor allem die sozial Engagierten (...), müssen, falls sie glaubhaft bleiben wollen, die Bevölkerung darüber aufklären, dass die Ideale der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - mit (...) der Bezahlbarkeit in Einklang gebracht werden müssen." "Wir sollten weiter darauf achten, dass die Finanzwelt mit ihren spekulativen Elementen sich nicht von einer dienenden zu einer führenden Macht entwickelt." "Elite wird man durch Bildung, Leistung und Einsatz. Gabe ist Aufgabe." "Wenn wir weiterhin den perfekt verwalteten, aber vollkommen unterforderten Menschen als unser gesellschaftliches Idealbild in den Vordergrund stellen, dann werden wir scheitern." "Wenn Deutschland seine Chancen richtig wahrnimmt, wird es einen neuen Aufschwung erleben. Dieser kann jedoch nicht erjammert, sondern muss erarbeitet werden."

Alles das sind freundliche Erinnerungen daran, dass vor allem wir selbst für uns verantwort­lich sind; und Sie richten diese Erinnerungen aus gegebenem Anlass mit großer Verteilungsgerechtigkeit an Konzernherren und an Gewerkschaftsführer genau wie an Politiker und an jenen berühmten Berliner mit Namen Otto Normalverbraucher. Es sind auch Erinnerungen daran, dass unser heutiger Wohlstand hart erarbeitet ist und dass die Weltgeschichte keine Couponschneider kennt. Wir sollten Ihren Rat gut zu schätzen wissen, lieber André.

In der Einladungskarte, die André und Anne Leysen uns geschickt haben, steht: "Bitte keine Geschenke!" Ich hatte aber doch drei Geschenkideen. Die erste habe ich gleich verworfen, obwohl das Geschenk ein ausgesprochen lebendiges Symbol für eine biographische Parallele zwischen uns beiden gewesen wäre: ein schwarzes Ferkel. In "Hinter dem Spiegel" gibt es einen sehr lesenswerten Abschnitt über die Bedeutung des Schweins im besetzten Belgien im Allgemeinen und im Besonderen über weiße, das heißt der Besatzungsmacht gemeldete Ferkel und über die anderen, die schwarzen eben. Ein solches schwarzes Ferkel hat auch in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt, denn sein inoffizielles Dasein wurde bedauerlicherweise der volkseigenen Verwaltung bekannt, es drohten Repressalien, und meine Eltern hatten genug von der DDR und gingen mit uns Kindern in den Westen. Aber wie gesagt, ich habe mich nicht wirklich bemüht, für heute Abend ein schwarzes Ferkel zu besorgen. Die zweite Geschenkidee hatte mit der allerersten Geschäftstätigkeit von André Leysen zu tun. Er kaufte ab 1941 für den Betrieb seines Vaters in ganz Antwerpen und Umgebung rollenweise Schnur zusammen und hat Jahrzehnte später von sich gesagt: "Wenn ich heute an einem Schaufenster vorbeikomme, wo ein gut gedrehtes Exemplar von bester Qualität liegt, möchte ich es am liebsten kaufen." Also ich glaube, dass man zum Beispiel im Haushaltswarengeschäft Adolph in der Kantstraße bestimmt Eins A Schnurrollen bekommt, aber ich habe dann auch diese Idee nicht weiterverfolgt.

Ich habe nämlich eine Postkarte gefunden, bei der ich an Sie, an uns Deutsche und an Europa denken musste, und die habe ich jetzt dabei. Es ist ein Foto vom Gendarmenmarkt, als der Französische Dom brannte, und in der stummen Menge davor haben vielleicht auch Sie gestanden, lieber André. Das Bild erinnert daran, was war, und es lehrt uns schätzen, dass heute nicht nur der Deutsche und der Französische Dom brüderlich beieinander stehen, sondern auch die Nationen Europas.

Das ist auch Ihr Verdienst, lieber André, und dafür danke ich Ihnen und danke ich Dir, dafür danke ich als Bundespräsident und als Freund.