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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung des 5. Weltkongresses der Bildungsinternationalen

Der Bundespräsident am Rednerpult. Berlin, 22. Juli 2007 Foto: Miguel Villagran, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Miguel Villagran, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Gemeinsam für eine Bildung von hoher Qualität und sozialer Gerechtigkeit" - so lautet das Motto Ihres Weltkongresses. Dieses Motto ist gut gewählt, denn es benennt zentrale Aufgaben, vor denen nicht nur die Pädagogen, sondern die Weltgemeinschaft insgesamt heute stehen.

Bildung ist der Schlüssel zu Wohlstand und sozialer Anerkennung. Das gilt in Deutschland genauso wie in Ghana, China, Brasilien oder allen anderen Ländern. Bildung eröffnet Teilhabechancen. Sie befähigt den Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und etwas aus seinem Leben zu machen. Das ist der vielleicht wichtigste Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit in unserer Welt. Und deshalb ist es so elementar, dass alle Menschen Zugang zu guter Bildung haben. Dafür zu sorgen ist eine permanente Aufgabe, auch inLändern wie Deutschland.

Ich habe selbst erfahren, was gute Bildung bewirken kann: Als zweitjüngstes von acht Kindern einer Flüchtlingsfamilie war mir nicht vorgezeichnet, zu studieren, geschweige denn, einmal das höchste Staatsamt in Deutschland zu bekleiden. Erst die Schule und besonders ein Lehrer, der mich schon in jungen Jahren gefordert und gefördert hat, haben mir geholfen, mehr aus meinem Lernen und damit aus meinem Leben zu machen. Ich hatte Glück, einen solchen Lehrer zu treffen.

Aber gute Bildung sollte keine Glückssache sein. Gute Bildung ist ein Menschenrecht. Eine befriedigende Verwirklichung dieses Rechts hat die Weltgesellschaft noch nicht erreicht:

- Weltweit gehen noch immer fast 80 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht in die Schule.

- Viel zu viele Kinder brechen ihre Schulausbildung ab, häufig noch bevor sie grund­legende Kompetenzen wie Rechnen, Lesen und Schreiben wirklich beherrschen.

- Die Folge davon: Fast jeder fünfte Erwachsene weltweit ist Analphabet.

Das darf uns keine Ruhe lassen. Denn es beschränkt die Chancen dieser Menschen und behindert zugleich die Entwicklung ihrer Länder. Bildung ist und bleibt die beste Hilfe zur Selbsthilfe - und das nicht nur, was die Möglichkeiten der Berufsausübung angeht, sondern auch mit Blick auf elementare Fragen des Lebens und Überlebens:So haben zum Beispiel Untersuchungen in Afrika gezeigt, dass das Risiko, sich mit AIDS zu infizieren, mit steigendem Bildungsniveau abnimmt. Auch in den führenden Industrienationen lässt sich ein Zusammenhang zwischen Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung beobachten.

Leider gilt dieser Zusammenhang auch umgekehrt: Wer an Mangel- oder Unterernährung leidet, hat meist geringere Bildungserfolge, und auch ein regelmäßiger Schulbesuch kann das oft nicht völlig ausgleichen. Wer aber keine oder nur eine schlechte Bildung hat, dem fällt es schwerer, sein täglich Brot zu verdienen. Um diesen Teufelskreis aufzubrechen, ist Bildung unverzichtbar.

Aber sie allein genügt nicht. Die ärmsten Länder der Welt brauchen nicht nur unsere Hilfe beim Aufbau ihres Bildungssystems, sondern auch wirksame Unterstützung bei der Armutsbekämpfung. Ein unersetzlicher Beitrag hierfür, ein entwicklungsfreundliches multilaterales Handelsregime, ist derzeit aber blockiert. Ich halte dies für ein schweres Versäumnis der Verhandlungen im Rahmen der Doha-Runde der Welthandelsorganisation.

Bildung, Entwicklung und soziale Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen. Einiges wurde in den vergangenen Jahren auf diesem Feld bereits erreicht oder doch wenigstens in Bewegung gesetzt: Das Programm der UNESCO "Bildung für alle" und die Milleniumsziele der Vereinten Nationen wollen bis 2015 allen Kindern wenigstens die Teilnahme am Elementarunterricht ermöglichen. Dieses Ziel ist erreichbar, wenn sich alle Beteiligten noch mehr anstrengen.

Ermutigende Beispiele gibt es genug:

So ist es in Vietnam gelungen, durch die Einführung der Schulspeisung nicht nur die Zahl der Kinder, die am Unterricht teilnehmen, zu erhöhen, sondern auch zu einer Verbesserung ihres Lernerfolgs beizutragen.

Auch in Brasilien hat ein Pilotprojekt, in dem die Auszahlung von Sozialleistungen an den Schulbesuch der Kinder geknüpft wird, dazu geführt, dass dort deutlich mehr Kinder in die Schule gehen.

Und auch in den meisten afrikanischen Ländern ist die Einschulungsrate deutlich gestiegen. Hieran und an der Verbesserung des gesamten Bildungswesens in den armen Ländern muss aber konsequent weitergearbeitet werden. Und gerade hierfür muss auchdie von den Industrienationen zugesagte Aufstockung der Entwicklungshilfe zum Zuge kommen.

Dass Bildung zum Erfolg führt, ist nicht allein eine Aufgabe für den Staat. Die Eigen­verantwortung jedes Einzelnen ist dabei ebenso gefordert wie das Engagement von Unter­nehmen und gesellschaftlichen Initiativen. Auch hier gibt es viele ermutigende Ideen und Projekte:

- Zum Beispiel das indische Ehepaar, das in einem der Slums von Kalkutta eine Schule gegründet und junge Lehrer ausgebildet hat.

- Oder ein anderes Beispiel: der Lehrer aus Guinea, der an einem deutschen Gymnasium Französisch unterrichtet, seinen deutschen Schülern den Alltag seiner afrikanischen Heimat näher bringt und gemeinsam mit ihnen und dem Förderverein seiner Schule ein Projekt ins Leben gerufen hat, aus dessen Erlösen in seinem Heimatort unter anderem eine Schule gebaut wurde.

- Oder der deutsche Reeder, der vom wachsenden Welthandel profitiert und andere daran teilhaben lassen möchte. Durch eigene Mittel und Spenden anderer will er in Afrika bis 2010 5.000 Schulen bauen - 300 davon stehen schon.

Ich wünsche mir, dass diese Beispiele "Schule machen". Wir brauchen noch viel mehr davon!

Für den Bildungserfolg sind nicht zuletzt gute Lehrer ausschlaggebend. Zusammen mit Eltern und Familie wecken und entfalten sie die natürliche Neugier der Kinder, sie vermitteln ihnen grundlegende Kompetenzen, und sie sind Vorbilder. Gute Lehrer sind - dieses Bild findet sich in der europäischen genauso wie beispielsweise in der arabischen Literatur - wie Gärtner, die sich um jeden einzelnen der ihnen anvertrauten Schüler kümmern, ihn in seinem Wachstum unterstützen und zugleich auf individuelle Fähigkeiten und Begabungen eingehen können.

Die Wirklichkeit sieht aber oft anders aus: Vielerorts mangelt es an Lehrern. Das gilt in bestimmten Schulformen und -fächern auch für Deutschland, wenn auch in vergleichsweise überschaubaren Dimensionen. Viel drastischer ist die Situation aber zum Beispiel in Afrika südlich der Sahara: Hier fehlen bis zum Jahr 2015 voraussichtlich weit über zweieinhalb Millionen Lehrerinnen und Lehrer. Auch der Aus- und Fortbildungsstand der vorhandenen Lehrer stellt in vielen Ländern ein Problem dar.

Der Philosoph Karl Jaspers hat einmal gesagt: "Es ist das Schicksal des Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet." Das ist ein bedenkenswerter Satz. Unsere Lehrerinnen und Lehrer haben eine enorme Verantwortung, und wir erwarten viel von ihnen - denn wir vertrauen ihnen das Kostbarste an, was wir haben: unsere Kinder und damit unsere Zukunft.

Deshalb sollten wir auch bereit sein, den Pädagogen entsprechende Arbeitsbedingungen zu bieten. Das ist nicht nur eine Frage der Bezahlung. Dazu gehören auch angemessene Klassengrößen, fachliche und menschliche Unterstützung, die Einbindung der Schule in ihr gesellschaftliches Umfeld - und nicht zuletzt auch Wertschätzung und Anerkennung für die Lehrerinnen und Lehrer. Das gilt in Deutschland wie in allen anderen Ländern.

Ich wiederhole daher ausdrücklich, was ich auch schon bei anderen Gelegenheiten gesagt habe: Engagierte, leistungsbereite Lehrerinnen und Lehrer, die nicht aufgeben, die darauf brennen, jungen Menschen etwas beizubringen, sind für mich Helden des Alltags.

Sie, meine Damen und Herren, haben es sich zur Aufgabe gemacht, Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Arbeit zu unterstützen und sich für ihre Belange einzusetzen. Sie sehen sich dabei nicht nur als Vertreter Ihrer Berufsgruppe, sondern auch als Dienstleister für gute Bildung: Das kommt in dem Namen Ihrer Organisation, in ihrem Selbstverständnis und im Programm dieses Weltkongresses zum Ausdruck.

Ich wünsche Ihnen in den kommenden Tagen einen ertragreichen Austausch und für Ihre weitere Arbeit viel Erfolg! Und ich verspreche Ihnen: Das Ziel "gute Bildung für alle" ist mir ein Herzensanliegen, und ich werde mich weiterhin dafür einsetzen: inDeutschlandund - wo mir das möglich ist - auch darüber hinaus.