Navigation und Service

Grußwort des Bundespräsidenten bei der Übergabe der Erntekrone

Der Bundespräsident, Vertreter des Bauernverbands, der Landjugend, der Landfrauen etc. versammeln sich hinter der Erntekrone. Berlin, 19. September 2007 Foto: Steffen Kugler, BPA © Foto: Steffen Kugler, BPA

Wenn ich diese schöne Erntekrone betrachte, gewunden und geflochten vom Brandenburger Landfrauenverband, gerate ich ins Staunen: Über den Reichtum der Natur, der in ihr verarbeitet wurde; über die Kunstfertigkeit und den Traditionssinn, die in ihr stecken. Zugleich aber frage ich mich: Passt ein solches Symbol eigentlich noch in unsere heutige Zeit? Warum feiern wir überhaupt noch Erntedank? In unseren Supermärkten ist schließlich das ganze Jahr über Erntezeit - die Auslagen sind auch im tiefsten Winter reichlich gefüllt mit Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln aus aller Herren Länder. Viele Menschen in anderen Teilen der Welt müssen schlechte Ernten und Hungersnot fürchten. Wir fürchten schlimmstenfalls einen Preisanstieg.

In einer aktuellen Umfrage des Deutschen Bauernverbands wurde auf die Frage nach den gesellschaftlich wichtigsten Berufen der Landwirt an dritter Stelle genannt - nach dem Arzt und dem Lehrer. Das ist gut zu hören, denn es zeigt: Auch heute ist bei den meisten Menschen in unserem Land das Bewusstsein wach, dass die Arbeit der Bauern wichtig ist und dass unsere Nahrung nicht vom Himmel fällt.

Dieselbe Umfrage zeigt auch ganz deutlich: Die Menschen haben hohe Erwartungen an unsere heimische Landwirtschaft. Über 90 Prozent der Befragten ist nicht nur die Qualität, sondern auch die Transparenz der Produktion von Lebensmitteln wichtig. Etwa genau so viele sorgen sich um einen artgerechten Umgang mit Tieren und wünschen sich eine Versorgung mit Produkten aus der Region. Und auf die Frage, welche Begriffe sie positiv mit dem Thema Landwirtschaft verbinden, nannte die mit Abstand größte Gruppe der Befragten das Stichwort "ökologische Landwirtschaft".

Aus diesen Antworten, so scheint mir, spricht eine grundsätzliche, hohe Wertschätzung für die Landwirtschaft; es drückt sich aber auch Unbehagen aus. Zum Beispiel angesichts einer Tierhaltung, die Hühnern, Schweinen oder Rindern qualvolle Enge und lange Transporte zumutet und sie anfällig macht für Krankheiten. Oder angesichts technisch-wissenschaftlicher Produktionsweisen, die dem, was wir als "natürlich" empfinden, kaum noch Raum lassen.

Allerdings müssen wir uns als Verbraucherinnen und Verbraucher auch eingestehen, dass wir von der Landwirtschaft so etwas wie die Quadratur des Kreises erwarten: Wir wollen hochwertige Nahrungsmittel, bei deren Produktion Natur und Umwelt geschont werden. Wir wollen Fleisch aus artgerechter Haltung. Wir wollen möglichst wenig Chemie und möglichst viel Natur. Und zugleich wollen wir das alles so billig wie möglich - am liebsten sollte es überhaupt nichts kosten. Wenigen ist bewusst, dass wir heute für ein Kilo Schweinekotelett gerade mal ein Fünftel der Zeit arbeiten müssen wie 1960, als Fleisch noch ein Sonntagsessen war; und dass man damals für ein Päckchen Butter den Gegenwert von 40 Minuten Arbeit zahlte und nicht - wie heute - von vier Minuten.

Ich weiß um die Widersprüchlichkeit der Erwartungen der Verbraucher und um die Spannungen zwischen ökonomischen und ökologischen Erfordernissen, unter denen viele Landwirte leiden. Diese Spannungen lassen sich nicht durch einseitige Schuldzuweisungen lösen, sondern nur, wenn alle Beteiligten sich auf ihre Verantwortung besinnen:

Als Verbraucherinnen und Verbraucher müssen wir bereit sein, für gute, umweltfreundlich und fair produzierte Lebensmittel einen angemessenen Preis zu zahlen. Dazu müssen wir uns die Zusammenhänge bewusst machen zwischen den Preisen, die wir an der Ladenkasse zahlen, und den anderen, "unsichtbaren" Kosten, die wir der Natur, den Menschen in anderen Ländern oder zukünftigen Generationen aufbürden. - Lebensqualität ist eben längst nicht allein eine Frage der Menge, sondern auch der Güte.

Die großen Verbände stehen in der Verantwortung, ihren Einfluss, ihre Macht zugunsten einer nachhaltigen Landwirtschaft zu mobilisieren, einer Landwirtschaft, die nicht nur ökonomischem Kalkül entspricht, sondern auch Tierschutz- und Umwelt-Erfordernissen und sozialen Anliegen gerecht wird - und die gerade dadurch die Ressourcen schont, auf die sie selbst angewiesen ist.

Die großen Lebensmittelkonzerne und der Handel sollten dem positiven Beispiel mancher Produzenten folgen, die beim Einkauf ihrer Rohprodukte nicht nur auf den Preis, sondern auch auf ökologische Qualität und artgerechte Haltung schauen - so verwendet ein traditionsreicher Lebensmittelkonzern seit kurzem für seine Produkte keine Eier aus Käfighaltung mehr. Ich bin gewiss, die Verbraucher werden es zu schätzen wissen.

Das alles, meine Damen und Herren, sind große Herausforderungen an uns alle - und darum ist es gut, wenn wir heute an Traditionen wie dem Erntedankfest und der Erntekrone festhalten. Sie erinnern uns in unserer schnelllebigen, globalisierten Welt an Werte, die ihre Gültigkeit bei allem technischen Fortschritt behalten werden.

Ich wünsche unseren Bäuerinnen und Bauern alles Gute. Sie haben Dank und Anerkennung verdient, das sehen wir gerade beim Erntedank.

(Zur Bildergalerie)